Medizin von Morgen: Wie in Ulm die Herzen resilienter werden

Tag der offenen Tür am Herzzentrum Ulm.
UHUVom Herzkatheterlabor bis zum Herz-OP-Roboter: Rund dreihundert interessierte Menschen hatten sich am 19. September zum Universitären Herzzentrum Ulm begeben, um sich direkt vor Ort einen Eindruck davon zu verschaffen, wie dort jeden Tag Herzpatienten versorgt werden. Zwei spannende Patientenbehandlungspfade – Notfall und geplanter Herzeingriff – konnten in kleinen Gruppen erlebt werden.
Herzmedizin „zum Anfassen“
Was genau passiert mit jemandem, der einen akuten Herzinfarkt hat? Auf dem sogenannten „Notfallpfad“ wurde jede Station der notärztlichen Versorgung anschaulich gemacht. Direkt im Rettungswagen ging es los: Dort demonstrierte ein Kardio-Anästhesist, wie Notfallpatienten auf dem Weg in die Klinik behandelt werden. Von dort wurden die Besuchsgruppen in die Herzkatheterlabore geführt, wo eine Herzkranzgefäßbehandlung und eine Stent-Implantation demonstriert wurden. Anschließend wurde die Intensivstation besichtigt: Hier hatte das Organisationsteam eine Laienreanimationsvorführung eingeplant.
Auf dem zweiten „Pfad“ ließ sich ein geplanter Herzeingriff miterleben. Startpunkt war die neue zentrale Aufnahmestation des Herzzentrums, in der Kardiologie und Herzchirurgie gemeinsam entscheiden, wie ein Patient bestmöglich versorgt wird. Anschließend wurden die Herzkatheterlabore besucht. Dort wurde gezeigt, wie heute nach modernsten Standards Herzschrittmacher implantiert, wie Herzklappenfehler behandelt und wie Herzrhythmusstörungen verödet werden. Besonders die sogenannte Telemetrie-Box, die jeder Patient während seines Aufenthalts am Herzzentrum trägt, sorgte für großes Interesse: Das kleine Gerät misst und speichert durchgehend die Vitalfunktionen eines Herzpatienten, also EKG, Blutdruck und Puls: „Es gibt keine Überwachungs- oder Dokumentationslücken. Unregelmäßigkeiten, etwa Herzrasen oder ein verlangsamter Puls, können sofort erkannt und behandelt werden“, erklärt Prof. Dr. Wolfgang Rottbauer, der Ärztliche Direktor der Klinik für Innere Medizin II am Universitären Herzzentrum Ulm. Seine Vision: „Für die bestmögliche Patientenversorgung sollte diese Art der telemetrischen Dauerüberwachung schon im Notarztwagen oder in der Zuweiserklinik beginnen, sodass alle Behandler lückenlose Informationen haben.“ Technisch sei das bereits möglich, aber aktuell noch mit einigem finanziellen Aufwand verbunden.
Der Herzspezialist gab selbst einige Führungen und zieht ein sehr positives Resümee der Veranstaltung: so könnten die Menschen nicht nur in Vorträgen informiert werden, sondern hätten auch ganz konkret etwas „zum Anfassen“. Zu den Highlights gehörte der Da-Vinci-OP-Roboter, mit dem seine Kollegen aus der Herzchirurgie Eingriffe an Schweineherzen demonstrierten, sowie die Herz-Lungen-Maschine. Ergänzt wurden die sehr anschaulichen Angebote mit Begrüßung durch die Ärztlichen Direktoren des Herzzentrums Prof. Rottbauer, Prof. Liebold, Prof. Apitz (vertreten durch Dr. Kaestner) und Prof. Buckert sowie Vorträgen durch die Pädiatrie zu Prävention bei Kindern und einer dritten Führung zum Thema „Experimentelle Herzforschung“ und „Künstlicher Intelligenz in der Herzmedizin“ durch die Forschungsteams von Prof. Steffen Just und Dr. Felbel.
Landesweite Expertennetzwerke für noch wirksamere Versorgung
Für Prof. Rottbauer ist es eine Herzensangelegenheit, die Herzmedizin in allen Wirkungsbereichen weiterzuentwickeln und in die Zukunft zu tragen. Neben der kontinuierlichen Aufklärung der Öffentlichkeit spielt auch die enge Kooperation mit anderen spezialisierten Herzzentren eine wichtige Rolle. Aus diesem Grund hat Rottbauer gemeinsam mit Kolleginnen und Kollegen der baden-württembergischen Universitätsherzzentren in Heidelberg/Mannheim, Freiburg und Tübingen den Verbund der „Baden-Württemberg Heart Alliance“ gebildet. Zu ihren Zielen gehört unter anderem die Zusammenführung und Auswertung von Patientendatenbanken. Durch diese koordinierte Auswertung größerer Datensätze soll die Wirksamkeit von Herzbehandlungen noch besser belegt werden. Außerdem sollen Langzeitergebnisse geprüft und gebündelt werden und, perspektivisch, die Infrastruktur für gemeinsame, multizentrische Studien geschaffen werden. Dieser intensive Austausch verbessert Rottbauer zufolge zudem die Spezialisierung der einzelnen baden-württembergischen Herzzentren: Während Ulm zu den wichtigsten Herzklappenzentren im Land gehöre, habe sich Heidelberg z.B. auf Herztransplantationen spezialisiert: „Jeder macht, was er am besten kann – das sorgt für maximale Behandlungsqualität und Patientensicherheit in der Herzmedizin.“
Was macht das menschliche Herz resilient?
Zusätzlich positiv stimmt den Ulmer Herzspezialisten ein neues Forschungsprojekt des Universitären Herzzentrums Ulm. Hinter dem Akronym „U-CARRE“ (zu Deutsch: „Du sorgst dich“) verbirgt sich die von Rottbauer ins Leben gerufene wissenschaftliche Verbundinitiative „Cardiac Aging, Resilience and Regeneration“, die Herzalterung, Herzresilienz und Herzregeneration unter Beteiligung des Herzzentrums (Prof. Just, Prof. Rasche), des Instituts für Molekulare Medizin (Prof. Geiger), des Instituts für Quantenoptik (Prof. Jelezko) und der Visual Computing Group (Prof. Ropinski) beforscht.
Rottbauer erläutert die drei Leitfragen des Projekts. „Wir knüpfen an den Forschungsschwerpunkt auf Alterungssprozesse am Ulmer Universitätscampus an, konzentrieren uns aber ausschließlich auf das Herz. Uns interessiert erstens, wie man Herzalterung sichtbar machen kann: Lässt sich das Herzalter vom biologischen Alter entkoppeln? Kann es etwa einen 80-Jährigen mit einem 60-jährigen Herzen geben? Zweitens untersuchen wir die Regeneration: Wie bringt man gesunde Herzmuskelzellen zum Wachstum – und warum regeneriert sich ein junges Herz schneller? Drittens interessieren wir uns für die Resilienz, also die Widerstandsfähigkeit: Warum überlebt von zwei Patienten mit identischem Herzinfarkt einer ohne weitere Folgen – und der andere nicht?“
Eine analytische KI soll Datensätze auswerten und neue Hypothesen liefern, und mithilfe von Quantenoptik sollen KI-gestützt Herzalter und Regenerationsfähigkeit sichtbar gemacht werden. Der Kardiologe erwartet erste translationale Erkenntnisse mit therapeutischem Nutzen bereits 2030. „Das Ziel für die Herzmedizin von Morgen ist Prävention: Wir wollen in der Lage sein, noch Gesunde so vorzubehandeln, dass sie gar nicht erst krank werden. Dazu müssen wir verstehen, was zur Erkrankung führt – warum das Herz altert. Dann werden wir in der Lage sein den Herzinfarkt und die konsekutive Herzschwäche zu verhindern, statt ihnen hinterherzulaufen.“

Prof. Dr. med. Wolfgang Rottbauer
Prof. Dr. med. Wolfgang Rottbauer ist Ärztlicher Direktor der Klinik für Innere Medizin II, Kardiologie, Angiologie und Pneumologie, Internistische Intensivmedizin, Sport- und Rehabilitationsmedizin am Universitätsklinikum Ulm.
Er ist Facharzt für Innere Medizin, Kardiologie, Angiologie, Intensivmedizin, Herz-MRT und die Behandlung von angeborenen Herzfehlern. Neben seiner täglichen klinischen Arbeit als Herzspezialist auf der Chest-Pain-Unit, den Herzstationen, der internistischen Intensivstation und den Herzkatheterlaboren ist die klinische und experimentelle Herzforschung seine Herzensangelegenheit. Seit 1998 forscht er u.a. an Zebrabärblingen als Modell für kardiovaskuläre Erkrankungen.

Universitäres Herzzentrum Ulm
Klinik für Innere Medizin II
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89081 Ulm
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Tel.: 0731 500-45001
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