Ortsportrait Hessental
: Versteckte Vielfalt

AnzeigeHessental ist ein Verkehrsknotenpunkt und ein wirtschaftlich dynamischer Stadtteil von Schwäbisch Hall. Abseits der Hauptstraßen, Einkaufsmeilen und Gewerbegebiete gibt es viel Natur. Von Andreas Scholz
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Redaktion Sonderthemen
Sonderveröffentlichung

Der ehemalige Steinbruch zwischen Steinbach und Hessental ist ein Refugium für viele Pflanzen und Tiere.⇥Foto: Andreas Scholz

Andreas Scholz

Hessental als größter Stadtteil von Schwäbisch Hall hat sich kontinuierlich weiterentwickelt. Im Solpark sind internationale Marktführer wie Optima angesiedelt, die an den technischen Innovationen von morgen tüfteln. Im Gründle kaufen jedes Wochenende Tausende von Menschen im Kaufland ein oder sehen sich nebenan im Expert nach Elektrogeräten um, die das (digitale) Leben einfacher machen sollen.

Im Karl-Kurz-Areal gegenüber dem Hessentaler Bahnhof sind inzwischen viele Abteilungen des Landratsamts untergebracht, die Bürgern und Bürgerinnen als wichtige Anlaufstelle für persönliche Angelegenheiten wie Führerschein oder Kfz-Zulassung dienen. An den Bahngleisen in Hessental steigen jeden Morgen Hunderte von Berufspendlern ein, aus oder um.

Ruhige Ecken

Doch das geschäftige Treiben in Hessental täuscht: Es gibt in dem lebhaften Stadtteil auch ruhige Ecken mit überraschend viel Natur. Wer mit offenen Augen durch den Alltag läuft, der kann auf dem aufgeschütteten Tafelberg am Rande des Solparks oder am Bahnhof Hessental erstaunliche Beobachtungen machen: Die Blauflügelige Sandschrecke labt sich direkt am Bahngleis am Vogelknöterich, der durch den Asphalt bricht. Das Echte Leinkraut ist eine weitere Pflanze, die sich im Gleisschotter wohlfühlt. Gleisschotterbereiche können wertvolle Ersatzlebensräume für natürliche Schotterfluren in Flussauen und Gesteinsschutthalden unterhalb von Felsen sein.

Die Blumenwiesen, Streuobstbestände und Feuchtgebiete nördlich des Einkorns im Gewann Greut und Wacholder sind ebenfalls ein Eldorado für viele Tiere und Pflanzen. Auch die Bannwaldgebiete „Sauklinge/Alt Spöck“ östlich des Einkorns beherbergen eine besondere Flora und Fauna. Im Schluchtwald, der am Rande des stillgelegten Steinbruchs an der Straße zwischen Steinbach nach Hessental verläuft, schießen an milden Tagen im März und April die ersten Frühblüher aus dem Waldboden: Blütenteppiche von Buschwindröschen, Hohler Lerchensporn oder Scharbockskraut läuten den Frühling ein. Im Sommer blühen hier am Wegesrand insektenfreundliche Blühpflanzen wie Echter Baldrian, Kohldistel oder Wilde Möhre, die massenhaft Hummeln, Schwebfliegen, Käfer und Tagfalter anlocken.

Verborgen bleibt den meisten Spaziergängern und Spaziergängerinnen aber die vielfältige Flora und Fauna im stillgelegten Steinbruch. Auch wenn die Vegetation im Hitzesommer 2026 im Steinbruchareal ziemlich gelitten haben dürfte: Die abwechslungsreiche Biotopstruktur dient zahlreichen Tieren und Pflanzen als Refugium. Die Stadt Schwäbisch Hall setzt im stillgelegten Steinbruchgelände ein großes Ökoprojekt zur Biotopentwicklung um. Für das Team des Haller Landschaftserhaltungsverbands sind die stillgelegten Steinbrüche im Stadtgebiet etwas Besonderes.

„Der Steinbruch am Ortsrand von Hessental ist durch die Kultivierung des Menschen entstanden und dient heute als wertvolles Refugium und Lebensraum insbesondere von wärmeliebenden Arten und Arten der mageren Standorte“, betont Ronja Rosenstein. Ehemalige Abbaugebiete wie der Steinbruch zwischen Hessental und Steinbach würden eine vielfältige und wertvolle Auswahl an Strukturen und Lebensräumen bieten. „Sofern solche Gebiete nach Beendigung des Abbaus nicht wieder verfüllt werden, setzt hier zunächst der natürliche Sukzessionsprozess ein.“

Erste Pionierarten

In der Folge würden sich nach und nach die ersten Pionierarten ansiedeln, welche sich unter diesen zunächst extremen Bedingungen etablieren können. „Dabei entstehen ganze Pflanzengesellschaften und Biotope.“ Würde in diesen Prozess nicht mehr eingegriffen werden, wäre das gesamte Gebiet im Endstadium der Sukzession letztendlich ein dichter Gehölzbestand, wodurch viele wertvolle Offenlandbiotoptypen verloren gehen würden. Beispielsweise die hohen Felswände, die mageren und lichtbedürftigen Vegetationsbereiche sowie Stillgewässer, die als Habitat für eine Vielzahl von Tieren und Pflanzen dienen.

„Die Beweidung mit Ziegen ist hier die ideale Nutzungsform in diesem schwierigen und mit Maschinen kaum bewirtschaftbaren Gelände, um die Vielfalt des Gebietes durch Offenhaltung zu erhalten.“ Die Ziegen, die während der Vegetationsperiode durchgängig im Steinbruch weiden, würden dabei immer wieder junge Gehölzsukzession verbeißen, wodurch der Steinbruch offengehalten werde.

Mit der Beweidung im Steinbruch zwischen Steinbach und Hessental wurde Bernhard Habelt beauftragt. Er sieht während der Weidesaison von Frühling bis Herbst dort mehrfach nach seinen Ziegen. Bei seinen Stippvisiten genießt er die kleinen Naturschauspiele, die sich vor seinem Auge abspielen. „An den Stillgewässern des Steinbruchs sehe ich regelmäßig den schillernden Eisvogel bei der Jagd. Das ist schon ungewöhnlich, weil der Eisvogel hauptsächlich an Fließgewässern zu Hause ist.“ Der Schuttkegel inmitten des Steinbruchs ist von großen Oregano-Polstern bewachsen. Zur Hauptblütezeit ab Juli sieht Habelt mit Freude genauer hin. „Viele Schmetterlinge und Wildbienen fliegen den Oregano an.“

Die Beweidung mit Ziegen ist hier die ideale Nutzungsform in diesem Gelände.
Ronja Rosenstein
Landschaftserhaltungsverband

Von Magerwiesen bis Rastgebiet für Zugvögel

Für Jakob Raidt vom Haller Landschaftserhaltungsverband gibt es neben dem Steinbruch weitere Naturflächen rund um Hessental, die einen näheren Blick wert sind – wie zum Beispiel die Offenlandbereiche im Landschaftsschutzgebiet „Nordteil der Limpurger Berge mit Abhängen und Geländeteilen zwischen Hessental und Sulzdorf“.

Dort sehe die Biotopverbundplanung der Stadt Schwäbisch Hall einen Verbund mageren Grünlands am Nordrand der Limpurger Berge vor. „Hier am Nordrand der Limpurger Berge südlich von Hessental und Sulzdorf befinden sich noch artenreiche Magerwiesen“, schwärmt der Biotopverbundbotschafter. Zudem würden die weitgehend ausgeräumten Agrarflächen nordöstlich von Hessental von Zugvögeln als Rast- und Durchzugsgebiet genutzt.⇥asc

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