Kann Wut zu etwas Gutem führen? Sahia Ibrahim kochte über vor Zorn. In der nigrischen Stadt Zinder entführte am hellichten Tag eine Jugendgang ein junges Mädchen – und keiner der umstehenden Erwachsenen rührte sich. Die Jungs hatten das Mädchen mit ihren Motorrädern umkreist und es auf einen Rücksitz gezogen. Dann war die Gruppe weg.

Gewalt gegen Mädchen ist Alltag

Gewalt gegen Mädchen gehört in Zinder zum Alltag. Nicht selten werden junge Mädchen von Jugendbanden aus dem Elternhaus entführt und in eine 50 Kilometer entfernte Bergregion verschleppt, wo sie wochenlang gefangen gehalten und vergewaltigt werden. Jahrelang nimmt kaum jemand davon Notiz. Bis Sahia Ibrahim öffentlich aufbegehrt, sich bei Politikern und Autoritäten beschwert. Wut treibt sie an. Sie scheut sich auch nicht, es mit den Chefs der „Palais“ aufzunehmen. So nennen sich die Jugendbanden im Niger. Drei Tage nach der Entführung findet Sahia Ibrahim das Mädchen. Mit viel Gezeter erzwingt die 33-Jährige die Herausgabe.
Es ist ein Erfolg, kein Sieg. Entführungen und damit verbunden Vergewaltigungen haben für Mädchen im Niger lebenslange Folgen. Die Zukunft als Mutter und Familienfrau ist ihnen oftmals verbaut. Sie werden geächtet. „Die Gesellschaft zeigt auf die Mädchen, nicht auf die Jungs“, empört sich Sahia Ibrahim. Die geschiedene Frau hat selbst erfahren, wie wenig ein Mädchen zählt.
Als Jugendliche wird sie in den Haushalt der älteren Schwester gegeben, um deren Kinder zu versorgen. Doch die Schwester stirbt. Nun will der Schwager die Jugendliche zur Frau. Sie wehrt sich, hat aber keine Chance. Erst nach einem langen Kampf gelingt es ihr als junge Erwachsene, sich aus der Ehe zu befreien. Der Schutz und die Förderung junger Frauen ist fortan ihre Passion.
Immer wieder geht sie durch besonders arme Stadtviertel und fragt nach Mädchen, die dringend Hilfe brauchen, weil sie arm, sexuell missbraucht oder häuslicher Gewalt ausgesetzt sind. Inzwischen leitet Sahia Ibrahim ein Ausbildungszentrum für Mädchen im Alter zwischen 15 und 18 Jahren, das vom Kinderhilfswerk Unicef unterstützt wird.

Ausstieg aus der Prostitution

Nähmaschinen rattern. Auf Matten sitzen Mädchen und stricken. Sie fertigen Kinderkleidung und Decken. Immer wieder beugt sich Sahia Ibrahim über die Arbeit, kontrolliert Nähte und Maschenschlag. 115 junge Frauen hat das Zentrum in dreijährigen Lehrgängen in den vergangenen Jahren ausgebildet – im Nähen und Schneidern oder als Händlerin. Sahia Ibrahim: „Für Mädchen, die verloren waren, ist das der Einstieg in ein autonomes Leben.“ Und manchmal auch der Ausstieg aus der Prostitution.
Wie für Rabi Maman. Selbstbewusst steht die heute 21-Jährige vor ihrem Moped. Sie trägt ein Kleid mit großen Herzen, ein weißer Schal ist locker über ihr schwarzes Haar geschwungen. Seit sie zusammen mit zwei Freundinnen als Händlerin ihren Unterhalt bestreiten könne, führe sie ein respektiertes Leben. Den Start dazu hat ihr das Ausbildungszentrum ermöglicht.
Rabi Maman ist bei ihrer Großmutter in ärmsten Verhältnissen aufgewachsen. Drei Jahre lang geht sie zur Schule, dann ist Schluss. Die Großmutter hat kein Geld für Schulbücher und Hefte. Als Rabi 13 ist, beginnen Jungs dem schönen Mädchen nachzustellen. Irgendwann geht sie mit – gegen Geld. Sie folgt demjenigen, der am meisten zahlt. „Wenn du so arm bist, hast du keine Kraft Dich zu wehren“, sagt Rabi. Sie wird Teil diverser Gangs, erfährt Gewalt und lernt, sich nicht nur mit Fäusten zu wehren. Der Kontakt zu Sahia Ibrahim bringt für sie die Wende. „Die hat sich nicht einschüchtern lassen“, sagt Rabi Maman anerkennend. Als Bandenmitglieder die damals 16-Jährige nicht freigeben wollen, habe Sahia ihnen gedroht: „Euch bringe ich ins Gefängnis.“ Sahia Ibrahim setzte sich durch – und Rabi Maman bekam eine Perspektive.
Doch wie werden aus verletzten Mädchen starke Frauen? „Sie brauchen einen starken Willen“, sagt Sahia Ibrahim. So wie Nidjaatou Abdoulaye. Die 15-Jährige nimmt jeden Morgen einen dreistündigen Fußweg auf sich, um zum Ausbildungszentrum im Zentrum von Zinder zu gelangen. Seit einem Jahr lernt sie dort stricken und nähen. Sie hofft, über den Verkauf von Kleidungsstücken etwas zum Lebensunterhalt für sich und ihre blinde Oma beitragen zu können.
Noch ist es nicht soweit. Oma und Enkelin leben vom Betteln. Der Erlös reicht nicht, um jeden Tag den Hunger zu stillen. Nidjaatou Abdoulaye gibt trotzdem nicht auf. Irgendwann werde sich das Leben zum Besseren wenden, habe ihr die Oma gesagt. Nidjaatou Abdoulaye setzt darauf. Die 15 Kilometer Fußmarsch am Abend nimmt sie dafür  in Kauf.