Große Trauer im Fußball-Bezirk Alb: Der Reutlinger Kurt Kuschel (89), langjähriger Bezirksvorsitzender und Staffelleiter, ist am Mittwoch, nach anfänglichem Verdacht auf Schlaganfall, mit einer Gehirnblutung ins Krankenhaus eingeliefert worden und dort in der Nacht verstorben.

„Ich bin total geschockt, für mich kam die Nachricht vollkommen unerwartet. Ich war in Österreich im Urlaub und wollte Kurt eigentlich am nächsten Dienstag besuchen“, sagt Horst Beck, langjähriger Weggefährte Kuschels im WFV-Bezirk Alb, dessen Nachfolger als Bezirksvorsitzender und enger persönlicher Freund der aus Heiligenhafen an der Ostsee stammenden Funktio­närslegende.

Eine wahre Legende

Kurt Kuschel war ein besonderer Vertreter seiner Zunft. Der regionale Fußball schien ohne den meinungsstarken und durchsetzungsfreudigen Macher unvorstellbar. „Der Begriff Legende wird heutzutage fast schon inflationär vergeben, auf Kurt aber trifft er wirklich zu. Ich kenne niemanden, der sich so langjährige Verdienste in diversen Ehrenämtern des Bezirks Alb erworben hat“, macht Beck klar.

Kuschel lebte bis zu seinem Tode jahrelang allein im Reutlinger Stadtteil Orschel-Hagen. Seine Ehefrau war bereits einige Jahre zuvor verstorben, sodass der Witwer den Haushalt alleine erledigte. Zwar kam täglich seine Tochter Gabriele vorbei und schaute nach dem Rechten, aber letztlich war Kurt Kuschel vollkommen selbstständig und trotz seines hohen Alters alles andere als ein Pflegefall – ganz im Gegenteil.

Lange Autofahrten

„Er ist vor zwei Jahren noch die mehr als 800 Kilometer von Reutlingen nach Heiligenhafen alleine mit dem Auto gefahren, um in seiner Heimat Urlaub zu machen. Auch in den letzten Wochen fuhr Kurt regelmäßig mit seinem Auto zu diversen Terminen rund um den Fußball“, verrät Beck, der selbst das Ritual entwickelt hatte, seinem Freund in Orschel-Hagen jeden Dienstag einen Besuch abzustatten und dabei meist eine Stunde über Fußball sowie Politik zu reden. „Von dieser Zeit kam ich höchstens fünf Minuten zu Wort, ansonsten hat Kurt erzählt“, veranschaulicht Beck, wie leidenschaftlich und meinungsstark Kuschel bis zuletzt an den Themen, die ihn am meisten interessierten, Anteil nahm.

Er saß auch in den letzten Tagen vor seinem Tode stundenlang vor seinem Computer, beschäftigte sich mit Fußballterminen, Spielplänen, Schiedsrichtereinteilungen und führte zahlreiche Telefonate mit Vereins- oder Verbandsvertretern. Internet und Smartphone, für viele betagte Senioren ein Buch mit sieben Siegeln, verwendete und beherrschte Kurt Kuschel problemlos.

Herzblut für die Vereine

„Kurt hat sich immer voller Herzblut für die Vereine in seinem Bezirk Alb eingesetzt und dabei zum einen so manches abgefedert, was an unangenehmen Dingen aus der WFV-Verbandszentrale in Stuttgart kam sowie seine Meinung gegenüber den dortigen Funktionären mit Inbrunst behauptet. Er war eine große, starke Persönlichkeit, die sich unvorstellbare Verdienste um den Fußball in der Region Neckar-Alb erworben hat. So jemand wie Kurt hatte es zuvor nicht gegeben und ihn nun zu ersetzen, dürfte eine Herkulesaufgabe werden“, gibt Horst Beck zu bedenken.

Alle Verdienste Kurt Kuschels zu würdigen, ist fast unmöglich und würde den Rahmen der allermeisten Texte (davon gab es viele) über ihn sprengen. Der ehemalige Polizist, der 1967 einer der Mitgründer der Fußballabteilung des PSV Reutlingen war, dort auch zwölf Jahre als Abteilungsleiter bis 1979 fungierte, die Vereinsnadeln in Gold, Silber und Bronze erhielt, hat seinen legendenhaften Status durch zahlreiche Ehrenämter im Bereich des Württembergischen Fußballverbands (WFV) erlangt.

Von 1977 bis 1979 war er Beisitzer im Sportgericht Alb, von 1979 bis 2003 arbeitete er als Staffelleiter der Kreisligen A und B zum Wohle „seiner“ Vereine, hatte zudem von 1997 bis zu seinem Tod als Staffelleiter der Bezirksliga Alb das Sagen.

Vorsitzender des Bezirks Alb

Von 1990 bis 1994 hieß der Schriftführer im Bezirksvorstand ebenso Kurt Kuschel wie der Bezirkspokalspielleiter von 1992 bis 1997. Als Stellvertreter des Bezirksvorsitzenden war Kuschel von 1994 bis 1997 tätig, außerdem war er Bezirksvorsitzender und Ausländerbeauftragter (Integrationsbeauftragter) von 1997 bis 2009.

Beim WFV in Stuttgart wusste man immer, dass in Reutlingen nicht nur ein leidenschaftlicher Kämpfer für die diversen Belange seines Bezirks Alb anzutreffen ist, sondern auch ein außergewöhnlich fähiger, fleißiger und treuer Funktionär. Vom Verband gab es den Verbandsehrenbrief (1977), die Verbandsehrennadel in Bronze (1982), die Verbandsehrennadel in Silber (1991), die DFB-Verdienstnadel (1992), den Ehrenbrief des Württembergischen Landessportbunds (WLSB) im Jahr 1992, die Verdienstehrennadel in Gold (2001) und die Verdienstmedaille in Gold (2009) für Kurt Kuschel, der einst in Heiligenhafen (Ostholstein) auch als aktiver Fußballer dem Ball hinterhergerannt war.

Viele Verdienste und Ideen

Im Bezirksvorstand war Kuschel maßgeblich daran beteiligt, dass ein gut geregelter Spielbetrieb entstand, die inzwischen wieder abgeschaffte Kreisliga C 1994 eingeführt wurde oder ab 1997 die seither großen Anklang mit gewaltigem Zuschauerzuspruch erfahrende Relegation in den Kreisligen installiert wurde.

Auch bei der Umgruppierung der Tübinger B-Ligenstaffeln 1999 hatte der Reutlinger seine Hände im Spiel, ein Jahr später gleichwohl bei den Reutlinger B-Liga­staffeln.

Die Bezirksliga-Relegation ab 2001 ist ebenso auf Kuschel zurückzuführen wie die Strukturreform der Kreisligastaffeln B und C im Jahr 2008.

Für den Fußball gelebt

„Kurt Kuschel hat für den Fußball gelebt. Er hat unseren Bezirk nicht nur stark geprägt, sondern auch verkörpert. Wir alle wissen nicht, wie wir diese sagenhafte Persönlichkeit ersetzen sollen. Vor allem aber haben wir einen großen Freund verloren, der immer für uns da war. Nicht zuletzt war Kurt für mich so etwas wie ein Ziehvater auf meinem Weg in die Ämter des WFV-Bezirks Alb. Ich und wir alle haben ihm unheimlich viel zu verdanken. Als ich eine schwierige Zeit in meiner Funktionärslaufbahn durchlebte, war Kurt Kuschel einer der ganz Wenigen, die immer bedingungslos zu mir standen. Allein das schon sagt viel über diesen außergewöhnlichen Menschen und Fußballfunktionär aus“, lobt Horst Beck seinen Freund.

Beerdigung in Reutlingen am Freitag, 6. September


Kurt Kuschel landete als Flüchtling von Westpreußen aus 1945 in Heiligenhafen an der Ostsee. 1957 kam er nach Reutlingen und hob vor 50 Jahren, am 24. Februar 1967, den PSV Reutlingen aus der Taufe. Beim PSV war der Polizeibeamte lange Jahre Funktionär und Abteilungsleiter. Ab 1979 betreute er als Staffelleiter die A- und B-Ligen und  1997  wurde er in Wittlingen spontan zum Bezirksvorsitzendem des WFV-Bezirks Alb gewählt. Als Bezirksvorsitzender fungierte er von 1997 bis 2009, bis er dieses Amt 2009 an Horst Beck übergab. Kurt Kuschel wohnte bis zu seinem Tod im Reutlinger Stadtteil Orschel-Hagen. Seine Beerdigung wird am Freitag, 6. September (13 Uhr), auf dem Reutlinger Friedhof Römerschanze stattfinden.