Ortsportrait Hessental: Die „Schlafstadt“ soll erwachen

Regina Scheurer mit Wolfgang Lang (links) und Rudolf Weihbrecht vor der Grundschule.
Foto: Rainer LangViele Vorschläge liegen auf dem Tisch, damit sich in Hessental ein Wir-Gefühl einstellt, vom öffentlichen Mittagstisch über ein Repair-Café und einen Nachbarschaftsverein bis zur Gestaltung des Grünen Angers als Grünzug im neuen Wohngebiet Sonnenrain. Zu verdanken ist das der „Initiative für ein lebens- und liebenswertes Hessental“, die in den vergangenen Monaten zum Runden Tisch und zur „Ideenschmiede“ geladen hat.
„Das letzte halbe Jahr war anstrengend“, räumt Regina Scheurer ein, die sich den Vorstand mit Wolfgang Lang und Rudolf Weihbrecht teilt. Trotzdem haben es sich die drei nicht nehmen lassen, bei einem Rundgang durch den Ort, ihre Anliegen im Detail zu erläutern. Der Ausgangspunkt ist nicht zu verfehlen und ein guter Orientierungspunkt im Stadtteil – der weithin sichtbare Turm der katholischen Kirche.
Schnell wachsender Stadtteil
„Bauen, bauen, bauen“ sei jahrzehntelang das Motto gewesen. So beschreibt Wolfgang Lang das Grundproblem von Hessental. Der Ort sei mit inzwischen rund 9000 Einwohnerinnen und Einwohnern der größte und am schnellsten wachsende Stadtteil Halls, fügt der aus der Pfalz stammende Vertreter der Initiative hinzu, der vor 32 Jahren zugezogen ist.
Dass sich dabei niemand so richtig um die Infrastruktur gekümmert hat und Hessental so zur „Schlafstadt“ geworden sei, ist laut Weihbrecht der zentrale Beweggrund für die Gründung der Initiative vor vier Jahren. Es sind nicht nur ständig neue Wohngebiete entstanden, zuletzt mit dem nach Ansicht von Weihbrecht überdimensionierten Sonnenrain. Auch im Ortskern ist die Verdichtung nicht zu übersehen. Wo früher zum Beispiel ein Bauernhof war, stehen heute Wohnblöcke. Genauso ist der ehemalige Garten des Hotels Krone, das zur Freude der Initiative wieder eröffnet worden ist, überbaut. Die Senioren-Wohnanlage daneben – das Advita-Haus – wurde großzügig erweitert. Auch im Umfeld des Bahnhofs sind Wohngebäude entstanden.
Regina Scheurer hat die Beweggründe genau im Kopf. Nach ihren Worten hat sich die Initiative 2022 gegründet aufgrund der Bebauung des Areals Grundwiesen II. Diese Erweiterung erschien dem Vorstand nicht erstrebenswert. Scheurer verweist darauf, dass Hessental in den vergangenen Jahren stark gewachsen ist – durch die Bebauung der Mittelhöhe, des Sonnenrains, des Krone-Gartens, des Solparks und durch Nachverdichtungen im Ortskern. An den gleichzeitigen Aufbau sozialer Infrastruktur mit Treffpunkten und Gemeinschaftseinrichtungen sei dabei jedoch nicht ausreichend gedacht worden.
Darüber, dass die Baukrise das Bauen gebremst hat, ist die Initiative nicht unglücklich. Doch nach ihrer Ansicht ist für das Miteinander im Stadtteil ein weiterer Schritt unabdingbar – die Einrichtung eines Quartiersmanagements.
Die Enttäuschung darüber, dass dies noch nicht geschehen ist, kann der Vorstand nicht verhehlen. Nachdem mit Unterstützung der „Allianz für Beteiligung“ der Runde Tisch und die „Ideenschmiede“ stattfanden, sollte die Stadt einen Förderantrag für einen Quartiersmanager stellen. Zumindest sei das versprochen worden, macht Lang geltend. Er hofft nun, dass der Antrag bald gestellt wird.
Kein eigenes Budget
Als Begründung für die Verzögerung sei die knappe Haushaltslage genannt worden, was Weihbrecht nicht versteht, weil Fördergelder von 80.000 bis 90.000 Euro winken. „Wir sind auf Stadt und Gemeinderat als Partner angewiesen“, bekräftigt Scheurer. Wie die Mit-Vorstände bedauert sie, dass Hessental seit über einem Vierteljahrhundert kein Teilort mehr ist. Das frühere Rathaus sticht zwar noch als schmucker Bau hervor, ist aber längst zum Wohngebäude umgebaut worden. Da habe es noch eine Ansprechstelle vor Ort gegeben. Heute laufe alles zentral über die Haller Stadtverwaltung, meint Weihbrecht. Darum gibt es auch nicht die Möglichkeit, über ein eigenes Budget zu verfügen, wie dies Teilorte wie Sulzdorf, Gailenkirchen oder Tüngental mit wesentlich weniger Einwohnern tun können. Gerade einmal zwei von 32 Stadträten würden Hessental im Gemeinderat vertreten. Die Belange und Erfordernisse des Stadtteils kommen ihrer Ansicht nach zu kurz.
„Es fehlen Treffpunkte und der Verkehr rollt mitten durch den Ort“, beklagt Lang. Der Vorstand freut sich, dass sowohl beim Runden Tisch als auch bei der „Ideenschmiede“ die örtliche Politik dabei war mit Vertreterinnen und Vertretern von SPD, Freien Wählern, Grünen sowie Linken. Die Initiative betont, dass sie parteipolitisch und konfessionell nicht gebunden ist.
Die Initiative besteht neben dem Vorstand aus einem festen Kern von rund zwei Dutzend Personen, hat jedoch nach Einschätzung von Lang rund 80 bis 100 Mitstreitende gewonnen. „Uns liegt fern, alles schwarz zu malen“, sagt Scheurer. Einiges habe sich seit Gründung der Initiative 2022 auch verbessert, ergänzt Lang und nennt als Beispiel die Einführung von Tempo 30. Dadurch sei das Einfädeln aus den Nebenstraßen nicht mehr ein lebensgefährliches Unterfangen, meint Weihbrecht.
Als besonders schwierigen Gefahrenpunkt nennt er den Kreuzungspunkt an der Apotheke Hessental, wo die Sicht für einfahrende Autofahrer aus der Seitenstraße wie dem Grauwiesenweg schlecht sei. Der Übergang von der Einkornstraße zum Grauwiesenweg und zur Sulzdorfer Straße ist nur eines von mehreren Nadelöhren in Hessental.
Doch vieles brennt dem Vorstand noch auf den Nägeln. Unbedingt müsse die Einhaltung des Tempolimits in der Kirchstraße und der Haller Straße kontrolliert werden, heißt es. Das sei wegen der Schülerinnen und Schüler sowie der Seniorinnen und Senioren unbedingt erforderlich. Angesichts der Senioren-Wohnanlage sei es zudem längst überfällig, dass die Bushaltestellen altersgerecht umgebaut werden. Auch die Regelung des Radverkehrs wird angemahnt.
Über Nutzung nachdenken
Zur Plage hätten sich „zum Entsetzen aller“ die E-Scooter auf den Gehwegen und Straßen entwickelt, so die Initiative. Die illegale Müllablagerung, von Matratzen bis zu Küchengeräten, bezeichnet sie als „Schandfleck“. Mit Erleichterung hat die Initiative zwar die Entscheidung für den Neubau der aus allen Nähten platzenden Grundschule mit völlig überalterter Turnhalle nahe der Hohenloher Molkerei zur Kenntnis genommen. Die Vorstände drängen darauf, rechtzeitig über die Nutzung der frei werdenden Gebäude im Ort nachzudenken. „Alle wollen wissen, wie es weitergeht“, sagen sie.
Der Initiative ist die Zusammenarbeit mit den örtlichen Gruppen wichtig, sei es mit „Nachbarschaft auf der Höhe“, den Kleingärtnern, den Kirchengemeinden oder dem TSV Hessental. Sie bedauert, dass ein Antrag auf Sanierung der Sanitäranlagen bei der Stadt auf Ablehnung gestoßen ist. Dies sei längst überfällig.
Die Initiative denkt darüber nach, Verein zu werden. Damit würden sich mehr Handlungsspielräume und auch die Chancen für Förderungen ergeben, meint Scheurer.
Info Wer sich für die Initiative interessiert oder sich selbst einbringen möchte, findet dazu weitere Informationen unter www.initiative-hessental.de.

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