Serie Eine Königin der Leichtathletik

Metzingen / Wolfgang Seitz 14.03.2018

Etwas Unglaubliches hat sich Sophie Hamann jüngst geleistet: Urlaub. Eine Woche lang war sie mit Freundinnen in Brüssel. Turnschuhe waren zwar an Bord – aber nur, um bequem per pedes die Sehenswürdigkeiten der belgischen Metropole abklappern zu können. Die ambitionierte Siebenkämpferin kam also ganz ohne Training aus. „Es war ja kurz nach der Hallensaison. Da kann man schon mal eine kleine Pause machen“, so Sophie Hamann fast entschuldigend. Das geht schon in Ordnung angesichts der Trainings-Umfänge, die die Athletin von der TuS Metzingen ansonsten abarbeitet. Sechs pro Woche sind normal, sieben keine Ausnahme. „Ich mache es ja gerne, es ist kein Muss“, sagt die 21-Jährige. Aus so einem Holz müssen jene geschnitzt sein, die sich der Königsdisziplin der Leichtathletik widmen – dem Mehrkampf.

Kunstturnen und Leichtathletik

Es ist ein bisschen verblüffend, macht dann aber irgendwie Sinn, wenn Sophie Hamann erzählt, wie sie zum Siebenkampf gekommen ist. „Seit meinem fünften Lebensjahr machte ich in Tübingen Kunstturnen, als ich dann mit 13 an einem Kombi-Wettkampf teilnahm, hat es mir die Leichtathletik schnell angetan.“ Weil verschiedene Disziplinen kombiniert wurden, ist der damalige Teenager der Abwechslung wegen praktischerweise beim Mehrkampf geblieben. Unter den Fittichen von Dorinel Andreescu stellten sich erste Erfolge ein und als der Trainer von Tübingen nach Metzingen gegangen ist, ging die Athletin mit, als er die TuS Richtung Pliezhausen verließ, blieb sie beim Ermstal-Klub. „Ich wollte nicht schon wieder wechseln, außerdem fühle ich mich hier gut aufgehoben“, so Hamann. Uwe Euchner hat sich als Trainer ihrer angenommen.

Mit ihm wird nun die magische Grenze von 6000 Punkten angepeilt. Der Trainer traut es ihr zu, die Athletin lacht. „Uwe ist immer ein bisschen euphorisch.“ Die Idee, dass er sie damit sanft unter Druck setzt, kam ihr (noch) gar nicht. Dabei hat der erfahrene Trainer vollkommen recht. Wer als Bestmarke 5726 Punkte stehen hat, kann ruhig das Zahlenwerk angehen, das mit einer 6 beginnt. Damit wären die Qualifikationskriterien für die Europameisterschaft in Berlin erfüllt (7. bis 12. August). Wobei es in Deutschland etliche Athletinnen gibt, die in solche Sphären vorstoßen können und nur die besten Drei zur EM im eigenen Land dürfen. Am 26./27. Mai trifft sich die Elite der Allrounder beim Meeting in Götzis (Österreich). „Irgendwann will ich da auch hin“, blickt Sophie Hamann sehnsüchtig voraus. Sie war schon dort  – drei Mal als Zuschauerin.

Ziel 6000

Weil sie nicht den zweiten vor dem ersten Schritt machen will, geht die TuS-lerin nun das Unterfangen 6000 an. Anfang Mai in Halle soll zumindest eine Annäherung erfolgen. Die Form stimmt, wie die Hallensaison gezeigt hat, wo allerdings die Laufdisziplinen eine Hauptrolle spielten. Die Hürden gelten als eine der Paradedisziplinen Hamanns, was angesichts des Siebenkampf-Programms kein Fehler ist. Dort gibt es viele Punkte, und weil mit den Hürden gestartet wird, kann man gleich ein feines Polster aufbauen. Lauf und Sprung sind ihr Ding, bei den Wurfdisziplinen dürfte es gerne weiter gehen. „Wir haben im Winter einiges getan, dass es besser wird“, so Hamann. Unter anderem flog man nach Leipzig, um an der Hochschule technische Analysen im Speerwurf und Kugelstoßen vorzunehmen.

Sophie Hamann ist der Läuferinnen-Typ und als solcher tut man sich schwer, wenn es darum geht, Kugel oder Speer so weit wie möglich von sich weg zu befördern. „Dort verliere ich immer an Boden“, weiß sie. Beispielsweise war dies im vergangenen Jahr der Fall, als bei der Qualifikation zur U23-EM 24 Punkte fehlten. Die hat sie mit dem Speer eingebüßt, der einfach nicht richtig fliegen wollte. Ausgerechnet in jenem Wettkampf, der mit der Bestmarke von 5726 endete, mit der man im Vorfeld nicht unbedingt rechnen konnte.

Systematisch gilt es einen Siebenkampf anzugehen, immer mit der Vorgabe, die Disziplinen zur eigenen Zufriedenheit zu absolvieren. Genau so ist Sophie Hamann auch im Studium unterwegs. International Fashion Retail studiert sie in Reutlingen, ein Wirtschaftsstudiengang, der sich mit Mode und Textilien beschäftigt.  Keine Partner-Uni eines Olympiastützpunktes, wie zum Beispiel Tübingen, dafür aber mit einem exzellenten Ruf. Diesem ist Sophie Hamann gefolgt. Freiräume für den Sport findet sie trotzdem. „Ich muss abends nicht immer weggehen“, sagt die 21-Jährige. Nach harten Trainingseinheiten durchaus nachvollziehbar. Mit Bedacht wurde die Destination für einen studienbedingten Auslandsaufenthalt im kommenden Winter gewählt. Der lässt sich an einer Partner-Uni in Ohio am besten mit der Leichtathletik verbinden. Bis dahin soll die 6000-er-Marke zumindest wackeln, im Idealfall ist sie geknackt.

Aktuell treibt Sophie Hamann etwas anderes voran – eine Trainerkarriere. Bei „Ermstal da läuft was“ betreut sie für die TuS eine Fortgeschrittenen-Gruppe. „Von Natur aus bin ich hilfsbereit. Ich kann schlecht Nein sagen.“ Das macht die junge Sportlerin noch sympathischer.

Ein Hoch auf die Vielseitigkeit

In der Leichtathletik gibt es drei wesentliche Ebenen mit dem Laufsport, mit den Wurfdisziplinen und mit den Sprungdisziplinen. Die drei Ausrichtungen lassen sich durch den Mehrkampf vereinen und dabei gibt es zwei Wettbewerbe: Den Siebenkampf der Frauen und den Zehnkampf der Männer.
Wesentlich ist, dass man die besten und vielseitigsten Athletinnen und Athleten sucht. Sie sind nicht auf eine bestimmte Strecke oder eine bestimmte Ausführung spezialisiert, sondern müssen alle wesentlichen Fähigkeiten mitbringen, um eine Chance auf den Gesamtsieg zu haben. Sowohl der Siebenkampf der Frauen als auch der Zehnkampf der Männer ist ein Wettkampf, der zwei Tage dauert.

Siebenkampf Tag 1
100 m Hürdenlauf
Hochsprung
Kugelstoßen
200 m Lauf
Siebenkampf Tag 2
Weitsprung
Speerwerfen
800 m Lauf

Showeinlage beim Ball des Sports

Im Februar machte Sophie Hamann beim Ball des Sports in Wiesbaden Werbung in eigener Sache. Die Leichtathletik präsentierte sich im Hinblick auf die EM im eigenen Land. „Es war ein schönes Event, das ich genossen habe, obwohl es in die Prüfungsphase fiel“, so Hamann. Vorstände von Wirtschaftsunternehmen sollte vor Augen geführt werden, dass es neben Fußball auch andere Sportarten gibt, die man unterstützen kann.
Sophie Hamann selbst hat eine Sponsorenmappe zusammengestellt. Sie hat Freude an der Leichtathletik, ohne Unterstützung geht dort ab einem bestimmten Level aber nicht mehr viel. Ganz schlecht angelaufen ist es nicht. Ein Auto rollt schon an, es darf aber gerne mehr sein. Also nicht Autos. Da reicht eines. wose     

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