Medizin von Morgen
: Individuell behandeln, gemeinsam forschen

AnzeigeMehr Prävention, Therapien nach Maß, digitale Helfer und mehr Mitsprache für Patientinnen und Patienten: Das Wissenschaftsjahr 2026 zeigt, wohin sich die Medizin entwickelt und wo noch Nachholbedarf besteht.
Von
Julika Nehb
Ulm
Sprechstunde per Tablet.

Sprechstunde per Tablet.

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Wer an die Medizin der Zukunft denkt, hat oft Hightech vor Augen: Algorithmen, die Tumoren aufspüren, Medikamente, die genau auf einen Menschen zugeschnitten sind. Doch über die Zukunft der Medizin entscheidet nicht nur das Labor. Entscheidend ist auch, ob Menschen Vorsorge nutzen, ihre Daten teilen und im Gesundheitssystem ernst genommen werden. Das Bundesministerium für Forschung, Technologie und Raumfahrt hat dem Thema das Wissenschaftsjahr 2026 gewidmet. Ein Faktenblatt bündelt die wichtigsten Zahlen.

Vorbeugen statt nur behandeln

Die meisten Erkrankungen entstehen erst im Laufe des Lebens. Deshalb setzt die Forschung zunehmend darauf, sie von vornherein zu verhindern. Der Bedarf ist groß: Herz-Kreislauf-Erkrankungen (33,7 Prozent) und Krebs (22,9 Prozent) waren 2024 mit Abstand die häufigsten Todesursachen in Deutschland. Nach Schätzungen von Fachleuten ließen sich rund 40 Prozent aller Krebserkrankungen durch eine gesunde Lebensweise vermeiden. Bei Herz-Kreislauf-Erkrankungen könnte Prävention sogar rund 70 Prozent verhindern.​

Zwischen Anspruch und Alltag klafft allerdings eine Lücke. Laut STADA Health Report 2025 legen 96 Prozent der Europäerinnen und Europäer Wert auf einen gesunden Lebensstil, doch nur 51 Prozent setzen ihn nach eigenen Angaben um. Die Deutschen liegen mit ebenfalls 51 Prozent genau im Schnitt. Auch das Einkommen spielt eine Rolle: Wer seine finanzielle Lage als schwierig einschätzt, nennt den eigenen Lebensstil nur zu 36 Prozent gesund, bei finanziell Bessergestellten sind es 58 Prozent. Ein Viertel betreibt gar keine Vorsorge, meist weil es sich gesund fühlt, bei 21 Prozent aus finanziellen Gründen. Besonders wirksam sind offenbar Erinnerungen von Krankenkasse oder Hausarztpraxis: Je präsenter Prävention ist, desto eher wird sie genutzt.​

Therapie nach Maß

Die personalisierte Medizin gilt als einer der wichtigsten Zukunftstrends. Sie berücksichtigt genetische Voraussetzungen, Lebensstil und Umweltfaktoren. 90 Prozent der Ärztinnen und Ärzte halten sie für besonders zukunftsweisend. Der Hintergrund: Medikamente wirken nicht bei jedem gleich. Manche Fachleute gehen davon aus, dass die Mehrheit der Arzneimittel nur bei 30 bis 50 Prozent der Menschen wirkt. Genetische Tests und Computersimulationen sollen helfen, unwirksame Behandlungen und unerwünschte Nebenwirkungen zu vermeiden. Die Bevölkerung ist offen dafür: 77 Prozent der Deutschen wären bereit, einen Gentest zu machen. Auch die sogenannten Omics-Technologien, zu denen Genomik, Proteomik, Metabolomik und Mikrobiomik zählen, sollen Prävention, Diagnose und Behandlung verbessern. Schätzungen zufolge werden bis 2027 rund 70 Prozent aller Krebsfälle mithilfe von Genomanalysen diagnostiziert.​

Digital, aber nicht ohne Sorgen

Auch die Digitalisierung verändert die Medizin, von Smartwatches über Telemedizin bis zu KI-Assistenzsystemen. Die Deutschen stehen ihr mehrheitlich positiv gegenüber: 2025 hielten 41 Prozent die Digitalisierung im Gesundheitswesen auf jeden Fall für richtig, 47 Prozent eher für richtig. 81 Prozent sind überzeugt, dass das Gesundheitssystem ohne sie nicht zukunftsfähig ist. Und 48 Prozent glauben, dass eine KI in bestimmten Fällen bessere Diagnosen stellen kann als ein Mensch, 2023 waren es noch 35 Prozent. Ein Beispiel für den Nutzen: KI-gestützte Systeme können die Zeit für den Scan eines Lungen-CTs von 3,6 auf 0,7 Minuten verkürzen. Zugleich bleiben die Bedenken: Am meisten fürchten die Menschen Datenmissbrauch (71 Prozent), weniger menschliche Zuwendung (69 Prozent) und Fehlentscheidungen (56 Prozent).​

Forschung mit den Menschen

Die Medizin der Zukunft soll nicht nur über Menschen forschen, sondern mit ihnen. 79 Prozent der Deutschen sind bereit, ihre Gesundheitsdaten anonym und unentgeltlich der Forschung zur Verfügung zu stellen. 56 Prozent wären sogar mit einer zeitlich unbegrenzten Nutzung einverstanden. Auch Patientinnen und Patienten rücken als Partner in den Blick: 19 von 20 befragten allgemeinmedizinischen Forschungseinrichtungen an Universitäten verfolgen einen partizipativen Ansatz. In der Krebsforschung ist die Beteiligung von Betroffenen ein Kernziel der Nationalen Dekade gegen Krebs.​

Geschlechtersensible Medizin

Krankheitsverläufe, Symptome und Therapieerfolge können je nach Geschlecht unterschiedlich ausfallen. Weil Forschung lange vor allem an Männern stattfand, entstand ein „Gender Health Gap“. Ein Beispiel ist der Herzinfarkt, dessen Symptome bei Frauen oft später erkannt werden. Das Wissen darüber ist dünn: 70 Prozent der Deutschen haben noch nie davon gehört. 32 Prozent glauben, das Geschlecht spiele bei der Behandlung keine Rolle, unter Ärztinnen und Ärzten sagt das nur 1 Prozent. 55 Prozent von ihnen können nicht ausschließen, schon einmal eine falsche Diagnose wegen geschlechtsspezifischer Unterschiede gestellt zu haben. ​

Für Frauen hat das Folgen im Alltag. 31 Prozent berichten von negativen Erfahrungen im Gesundheitssystem aufgrund ihres Geschlechts, bei Männern sind es 10 Prozent. 39 Prozent meiden Arztbesuche aus Angst, nicht ernst genommen zu werden, bei den 18- bis 34-Jährigen ist es jede Zweite. Rund zwei Millionen Menschen in Deutschland sind von Endometriose betroffen, doch 39 Prozent der Erwachsenen wissen nicht, was das ist.​

Die Zahlen zeigen: Die Medizin von morgen braucht mehr als neue Technik. Sie braucht Menschen, die Vorsorge kennen und nutzen können, Vertrauen in den Umgang mit Daten und ein Gesundheitssystem, das individuelle Unterschiede ernst nimmt. Die Offenheit der Bevölkerung ist da. Nun kommt es darauf an, sie in der Praxis einzulösen. ⇥jun