Interview „Nachts ist jeder Mensch ein Dichter“

Ulm / Von Lena Grundhuber 03.11.2018

Vom Fliegen habe er nie geträumt, sagt Manfred Engel. Träume, meint der Germanistik-Professor, seien individuell so verschieden wie die Fantasie. Trotzdem haben die Menschen von jeher versucht, die Gesetze des Traums zu ergründen. Auch Engel, Professor an der Universität des Saarlandes, beschäftigt sich seit Jahrzehnten mit ihm, zur Zeit als Mitglied einer Forschergruppe und des Saarbrücker Graduiertenkollegs „Europäische Traumkulturen“. Für die Literatur sei der Traum ein „Innovationsgenerator“, denn Dichter müssen sich etwas einfallen lassen, um das rätselhafte Thema zu gestalten. Das haben sie auch getan – schon immer.

Haben Menschen immer gleich geträumt?

Manfred Engel: Wenn wir uns Traumberichte aus der Vergangenheit ansehen, sehen sie durchaus anders aus. Aber im Traum können wir ja nicht schreiben, deshalb kommen wir an ihn selbst nie heran. Das gehört zu dem Mysterium, das die kulturelle Arbeit am Traum auslöst: In dem Moment, in dem ich aufwache und den Traum aufschreibe oder von ihm erzähle,  findet ein Eingreifen des Wachdenkens statt und zwar innerhalb unserer kulturellen Muster. So selbstverständlich wie ein Hollywood-Film für uns ist, so selbstverständlich war es für den Mesopotamier, dass im Traum ein Gott erscheint. Ich nehme an, dass es Grundkonstanten in der Traumstruktur gibt. Aber Sie werden kaum träumen, dass Sie auf die Jagd gehen und ein Mammut erlegen.

Das Rätsel der Träume dürfte den Menschen von Anbeginn begleiten, oder?

Ja, denn im Traum ist der Mensch mit einer zweiten Wirklichkeit konfrontiert, die seltsam und fremd ist. Wie geht man nun damit um? Man kann sagen: Der Traum ist eine verzerrte Version der Wachwelt. Er bedeutet gar nichts, sondern ist nur eine Fehlfunktion des Gehirns. Oder man kann sagen, im Traum begegnen wir der zweiten Wirklichkeit – im christlichen Kontext würde das bedeuten, die Träume sind von Gott oder vom Teufel geschickt. Das ist der sogenannte übernatürliche Traum.

Welches ist der erste Traum-Text?

Der erste Traumbericht, den wir haben, stammt aus Mesopotamien und entstand ungefähr 3000 vor Christus. Zu dieser Zeit stehen Träume in einem religiösen Deutungskontext – als Botschaften der Götter. In einem solchen Botschaftstraum kommt ein Gott und sagt Ihnen, was Sie zu tun haben. Daneben gibt es den symbolischen Traum, für den es professionelle Traumdeuter braucht, um ihn zu entschlüsseln. Aus der Bibel kennen wir Josef, der dem Pharao seine Träume auslegt.  Bis zum 18. Jahrhundert richtet sich das Interesse der Menschen vor allem auf Träume, in denen sie Botschaften erkennen können. Und wenn Sie im Internet nachsehen, werden Sie feststellen, dass noch heute viele danach suchen.

Was ändert sich im 18. Jahrhundert?

Die Aufklärung entzaubert den übernatürlichen Traum, indem sie sagt: Träume haben keine prophetische Bedeutung, man kann sie natürlich erklären, je nachdem, welche Geräusche man im Schlaf gehört hat, ob der Magen zu voll war oder ob man psychische Probleme hat. Dann kommt die Romantik, die vom rationalen Weltbild der Aufklärung nicht viel hält. Sie entwickelt neue Theorien, mit denen man erklären kann, dass es auch ohne göttliche Eingriffe Träume gibt, die uns mehr sagen, als wir als Wachende wissen können. Abgeschafft wird der Traum mit einer höheren Bedeutung also nie – selbst im 20. Jahrhundert finden Sie das bei C. G. Jung und seinem „kollektiven Unbewussten“.

Wenn ich von ausgefallenen Zähnen träume, fühle ich mich miserabel. Das muss doch eine überindividuelle Bedeutung haben?

Wenn Sie bei Artemidor im 2. Jahrhundert nach Christus nachlesen, deuten ausgefallene Zähne prophetisch auf den nahen Tod eines Verwandten hin. Wenn Sie bei Freud nachlesen, und Sie sind ein Mann, ist das ein Orgasmustraum. Solche Symbole können die unterschiedlichste Bedeutung haben. Nur Sie selbst können einen Zugang finden. In der klassischen Psychoanalyse würden Sie gefragt: „Ah, Sie haben von einem Zahn geträumt, was fällt Ihnen dazu ein?“ Über das freie Assoziieren würde man versuchen, an die Bedeutung heranzukommen.

Was glauben Sie denn selbst?

Glauben tu’ ich nur am Stammtisch – als Kulturwissenschaftler habe ich keine Kompetenz, Traumtheorien zu entwickeln. Unter uns gesagt, an eine höhere Bedeutung glaube ich nicht, aber auch nicht an eine rein psychologische. Es gibt eine Traumtheorie, die Joseph Addison, ein englischer Autor des frühen 18. Jahrhunderts, entwickelt hat. Er erklärt Träume als „Vergnügungen der Seele“, die sich ihre eigenen Theaterstücke aufführt. Das beobachte ich an mir selbst: Ich sehe Träume, die eine psychologische Bedeutung haben, aber auch solche, die eine mehr oder minder unterhaltsame Welt entwerfen. Ich nenne sie meine B-Movie-Träume. Aber das ist wirklich Stammtisch!

Dann ist der Traum aber eng an die Fantasie gekoppelt.

Ganz genau, das Hirn ist in der Nacht aktiv, und daraus schafft die Fantasie mehr oder weniger geglückte Geschichten. Das ist eine Auffassung, die in der Romantik eine große Rolle spielt. Für die Romantiker ist der Traum eine ursprüngliche, natürliche Form von Dichtung. Jeder ist in der Nacht ein Dichter – die Romantiker nennen das Naturpoesie. Sie machen das gleiche – nur kontrollierter – und nennen es Kunstpoesie. In der Theorie der Romantiker ist das, was wir in Träumen sehen, das ursprüngliche Walten unserer Einbildungskraft.

Eine frühe Vorstellung vom Unbewussten?

Die Romantiker haben ein Konzept des Unbewussten, aber das ist nicht identisch mit dem von Freud. Ihm geht es um die Welt der Triebe, doch wenn bei den Romantikern vom Unbewussten die Rede ist, dann als eine formende Kraft, die der ganzen Wirklichkeit zugrunde liegt. Was in Ihnen schafft, wenn Sie einen Artikel schreiben, ist die gleiche Kraft, die Ihren Körper am Leben erhält und in der Natur wirkt. Eine Grundkraft wirkt in allem. Vereinfacht gesagt, erfahren wir deshalb im Traum eine Vereinigung mit dem Ganzen der Natur, mit dem schaffenden Prinzip, das wir nicht unter Kontrolle haben und das über unser Ich hinaus geht. In der romantischen Literatur entstehen große Traumszenen – von Novalis und E.T.A. Hoffmann bis zu Eichendorff.

Haben die Romantiker ihre eigenen Träume als literarisches Material genutzt?

Wir wissen wenig über die Träume der Romantiker, denn obwohl man es vermuten würde, hat keiner von ihnen systematisch Traumtagebuch geführt. Das hängt mit der Differenz zwischen Naturpoesie und Kunstpoesie zusammen. Die Romantiker wollten zwar mit derselben Grundkraft arbeiten, die sich in Träumen, Mythen und Märchen äußert, aber auf bewusste, kontrollierte Art. Die Surrealisten im 20. Jahrhundert dagegen schreiben ihre Träume auf, um zu studieren, wie das unkontrollierte Unbewusste wirkt und bauen ihre Dichtungen so auf.

Träumen Dichter anders?

Ich denke, dass Dichter besser träumen, weil sie eine besser entwickelte Fantasie haben. Ihre Träume sind bestimmt interessanter als die langweiligen Träume, die ich produziere. Traumaufzeichnungen von Autoren lesen sich oft ähnlich wie ihre literarischen Werke. Kafka zum Beispiel hat viele seiner Träume aufgezeichnet, und wenn wir die lesen, fühlen wir uns, als wären wir in einem Kafka-Text. Die merkwürdigen Wesen, die labyrinthischen Räume gibt es auch in seinen Träumen. Eine direkte Motivübernahme aus einem Traumnotat konnte ich nur einmal nachweisen. Es ist eine Szene aus „Der Verschollene“. Da fährt Karl Roßmann in den Hafen von New York ein und sieht im Wasser ein merkwürdiges Spiel von Baumstämmen.

Man hat den Eindruck, dass der Traum mal mehr, mal weniger Konjunktur hat. Woran liegt das?

Die Aufklärung vollzog einen enormen Modernisierungsschub und die Romantik reagierte darauf als erste modernitätskritische Epoche. Um 1900 geschieht wieder ein Modernisierungsschub, und die Künstler reagieren wieder darauf, wenn auch anders. Kritik an einem ausschließlich vernünftigen Weltbild sieht im Traum immer eine Möglichkeit, diese Kritik zu gestalten.

Und Ihr romantischer Lieblingstraum?

In Novalis’ „Heinrich von Ofterdingen“ gibt es den Traum von der blauen Blume, wobei ich eine frühere Szene daraus schöner finde: Da steigt Heinrich ins Wasser, und die Grenzen seines Ichs werden aufgehoben, alle seine Gedanken realisieren sich unmittelbar um ihn herum.  Woran denkt ein Mann nackt im Wasser? Natürlich an junge Mädchen, deren Körper plötzlich neben ihm auftauchen. Das aufklärerische Weltbild explodiert in dieser romantischen Urszene: Schwimmend in einem grenzenlosen Element, erfährt man die grenzenlose Macht der Imagination.

Traumdeutung in der Antike und der Moderne

Artemidor von Daldis (2. Jh. n. Chr.) hat das erste überlieferte Traumdeutungsbuch hinterlassen. Sein Werk ist ein früher Versuch, das Chaotische, Rätselhafte zu systematisieren. Träume werden dabei als günstige oder ungünstige Zeichen für die Zukunft ausgelegt.

Sigmund Freuds bahnbrechendes Werk „Die Traumdeutung‘“ (1899/1900) bleibt im gesamten 20. Jahrhundert wirkmächtig. Danach ist der Traum eine Befriedigung eines verdrängten Triebwunsches und wird in der Psychoanalyse genutzt, um in unbewusste Bereiche vorzudringen.

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