Moment mal, bitte! „Es war so unfassbar laut“

Stefan Scheufele im Estádio do Dragão des FC Porto beim Champions-League-Auswärtsspiel von RB Leipzig.
Stefan Scheufele im Estádio do Dragão des FC Porto beim Champions-League-Auswärtsspiel von RB Leipzig. © Foto: Privatfoto
Schwäbisch Hall / Hartmut Ruffer 23.12.2017

Der Mann kennt sich aus im Profisport: Stefan Scheufele war jahrelang mit den deutschen Alpin-Skiläufern unterwegs und hat die deutschen Spitzenleichtathleten betreut. Nun ist der 45-jährige Haller seit dem 1. Juli einer von vier Physiotherapeuten beim Fußball-Bundesligisten RB Leipzig. Damit hat sich Stefan Scheufele einen Wunsch erfüllt.

Herr Scheufele, lassen Sie uns etwas mehr als ein halbes Jahr zurückgehen. Wie sind Sie zu der Aufgabe bei RB Leipzig gekommen?

Stefan Scheufele: Ganz ohne Beziehungen geht so etwas nicht, da muss ich ehrlich sein. Natürlich hatte ich mir durch die Arbeit beim DSV und mit den Leichtathleten einen gewissen Ruf erarbeitet. Der Profifußball hat mich schon immer gereizt. Allerdings dachte ich, dass ich eher beim VfB Stuttgart oder in Hoffenheim eine Chance erhalte. Der Anfang war eine Behandlung in meinem Reha-Studio.

Wer war bei Ihnen?

Ich behandelte im Juni Fred Adolf von Intersport Petermann. Er ist mit Ralf Rangnick (Sportdirektor bei RB Leipzig, Anm. d. Red.) seit gemeinsamen Backnanger Zeiten befreundet. Am gleichen Abend traf er sich mit diesem zum Essen. Zufällig hatte sich kurz zuvor RB von einem seiner vier Physiotherapeuten getrennt. So kam mein Name ins Spiel.

Wie schnell hat sich Ralf Rangnick bei Ihnen gemeldet?

(lacht) Sehr schnell. Am nächsten Tag klingelte um 8 Uhr in der Früh mein Telefon, ich war völlig überrascht. Rangnick lud mich nach Leipzig ein. Bevor er mich anrief, hatte er sich noch bei Felix Neureuther (deutscher Skifahrer, den Scheufele lange Zeit betreute, Anm. d. Red.) erkundigt.

Vier Tage später hatten Sie die Zusage, Sie waren auf einmal im Profifußball. Wie sieht Ihr Arbeitsleben aus?

Ich habe zwar einen Vertrag mit den üblichen Arbeitszeiten unterschrieben, aber im Grunde ist man sieben Tage in der Woche für die Mannschaft da. Natürlich haben wir Physiotherapeuten auch ein Privatleben, da wir uns immer abwechseln. Doch das ist schwierig zu planen, weil sich die Trainingspläne immer wieder ändern.

Wie schnell haben Sie sich einleben können?

Ich hatte mir zum Ziel gesetzt, mich im ersten halben Jahr zurechtzufinden. Die Spieler kannten mich nicht, waren zunächst zurückhaltend, was nur menschlich ist. Anfangs habe ich vor allem die Ersatzspieler behandelt, mittlerweile habe ich mir meinen Stamm aufgebaut (lächelt).

RB Leipzig ist bekannt dafür, nichts dem Zufall überlassen zu wollen. Wie sind die Arbeitsbedingungen?

Es fehlt an nichts. Wir haben alles, was man sich als Physiotherapeut nur erträumen kann. Es gilt: Alles wird dem Erfolg der Mannschaft untergeordnet. Die Philosophie ist, dass man auch in diesen Dingen der Konkurrenz immer einen Schritt voraus ist.

Das heißt, es wird auf jedes Detail geachtet?

Exakt so ist es. Ein Beispiel: Vor jedem Training wird von jedem Spieler der CK-Wert (Creatin-Kinase ist für den Energiestoffwechsel in den Muskelzellen wichtig, Anm. d. Red.) und der Cortisol-Wert (Cortisol ist ein Stresshormon, Anm. d. Red.) gemessen. Die Daten wertet ein Trainingswissenschaftler aus. So entstehen dann individuelle Trainingspläne. Das ist ein enormer Aufwand, aber meiner Meinung nach auch ein Grund, warum wir bis zum November so wenige Verletzte hatten. Danach hatten wir leider auch jede Menge Pech...

Sie waren bei allen drei Auswärtsspielen der Champions League dabei. Wie waren Ihre Erfahrungen beim Spiel bei Beşiktaş Istanbul?

Es war so unfassbar laut! Ich war in Dortmund dabei. Dort macht die „gelbe Wand“ ordentlich Radau, aber sie ist immer noch leise im Vergleich. In Istanbul drehen alle 50 000 Zuschauer komplett am Rad – und die sind auch nicht plattzukriegen. Als ich Timo Werner nach dessen Auswechslung wegen seiner Blockade der Nackenmuskulatur in der Kabine behandelte, fiel das erste Tor. Es hat alles vibriert.

Sie haben mit verschiedenen Sportprofis zusammengearbeitet. Ticken Fußballer anders?

Ja, schon. Man merkt, dass die Welt, in der sie leben, nicht der Realität entspricht. Es wird ihnen ja alles abgenommen. Dennoch sind es anständige Kerle. Sie erkennen unsere Arbeit an. Wir Physiotherapeuten haben zu Weihnachten eine Prämie aus der Mannschaftskasse erhalten. Dominik Kaiser, der alle Aufstiege von der Regionalliga bis zur Bundesliga mitgemacht hat, hat mir ein signiertes Trikot geschenkt mit der Widmung „Danke für die hervorragende Arbeit“. Darüber habe ich mich sehr gefreut.

Haben Sie noch Kontakt zu Felix Neureuther, der sich vor kurzem das Kreuzband riss?

Durch meine Arbeit in Leipzig ist der Kontakt natürlich nicht mehr so intensiv wie früher. Wir schicken uns aber immer noch regelmäßig Nachrichten aufs Smartphone. Nach seinem Kreuzbandriss haben wir auch miteinander telefoniert, weil er viele Meinungen einholen wollte. Letztlich hat er sich operieren lassen. Ich bin kein Verfechter einer Kreuzband-OP bei Sportlern. Dem Kreuzband wird meiner Meinung nach zu viel Bedeutung zugemessen.

Steckbrief Stefan Scheufele

Geburtstag: 16. September 1972
Geburtsort: Ilshofen
Wohnort: Leipzig
Familienstand: verheiratet, zwei Kinder
Beruf: Physiotherapeut
Hobbys: Sport allgemein
Stationen: seit 1993 Betreiber eines Reha-Sportstudios in Hall, von 2007 bis 2010 fester Athletenbetreuer beim Deutschen Ski-Verband. Seit 1. Juli 2017 Physiotherapeut bei RB Leipzig
Größte Momente: Erster Weltcup-Sieg von Felix Neureuther in Kitzbühel 2010, Fußball Champions ­League mit RB Leipzig

Zurück zur Startseite Zum nächsten Artikel