Markus Pleuler (49) gehört zu den erfolgreichsten Fußballern, die im Landkreis Reutlingen aufgewachsen sind. Er hat gegen Jürgen Klopp gespielt, an der Seite von Markus Gisdol gestürmt und stand mit Thomas Tuchel im Team, während draußen an der Linie Trainer Ralf Rangnick seine Kommandos gab. Sein Erfahrungsschatz ist riesengroß, doch derzeit ist der inzwischen als Fußballtrainer tätige Ex-Profi, der die Trainer-A-Lizenz besitzt, ohne Beschäftigung bei einem Klub.

Herr Pleuler, Sie leben inzwischen im Bensheimer Stadtteil Auerbach, die Heimat der „Flames“, die mit den Metzinger TusSies in der Frauenhandball-Bundesliga spielen. Wie nahe sind Sie derzeit noch am Fußball dran?

Markus Pleuler: Ich werde dem Fußball immer verbunden bleiben.  Ich bin zuletzt bei einem Bundesligaheimspiel vom FSV Mainz 05 gewesen und würde gerne mit meinen zwei Kindern am 16. Februar in Köln gegen Bayern München von der Tribüne aus zuschauen. Ich sitze also nicht nur als Fernsehzuschauer daheim auf dem Sofa, sondern bin auch in diversen Stadien als Beobachter anzutreffen.

Sie haben als Spieler mehr erreicht als Paris-Trainer Thomas Tuchel, Liverpools Wundertrainer Jürgen Klopp, Kölns Hoffnungsträger Markus Gisdol oder Milan-Wunschkandidat Ralf Rangnick. Schmerzt es manchmal, dass ihren ehemaligen Mitspielern, Gegenspielern oder Trainern inzwischen große Karrieren, teilweise bei Topklubs auf allerhöchster internationaler Ebene, gelangen, während Sie zuletzt einen hessischen Gruppenligisten in der Siebtklassigkeit coachten?

Ich gönne jedem seinen Erfolg.  Ich muss mir teilweise auch an die eigene Nase fassen. Hätte ich früher schon anders gedacht, Trainerscheine rechtzeitig erworben und meine Kontakte ausgenützt, hätte auch ich einen anderen Weg einschlagen können. Man braucht natürlich zudem etwas Glück und Befürworter zur richtigen Zeit. Und wenn man Fuß im Fußballgeschäft gefasst hat, sollte man seine Chance optimal nutzen. Wenn man mal im Business drin ist, kommt man immer wieder unter, wenn irgendwo ein Trainer seinen Platz räumen muss.

Trauen Sie sich höhere Aufgaben zu?

Sie werden sich jetzt vielleicht wundern und diese Aussage möglicherweise als arrogant werten. Aber ich bin der Meinung, dass ich mich als Trainer nicht hinter Ex-Kollegen auf dem Rasen, die früher oder derzeit immer noch erfolgreich in der Bundesliga coachten, beispielsweise Jürgen Kramny, Markus Weinzierl oder Markus Gisdol, verstecken muss. Ich habe große Trainer in meiner Spielerkarriere erlebt und von jedem etwas mitgenommen. Auch taktisch habe ich viel von ihnen lernen können.

Ihre Trainervita liest sich aber vergleichsweise bescheiden, allzu viele Erfolge sind darin nicht verankert.

Das muss man relativieren. Ich war von 2005 bis 2009 bei der Spvgg Au/Iller, meiner ersten Trainerstation. Während dieser Zeit erwarb ich die Trainer-A-Lizenz und mit mir gelang der Aufstieg von der Verbandsliga in die Oberliga. Nach der Station beim damaligen Bayernligisten TSG Thannhausen von 2009 bis 2010 wollte mich der FC Albstadt verpflichten, um aus der Landesliga heraus wieder nach oben zu kommen. Die Albstädter standen in der Verbandsliga auf einem Abstiegsplatz und sahen kaum noch eine Chance auf Rettung. Ich stieg dann aber vorzeitig ein, fünf Spieltage vor Saisonende. Und siehe da, es gelang das scheinbar Unmögliche. Ich konnte den FC Albstadt vor dem Abstieg retten und schaffte den Verbandsliga-Klassenerhalt. Nach drei Jahren dort war für mich aber Schluss, weil der FCA keine Perspektive nach oben bot. Ich wollte in die Oberliga, aber das war mit Albstadt leider nicht möglich.

Könnte man vereinfacht sagen, dass Sie als Ex-Bundesligaprofi einfach kein Trainer für untere Spielklassen sind?

Ohne es falsch zu verstehen, aber vermutlich bin ich einfach zu ehrgeizig für Feierabendfußball. Wenn ich nur an meine letzte Trainerstation, vom Sommer 2016 bis Anfang November 2018, in der hessischen Gruppenliga Darmstadt beim FC Sportfreunde Heppenheim denke. In der 7. Liga gehen die Spieler während der Saison in den Urlaub, der Beruf geht vor und Fußball ist nur ein Hobby für die Jungs.  Es war schwierig für mich im Verein, denn mit meiner Art und Weise ist nicht jeder zurechtgekommen. Ich mag es nicht, wenn Spieler nicht alles geben. Das widerspricht meiner Mentalität, die ich als kampfstarker Akteur einst auf dem Rasen gezeigt habe. Wenn ich etwas mache, dann zu 100 Prozent – ich lasse mich nicht verbiegen. Und da stößt man in unteren Ligen an Grenzen. Von daher möchte ich eigentlich nur noch ab der Oberliga aufwärts coachen.

In der Oberliga Baden-Württemberg ist der SSV Reutlingen angesiedelt. Wäre Ihr Ex-Klub ein Thema für Sie oder sind Sie in Südhessen, nach fünf Jahren dort, sesshaft geworden?

Ich bin flexibel. Sogar meine beiden Kinder, die mich gerne zu Hause bei sich haben, wünschen sich, dass ich wieder als Trainer arbeiten kann. Meine Berufung ist Fußballtrainer – da kannst du nicht erwarten, dass der Job nur unmittelbar vor der eigenen Haustüre auf dich wartet. Der SSV Reutlingen ist meine zweite Heimat. Ich habe eigentlich nur zum SSV Ulm 1846 eine tiefere emotionale Verbundenheit, weil ich mit den Spatzen alles erreicht habe und Teil des Ulmer Fußballwunders mit dem Durchmarsch von der drittklassigen Regionalliga in die Bundesliga 1999 war.

Wie würden Sie reagieren, wenn ein Angebot vom SSV Reutlingen kommen würde?

Ich wäre zu Gesprächen bereit. Ich war schon mal vor einigen Jahren beim SSV Reutlingen als Trainer im Gespräch. Ich kenne den Verein in- und auswendig. Ich stand zwei Mal mit dem SSV in der Aufstiegsrunde zur 2. Bundesliga, scheiterte jeweils knapp. Unvergessen ist dabei das 0:2 am 8. Juni 1992 in Unterhaching vor 8500 Zuschauern, wobei mehr angereiste Reutlinger als Hachinger Fans zuschauten. Ich spielte bis zur 30. Minute sehr stark auf, habe mich dann aber verletzt und musste raus. Hinterher meinten viele, dass dies der Knackpunkt im Spiel gewesen sei und mit mir der Aufstieg in die 2. Bundesliga an diesem denkwürdigen Tag gelungen wäre.

Sie waren der große Pechvogel, während der von 2001 bis 2003 in der 2. Bundesliga für den SSV Reutlingen stürmende Angreifer Alfonso Garcia beide Tore für die SpVgg Unterhaching markierte. Später haben sich eure Wege wieder gekreuzt.

Stimmt, er wurde Trainer beim FSV 08 Bissingen, ich saß beim FC Albstadt auf der Bank. Wir haben mit unseren Mannschaften als Trainer in der Verbandsliga gegeneinander gespielt. Mit Bissingen schaffte Alfonso 2015 den Oberligaaufstieg.

Was haben Sie eigentlich gemacht, um sich als Trainer zu verbessern und weiterzuentwickeln?

Ich habe beispielsweise beim FC Bayern München an der Säbener Straße hospitiert, vor allem bei Heiko Vogel, der damals den FC Bayern II coachte und zuvor mit dem FC Basel Schweizer Meister und Champions-League-Teilnehmer war. Zeitgleich fand daneben das Training der Bayern-Profis unter Pep Guardiola statt, ich schaute also fast gleichzeitig bei beiden Teams zu. Weil ich Ralf Rangnick gut kenne und sein Spieler in Ulm war, konnte ich seinerzeit bei der TSG 1899 Hoffenheim hospitieren. Und genauso war es auch bei Eintracht Frankfurt unter Armin Veh. Zu ihm bestehen alte Kontakte, er wollte mich noch vor seiner Reutlinger Zeit von 1998 bis 2001 zur SpVgg Greuther Fürth holen, wir trafen uns damals sogar auf einer Ulmer Autobahnraststätte.

Viele große Namen haben Ihren Weg gekreuzt oder begleitet. In der Bundesliga haben Sie sich packende Duelle mit Stefan Effenberg im Mittelfeld geliefert, als der FC Bayern München am 6. November 1999 vor mehr als 23 000 Zuschauern mit 1:0 im Ulmer Donaustadion gewann.

Das war eine intensive und ausgeglichene Partie, wir hatten sogar ein Eckballverhältnis von 4:3 zu unseren Gunsten. Wir hätten mit dem SSV Ulm 1846 nicht verlieren müssen, denn die Bayern konnten sich kaum hochkarätige Chancen herausspielen, beide Teams haben sich weitgehend neutralisiert. Letztlich verloren wir durch ein extrem unnötiges Gegentor, als Carsten Jancker von einem Abwehrfehler profitierte. Effenberg war der Ideengeber und Motor im Bayern-Spiel, es waren heiße und unvergessliche Zweikämpfe mit ihm. Eineinhalb Jahre später war er neben Torwart Oliver Kahn der entscheidende Mann im Champions-League-Endspiel in Mailand gegen den Valencia CF und führte die Bayern mit seiner Siegermentalität zum Cupgewinn.

Stichwort Erinnerungen: Der FC Rot-Weiß Erfurt, einer der großen ostdeutschen Traditionsvereine, steckt in einer Insolvenz und hat in der Regionalliga Nordost den Spielbetrieb eingestellt. Derzeit kämpfen die Thüringer ums Überleben und hoffen, in der nächsten Saison in der Oberliga einen Neuaufbau starten zu können. Ihre beiden Ex-Vereine SSV Ulm 1846 und SSV Reutlingen weisen zusammen vier Insolvenzen auf, drei davon die Spatzen. Doch zurück zu Erfurt: Eines ihrer besten Spiele für Reutlingen haben Sie beim 3:1-Sieg gegen den FC Rot-Weiß gemacht.

Ja, das waren tolle Zeiten unter Trainer Wilfried Gröbner an der Kreuzeiche. 4200 Zuschauer waren zum DFB-Pokalspiel der dritten Runde am 4. September 1991 gekommen, als wir als drittklassiger Außenseiter auf den damaligen Zweitligisten Rot-Weiß Erfurt trafen. Bei uns stand in Person von Andreas Hintke ein Ex-Erfurter im Team, ein langer kopfballstarker Abwehrhüne. Markus Gisdol agierte neben mir im Mittelfeld. Für mich lief es optimal, ich konnte auf der rechten Seite viel Druck erzeugen und schoss das 2:1 in der 62. Minute. Die beiden anderen SSV-Tore gelangen Thomas Winter.  Erfurt wurde damals von DDR-Legende Rüdiger Schnuphase gecoacht. Für Gröbner, 1976 Olympiasieger als DDR-Auswahlspieler und 1989 noch Trainer bei Rot-Weiß Erfurt, war es also ein besonderer Pokal-Abend.

Markus Pleuler war der erste deutsche Fußball-Profi in Rumäniens 1. Liga


Markus Pleuler wurde am 10. Mai 1970 in Urach geboren, wuchs in Hülben auf und fing beim SV Hülben mit dem Fußballspielen an. Von dort aus führte ihn sein Weg zum damaligen TSV Urach, wo er als 13-Jähriger in einem Bezirkspokal-Finale gegen den SSV Reutlingen alle Tore der Ermstäler erzielte und nach diesem Pokaltriumph vom SSV Reutlingen abgeworben wurde. Als B-Jugendlicher war Markus Pleuler dann Auswahlspieler und fiel auch dem VfB Stuttgart auf, dessen Lockrufen der Hülbener allerdings widerstand. Pleuler blieb an der Kreuzeiche und trainierte bereits als Reutlinger A-Junior bei der Ersten Mannschaft mit, die seinerzeit in der drittklassigen Oberliga angesiedelt war und von Lorenz-Günther Köstner gecoacht wurde. Von 1990 bis 1994 absolvierte der schnelle Rechtsaußen 94 Pflichtspiele mit zehn Toren für den SSV Reutlingen, bevor er zum SSV Ulm 1846 (158 Spiele und 16 Tore, von 1994 bis 2000) abwanderte und mit den Spatzen 1999 in die Bundesliga aufstieg. Danach waren die Stuttgarter Kickers (2000 bis 2002), UTA Arad (erster deutscher Profi in Rumänien, 2002/03), SV Darmstadt 98 (2003/2004), nochmals Ulm (2004/05) und abschließend die Spvgg Au/Iller (2005 bis 2007) seine Spielerstationen. Markus Pleuler wurde Deutscher Amateurmeister 1996 mit dem SSV Ulm 1846 an der Seite von Mitspielern wie Thomas Tuchel, Sascha Rösler, Oliver Otto und Dragan Trkulja. Pleuler wohnt zurzeit in Bensheim-Auerbach, hat zwei Kinder: seine zehnjährige Tochter reitet, sein 13-jähriger Sohn spielt Fußball bei den C-Junioren.