„Nein!“ Es ist ein kleines Wort, doch für Nana Faisah Abda hatte es eine enorme Bedeutung. Die 16-Jährige sagte „Nein“, als sie vor zwei Jahren einen Fremden heiraten sollte – und brachte damit in ihrem Heimatdorf Batafadoua im Süden Nigers einige gegen sich auf. „Was, Du willst nicht heiraten?“, stichelten die alten Frauen des Dorfes. „Wo bleibt Dein Respekt gegenüber unserer Tradition?“, eiferten Männer. Ein Mädchen, das aufbegehrt gegen alte Verhaltensmuster, wohin sollte das führen?

Bildung für Mädchen schwierig

Nana Faisah Abda sitzt zusammengekauert auf dem gestampften Boden eines kleinen Rundhauses im Dorfzentrum. Dass sie von ihrem Leben erzählen soll, fällt ihr augenscheinlich schwer. Unsicherheit liegt in ihrem Gesicht, leise ist ihre Stimme. Das Mädchen mit dem grünen Schleier will keine Sonderrolle haben im Dorf. Viel lieber würde sie eintauchen in das Gekicher ihrer Altersgenossen und mit ihnen die Schulbank drücken. Doch Nana Faisah Abda hat den Sprung in die sechste Klasse nicht geschafft. Zwei Mal konnte sie die Prüfung wiederholen, dann haben sie die Lehrer nach Hause geschickt. An diesem Tag war die Kindheit für sie zu Ende.
Die Prüfungen zum Übertritt in die sechste Schulklasse sind für viele Mädchen eine entscheidende Weiche. Auch Nana Scherifa Mama (14), Nana Aisha Mama (13) und Schamsia Saidu (14) sind zwei Mal an den Aufgaben gescheitert. „Es war einfach zu schwer“, sagen die Mädchen. Sie mussten im Haushalt ihrer Familien helfen, ­ Essen zubereiten, Hirse stampfen, Holz suchen, Wasser holen, hatten einfach keine Zeit zum Lernen. Auf Bildung für Mädchen wird nicht überall Wert gelegt. Mädchen würden ja heiraten, heißt es oft. Da störe allzu große Wissbegier nur. Für junge Mädchen ist diese Einstellung eine Falle. Ohne Schule, so sagen die Alten, würden sich Mädchen langweilen und zur Beute junger Männer werden.
Auch der damals 14-Jährigen Faisah Abda ging es so. An einem Markttag wird sie von einem Mann angesprochen, er wolle sie heiraten, sagt er. „Ich dachte, das sei ein Witz“, sagt Nana Faisah Abda. Doch der 30-Jährige machte Ernst, sprach bei den Eltern vor, zahlte vermutlich auch Brautgeld, ein Thema, über das heute nicht mehr gerne gesprochen wird. Allein, das Mädchen weigerte sich. Ein Affront, über den im Dorf noch Jahre später gesprochen wird. Drei Viertel aller Mädchen werden in Niger als Minderjährige verheiratet. Das sei ein massiver Verstoß gegen Kinderrechte und eine Gesundheitsgefährdung für junge Mädchen, sagt Moussa Yahaya, Unicef-Experte für Kinderrechte.

Eine uneheliche Schwangerschaft gilt als Schande

Mütter, die sich gerade noch auf den Dorfstraßen zu Hüpfspielen trafen, sind im Niger keine Seltenheit. Die Angst, dass die Jungfräulichkeit eines Mädchens in Gefahr sein könnte, treibt Eltern zur Eile. Eine Schwangerschaft, ohne verheiratet zu sein, gilt in den Familien als größte vorstellbare Schmach. Um diese zu umgehen, verlangen sie von ihren Töchtern einen hohen Preis. Schon als Pubertierende werden sie in einen engen Geburtenzyklus getrieben. Die weit verbreitete Polygamie macht die Situation für unerfahrene Mädchen noch gefährlicher. Oft sind sie Schikanen und Rivalitäten der Erst- und Zweitfrauen ausgesetzt.
„Das Thema ist heikel“, räumt Moussa Yahaya ein. Meist könne das Thema Kinderehe nur über Umwege angesprochen werden, über die gesundheitlichen Risiken für viel zu junge Mütter, über Ehen, die nicht funktionieren – oder über Kinderrechte. In Batafadoua hat das Wirkung gezeigt. Im vergangenen Jahr bildete Unicef in Batafadoua Männer und Frauen aus, die sich seither um die Rechte von Kindern und Jugendlichen kümmern. Auch ein elfköpfiges Dorfkomitee wurde eingerichtet. In ihm haben neben Dorfchef, Imam, Lehrer, Gesundheitshelfer erstmals auch ein Mädchen und ein Junge Mitspracherechte.
Getagt wird unter den Ästen eines großen Acacia-Baumes, der in der Trockenzeit mit seinen luftigen Blättern etwas Schatten spendet. „Der regelmäßige Austausch hat den sozialen Zusammenhalt gestärkt“, sagt ein Mann aus der Runde der Dorfältesten. Und er hat ein Umdenken in die Wege geleitet.
Auf Drängen des Dorfkomitees dürfen Nana Scherifa Mama und ihre Freundinnen nun doch weiter zur Schule gehen. „Ich möchte jetzt nicht verheiratet werden, sondern meinen Mann später selbst aussuchen und auch erst in einigen Jahren Kinder haben“, sagt Schamsia Saidu. Die 14-Jährige träumt von einem „fröhlichen Leben“ – und dass sie ihren Mitfrauen auf Augenhöhe begegnen kann. Für ein Mädchen in Niger ist das schon viel.