Reutlingen SSV Reutlingen: Vorsitzende Michael Schuster sieht keine Perspektive

Unermüdlicher Kämpfer für den Reutlinger Fußball: Michael „Dino“ Schuster (links), Vorsitzender des Oberligisten SSV Reutlingen Fußball, hier zusammen mit SSV-Gesamtvereins-Vorsitzendem Dr. Karsten Amann (rechts) im Reutlinger Kreuzeichestadion.
Unermüdlicher Kämpfer für den Reutlinger Fußball: Michael „Dino“ Schuster (links), Vorsitzender des Oberligisten SSV Reutlingen Fußball, hier zusammen mit SSV-Gesamtvereins-Vorsitzendem Dr. Karsten Amann (rechts) im Reutlinger Kreuzeichestadion. © Foto: Baur
Reutlingen / Wolfgang Gattiker Alexander Mareis 24.01.2019

Seit 2010 sind die Kreuzeichekicker nur fünftklassig und wären zwei Mal fast in die sechstklassige Verbandsliga abgestürzt. 2011 und 2016 konnten sich die Schwarz-Rot-Weißen erst am allerletzten Spieltag vor dem sportlichen Fiasko retten und den Klassenerhalt sichern.

In der laufenden Oberligasaison 2018/19 ist alles anders. Der SSV Reutlingen Fußball bietet die beste Spielzeit seit acht Jahren, aber das Interesse von zahlungskräftigen Sponsoren fehlt, wenngleich kleinere Gönner mit  Summen von 5000 Euro dazu kamen.

Sechsstelliger Betrag würde uns helfen

Der Vorsitzende des eigenständigen Vereins SSV Reutlingen Fußball, Michael „Dino“ Schuster, ist frustriert: „Einige versprachen mir, wenn ihr vorne mitspielt,  bekommt ihr einiges. Doch das war leider nicht der Fall. Wir sollten 40 000 Euro erhalten, wären allerdings auch schon mit 20 000 zufrieden. Wichtig wäre, dass wir auf einen sechsstelligen Betrag kämen, das würde uns helfen“, meint Schuster.

Der SSV-Fußball-Vorsitzende fügt an: „Ich denke an die Volleyballer des TV Rottenburg, die seit zwei Jahren in der Bundesliga hinten liegen, aber jetzt einen neuen Premiumpartner haben. Das ist unfassbar für Reutlinger Verhältnisse.“

Michael Schuster beklagt zudem, dass potentielle Partner aus der Region Neckar-Alb eher in die Ferne als in ihre unmittelbare Nähe schauen. „Es gibt sieben Reutlinger Firmen, die für Bandenwerbung beim Fußball-Bundesligisten VfB Stuttgart in der Mercedes-Benz Arena  1,5 Millionen Euro zahlen. Wenn sie uns ein Zehntel dieser Summe geben würden, also 150 000 Euro, wäre uns sehr geholfen. Jetzt haben sich vier Spieler, aus meiner Sicht echte Raketen, angeboten. Aber wir mussten ihnen aus finanziellen Gründen absagen. Diese Topspieler gehen jetzt zu unseren Aufstiegskonkurrenten SGV Freiberg/Neckar und Stuttgarter Kickers.“

Den Reutlinger Fußball-Macher wurmen die von ihm beschriebenen Rahmenbedingungen dermaßen, dass er mögliche Konsequenzen bereits ankündigt: „Ich bin bis 2020 gewählt, habe den Verein SSV Reutlingen Fußball in den letzten sechs Jahren mit meinem Geld am Leben gehalten. Doch ich bin nun Privat-Mann und habe keine Firma mehr. Auf Dauer geht dieser persönliche finanzielle Aufwand nicht. Daher muss ich mir überlegen, ob ich weitermache, denn ich sehe keine Perspektiven in Reutlingen.“

Ab 2020 Talente einbauen

So weit wie in Wattenscheid und Wuppertal soll es in Reutlingen nicht kommen. „Aber ich werde genau hinschauen. Wir müssen notfalls ab 2020 Talente wie Schmitt aus Mössingen und Jugendspieler einbauen, eben weiterhin in der fünftklassigen Oberliga kicken“, blickt Michael Schuster voraus.

Freilich will der ehrgeizige Reutlinger Fußballmacher dieses Szenario vermeiden und endlich aus der Oberliga in höhere Gefilde entschwinden. „Mit der Hilfe von Sponsoren wollen wir in die Regionalliga Südwest aufsteigen. Bekommen wir die  benötigten Gelder allerdings nicht, dann droht das Ende des bezahlten Fußballs in Reutlingen.“

Vorerst besteht keine Gefahr

Die jetzige Oberliga-Saison wird natürlich zu Ende gespielt, auch  2019/20 wird es ein Team des SSV Reutlingen Fußball geben.

„Aber leider ist die Reutlinger Industrie ignorant, was ein Engagement beim SSV Fußball betrifft“, ärgert sich Michael Schuster.

Er will aufrütteln und auf die Gefahren der Passivität hinweisen. Seiner Meinung nach ist ein Engagement beim SSV Reutlingen Fußball sinnvoll.

Es gibt Initiativen wie den Business-Club bei Heimspielen im Kreuzeichestadion, die immerhin schon Verbesserungen der Gesamtlage bewirkt haben. Alfons Bietz (2. Vorsitzender Finanzen) und Sportdirektor Giuseppe Ricciardi unterstützen Schuster nach Leibeskräften. Sie übernehmen Aufgaben, für die sie in ihrem eigentlichen Tätigkeitsfeld gar nicht vorgesehen sind.

Giuseppe Ricciardi, im August 2015 mit drei verwandelten Elfmetern beim 3:1-DFB-Pokalcoup gegen den Zweitligisten Karlsruher SC noch umjubelter Held auf dem Rasen,   wollte als Sportdirektor bereits frustriert hinschmeißen. Immerhin aber brachte er einige Sponsoren aus dem Raum Leinfelden-Echterdingen, wo er zuvor bei Calcio Leinfelden-Echterdingen selbst noch gekickt und dabei einige Kontakte geknüpft hatte.

Michael Schuster überredete Giuseppe Ricciardi zum Verbleib an der Kreuzeiche, zumal Beide weiterhin die Hoffnung auf ein sportliches Happy-End in der laufenden Oberligasaison verbindet.

Kleiner Nachbar Balingen enteilt

Schuster nennt Zahlen, die kaum öffentlich verfügbar sind, die er aber in Erfahrung gebracht hat: „Fußball-Regionalligist TSG Balingen hat seinen Etat von 600 000 Euro verdoppelt, trotz der Handball-Konkurrenz durch Zweitligist HBW Balingen-Weilstetten in dem Zollernalb-Städtchen. Regionalligist SSV Ulm 1846 Fußball hat  einen aktuellen Etat  von 1,6 Millionen Euro trotz dreier vorheriger Insolvenzen. Die Kreissparkasse und Volksbank sind bei fast allen Vereinen im Ländle vertreten – nur bei uns leider nicht. Wir bekamen nur Almosen. Ohne Perspektiven mache ich mir Gedanken. Das frustriert mich.“

Michael Schuster macht klar: „Der SSV Reutlingen Fußball sollte auf gesunden Füßen stehen. Aber ich bin inzwischen eben Privat-Mann und kann nicht  immer finanzielle Löcher stopfen. Wir können keine Spieler wie Gilés Sánchez, Wöhrle, Sessa, Schwaiger oder Reißig in der Zukunft mehr holen, wenn sich nichts Entscheidendes tut.“

Deswegen hofft Michael Schuster in den kommenden 18 Monaten auf Besserung. Der SSV-Fußball-Vorsitzende ist ernüchtert, weil kaum Geld in die SSV-Kassen von  den vermeintlichen Gönnern floss, die bei guter sportlicher Bilanz eigentlich neue Zuwendungen springen lassen wollten.

Ein Lichtblick sind die gestiegenen Zuschauerzahlen. Schuster lobt die SSV-Fans, die in vermehrter Anzahl – im Schnitt 200 mehr als im Vorjahr – zur Kreuzeiche pilgerten. Die  Zuschauer seien nicht das Problem in Reutlingen, selbige würden den sportlichen  Erfolg honorieren.

Wenn jetzt einige Sponsoren  20 000 Euro bringen würden, wäre dies ein erster Schritt für den Visionär Michael „Dino“ Schuster, der nach Perspektiven für den ehemaligen Zweitligisten sucht.

Es scheint aber, dass der Reutlinger Fußball aus für Schuster unerfindlichen Gründen gegenüber Sponsoren schwer zu vermitteln ist. Doch gerade jetzt würden die „Nullfünfer“ Gönner brauchen, um  den Aufstieg in die Regionalliga Südwest zu meistern oder in der neuen Saison 2019/20 voll anzugreifen.

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