Die Scheiben des Audienzsaals sind abgedunkelt gegen die sengende Sonne Afrikas. Von der Decke wirbeln vier in die Jahre gekommene Ventilatoren einen Hauch von Luft in den quadratischen Raum. Vergilbte Fotos zieren die Wände. Sultan Abdoul Kader Amadou Issaka empfängt zum Gespräch. Er sitzt auf der Stirnseite des Raumes. Geschützt vor den Augen Neugieriger hat er sich dort, abgeschirmt durch wallende rot-grüne Gewänder seiner Leibgarde, niedergelassen. Die weißen Gäste aus dem fernen Ausland dürfen auf Augenhöhe mit ihm auf Plüschsofas sitzen, die entlang der Wände stehen. Untertanen ist ein Platz auf dem roten Fußboden vorbehalten.
Abdoul Kader Amadou Issaka ist die höchste traditionelle Autorität des Kantons Kantché, rund 80 Kilometer entfernt von Zinder, der zweitgrößten Stadt Nigers. Etwas Landwirtschaft gibt es in der Region, Hirseanbau sowie vereinzelt Viehzucht, und noch mehr Steppe und Ödnis. „Unsere Felder reichen nicht, um die Menschen zu ernähren“, sagt der Sultan. Die Böden sind ausgelaugt und die Felder inzwischen zu klein, um den Unterhalt von Familien zu decken, was der Realteilung im Erbfall geschuldet ist. „Manchmal sind die Parzellen so klein, dass nicht einmal mehr Häuser errichtet werden können.“ „Dramatisch verschlechtert“ habe sich die Versorgungslage. Das liegt auch daran, dass die Bevölkerung rasant wächst.
Mehr als 21 Millionen Menschen leben derzeit in Niger. Mit seinem Bevölkerungswachstum von rund vier Prozent jährlich liegt Niger auf Platz vier der Welt hinter Südsudan, Malawi und Burundi. Bis zum Jahr 2050 wird sich die Zahl der Einwohner fast verdreifacht haben, wenn die Entwicklung ungebremst voranschreitet. Dabei kann das Land, das beim Human Development Index der Vereinten Nationen den letzten Platz belegt, schon heute seine Bevölkerung nicht mehr vollständig ernähren. Die Familien sind groß. Polygamie ist im Süden des Landes weit verbreitet. Sieben bis acht Kinder bekommt eine Frau im Durchschnitt. Der Wunsch nach reichem Kindersegen ist anhaltend groß – unabhängig von Alter und Bildungsstand der Frauen.

„Wir müssen etwas tun“

Der junge Sultan weiß um den Bevölkerungsdruck. Mit 260 Menschen pro Quadratkilometer zählt die Region zu den dicht besiedelten im Land. Zum Vergleich: In Deutschland liegt der Durchschnitt bei 232 Einwohner je Quadratkilometer. „Das ist ein schwieriges Thema, vor allem vor dem Hintergrund unserer Tradition und Kultur“. „Doch das Problem des Bevölkerungsdrucks ist groß. Wir müssen etwas tun“, ergänzt der Mann, der noch keine 40 ist. Die Worte bedeuten eine kleine Revolution. Geburtenkontrolle ist ein heikles Thema in einem Land, in dem Ansehen und Prestige von Männern und Frauen oft an deren Fruchtbarkeit gebunden ist. 7,6 Kinder bekommt eine Frau im Durchschnitt. Kaum jemand traut sich, offen darüber zu reden. Schon gar nicht traditionelle politische Autoritäten wie der Sultan oder religiöse Führer, die im Niger großen Einfluss haben. Geburtenkontrolle wird von ihnen oft als Eingriff in den Willen Allahs gedeutet oder als neue Bevormundung durch die westliche Welt. Das Thema hat Sprengkraft, bestätigt auch der ranghöchste islamische Friedensrichter des Landes, Alkali Laouali Ismaël. „Das ist eine Türe, die ich nicht öffnen möchte“, sagt der islamische Würdenträger im Gespräch unter dem Vordach seines Hauses. So wundert es nicht, dass nach einer Erhebung der Regierung aus dem Jahr 2016 nur etwa elf Prozent der Nigrerinnen Zugang zu Verhütungsmitteln haben.
Die Entwicklung ist brisant. Zwar legt die Wirtschaft in Niger Jahr für Jahr zu, doch mit dem Bevölkerungswachstum hält auch das beachtliche ökonomische Plus von rund vier Prozent nicht Schritt. Wissenschaftler warnen vor Auswirkungen auf die „demografische Sicherheit“.

Nährboden für Revolten

Die Bevölkerungsexplosion erhöhe das Risiko von sozialen Unruhen und Aufständen. Sie bildet möglicherweise auch den Nährboden für politischen Extremismus. Auch Revolten wie in Tunesien, dem Land, in dem der Arabische Frühling 2010 seinen Anfang nahm, werden auf den Bevölkerungsdruck und die fehlenden Perspektiven für junge Menschen zurückgeführt.
Abdoul Kader Amadou Issaka will seinen Kanton schützen und setzt auf seine Reputation. Vor zehn Jahren wurde er von den Dorfältesten seines Kantons aus dem Kreis der männlichen Nachfahren des verstorbenen Sultans zu dessen Nachfolger gewählt. Jetzt nutzt er diese Autorität für eine Sensibilisierungskampagne in seinen Dörfern. Jedes einzelne hat er mit einem kleinen Stab in den vergangenen Monaten aufgesucht und mit den Ältesten über den Zusammenhang von Geburtenraten und Ernährungslage gesprochen. Manchmal seien sie einen ganzen Tag unter schattenspendenden Bäumen zusammengesessen.
Warum haben die Menschen Hunger in eurem Dorf?, habe er die Männer gefragt. Was müsste geschehen, damit nicht so viele junge Menschen das Dorf verlassen und sich auf den gefährlichen Weg Richtung Algerien begeben?
Sultan Abdoul Kader Amadou Issaka glaubt, dass zumindest in seinen Dörfern das Nachdenken über das so bedrohliche Geburtenwachstum begonnen hat. „Die Menschen haben mir zugehört“, sagt der junge Mann, der mit seiner Offenheit verblüfft.

Bevölkerungsaufbau im Vergleich