Der Sport erhebt seine Stimme. Vier Tage nach der erzwungenen Landung eines Passagierjets in Minsk hat der europäische Verband UEC die für Ende Juni geplanten Bahnrad-Europameisterschaften in der Hauptstadt von Belarus am Donnerstag abgesagt. Man werde nun alles daransetzen, um noch 2021 einen Ersatz-Ausrichter zu finden.
Bereits am Dienstag hatte der Bund Deutscher Radfahrer (BDR) seine Mannschaft von der EM zurückgezogen. Man habe, so hieß es seitens des BDR, mit der UEC Kontakt aufgenommen und deutlich gemacht, dass unter diesen Umständen eine Teilnahme nicht möglich sei. Zudem habe man auf eine Alternativlösung gedrängt. Am selben Tag erklärte auch der niederländische Verband KNWU seinen Verzicht auf eine Teilnahme in Minsk.

Internationaler Aufschrei wegen erzwungener Landung und Festnahme

Die Belarusian Sport Solidarity Foundation (BSSF), ein Zusammenschluss von Athleten aus Belarus, hatte die UEC bereits früher aufgerufen, die Veranstaltung aufgrund der Menschenrechtssituation im Land an einen anderen Ort zu verlegen. UEC-Präsident Enrico Della Casa reagierte per Brief, kam der Aufforderung darin jedoch seinerzeit nicht nach: Man sei „rechtlich verpflichtet, diese Veranstaltung zu diesem Zeitpunkt und an diesem Ort auszurichten, und wir konnten keinen anderen geeigneten Ausrichter zu diesem Datum finden“.
Am Sonntag war dann ein Ryanair-Flugzeug zur Landung in Minsk gezwungen und ein belarussischer Oppositioneller an Bord festgenommen worden. Der internationale Aufschrei war so laut, dass nun auch die UEC nicht mehr an der EM festhalten konnte. Man habe gemeinsam mit dem belarussischen Verband die Situation aufmerksam verfolgt, diese sei zu einer internationalen Debatte geworden, und vor diesem Hintergrund habe man sich entschlossen, die EM abzusagen, teilte UEC-Präsident Della Casa mit.

Nach Absage: Anerkennung für den BDR

Bereits am Mittwoch hatte die Vereinigung Athleten Deutschland die Entscheidung des BDR begrüßt, das Team von der EM zurückzuziehen. „Die Ausrichtung von Sport-Großveranstaltungen in Belarus ist mit Blick auf die menschenrechtliche Verantwortung von Sportverbänden äußerst kritisch zu bewerten“, sagte Maximilian Klein, bei Athleten Deutschland Beauftragter für Internationale Sportpolitik.
Belarus steht wegen des autokratischen Führungsstils von Machthaber Alexander Lukaschenko international stark in der Kritik. Zuletzt war dem Land bereits die Gastgeberrolle für die Eishockey-WM und die WM der Modernen Fünfkämpfer entzogen worden.
Medienberichten zufolge sind mehr als 100 Athletinnen und Athleten vom Leistungssport in Belarus ausgeschlossen worden, seit sie einen offenen Brief unterschrieben haben, der ein Ende der Polizeigewalt gegen regierungskritische Demonstranten fordert. Lukaschenko ist wie Sohn Wiktor, der seinen Vater im Februar an der Spitze des Nationalen Olympischen Komitees abgelöst hatte, von allen olympischen Aktivitäten einschließlich der Sommerspiele in Tokio (23. Juli bis 8. August) ausgeschlossen.