Er war der Libero in der Geschichte des Ulmer Fußballs. Auf dem Rasen fand er in den 1970er- und 1980er-Jahren in zahlreichen schwierigen Situationen eine Lösung. In der außerfußballerischen Realität war dies in letzter Zeit nicht mehr der Fall. Am Samstag schied Walter Kubanczyk im Alter von 67 Jahren aus dem Leben. Aufgrund von privaten Problemen sah er für sich offenbar keinen anderen Ausweg mehr als den Freitod – und hinterlässt nun schockierte einstige Mitspieler, Funktionäre und traurige Fans.

Libero par excellence

Wer weiß, ob Ralf Rangnick, in der Saison 1975/76 Kubanczyks Mitspieler beim SSV 46, auf die Idee der Viererkette und Raumdeckung gekommen wäre, hätten alle Liberos der damaligen Zeit ihre Rolle so ausgefüllt. „Er war der Libero par excellence“, sagt Günter Berti, der während fast seiner gesamten Fußballer-Karriere als linker Verteidiger Kubanczyk an seiner Seite wusste.

Exzellentes Tackling

Kubanczyk war zwar nie der Schnellste, hatte aber einige herausragende Eigenschaften, mit denen er dieses Manko kompensierte: Ein sicheres Stellungsspiel, ein hervorragendes Auge und ein exzellentes Tackling. „Wenn wir alle ausgespielt waren und ein gegnerischer Spieler allein auf unser Tor zulief, dann wussten wir: an Walter kommt kaum einer vorbei. Seine Schere war legendär“, erinnert sich Berti. Die Torhüter, zuerst Alex Pietsch, später Walter Modick, klagten in der damals drittklassigen Amateurliga Württemberg und später der Amateur-Oberliga Baden-Württemberg, oftmals über fehlende Beschäftigung.

Kubanczy: Der Beckenbauer Ulms

Auch wenn der Vergleich verwegen sein mag: Für Ulmer Fußballerverhältnisse war Kubanczyk das, was Franz Beckenbauer im Weltfußball ist. Als A-Jugendlicher war Kubanczyk im Sommer 1968 vom TSV Langenau an die Gänswiese gekommen. Von der Spielzeit 1970/71 an gehörte er zum aktiven Kader des fusionierten SSV Ulm 1846 und war  15 Spielzeiten in Folge für die Spatzen am Ball – und für keinen anderen Verein sonst.

Feines Gefühl für den Ball

Kubanczyk war nicht nur ein Defensiv-Stratege. Mit seinem feinen Gefühl für den Ball leitete er – für die damalige Zeit als Libero weitgehend ungewohnt – auch als quasi erster Mittelfeldspieler viele Offensivaktionen ein. Und schloss sie oftmals erfolgreich ab. 28 Ligatore für den SSV 46 belegen dies. So verwundert es nicht, dass die Ulmer in Kubanczyks aktiver Karrierezeit acht Mal Oberliga-Meister wurden. In den Aufstiegsrunden zur zweiten Liga scheiterten die Spatzen jedoch meistens.  Bis auf zwei Ausnahmen. In der Saison 1978/79 stiegen die Ulmer – dank nur 25 Gegentoren aus 38 Spielen – in die zweite Liga auf, ebenso in der Saison 1982/83. Kubanczyk kam auf insgesamt vier Spielzeiten in der zweithöchsten deutschen Liga. Dort kam der bis vor einigen Jahren als Anzeigenvertreter arbeitende Dornstädter auf 134 Profispiele (6 Tore).

Im Viertelfinale des DFB-Pokals

1982 erreichte Kubanczyk mit den Spatzen das Viertelfinale im DFB-Pokal. Die Ulmer waren beim VfL Bochum lange Zeit die überlegene Mannschaft, mussten sich aber in der Verlängerung mit 1:3 geschlagen geben – auch wegen eines Eigentores von Kubanczyk.

Kubanczyks aktive Karriere endete 1985 mit dem Zweitliga-Abstieg. Es folgten Trainerstationen beim FC Gundelfingen, FV Biberach und zweimal der SpVgg Au.

„Kubi war nie ein geselliger Mensch. Aber er hat viel für den Zusammenhalt der Mannschaft getan“, erinnert sich Berti. Später ging der Kontakt zu seinen einstigen Mitspielern verloren. Kubanczyk zog sich immer mehr zurück. Am Samstag verabschiedete er sich endgültig.

Für den SSV Ulm 1846 Fußball ist Kubanczyks Tod der zweite Abschied von einem großen Spieler. Im Oktober 2019 war Mittelfeldstratege Dieter Kohnle  nach kurzer, schwerer Krankheit im Alter von 62 Jahren gestorben.

Seelsorgerische Hilfe


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