Südwest-Kommandeur Michael Giss: „Krieg geht alle an – es gibt gute Gründe, zum Gewehr zu greifen“

„Ich sage immer: Krieg geht alle an“: Michael Giss, Chef des Landeskommandos Baden-Württemberg.
Marijan Murat/dpa- Michael Giss, Chef des Landeskommandos Baden-Württemberg, fordert mentale Kriegsbereitschaft.
- Er kritisiert die Vollkasko-Mentalität und betont die Pflicht zur Verteidigung.
- Nur ein Drittel der Deutschen wäre bereit, ihr Land zu verteidigen.
- Giss fordert mehr Jugendoffiziere in Schulen und diskutiert die Wiedereinführung der Wehrpflicht.
- Ziel ist Abschreckung, nicht Krieg, um den liberalen Rechtsstaat zu schützen.
Die Zusammenfassung wurde durch künstliche Intelligenz erstellt.
Die Gesellschaft muss sich aus Sicht des neuen Chefs des Landeskommandos Baden-Württemberg mental auf den Kriegsfall einstellen. Trotz zahlreicher Krisen und Kriege würden sich immer noch viele Menschen gar nicht mit dem Thema beschäftigen, sagte der Kapitän zur See, Michael Giss. „Es gibt noch wahnsinnig viele Bevölkerungsteile, die völlig in der Friedensdividende verhaftet geblieben sind“, kritisiert er. „Ich sage immer: Krieg geht alle an.“
Der 60-Jährige führt das Landeskommando der Bundeswehr seit rund einem halben Jahr. Das Kommando mit Sitz in Stuttgart ist die oberste territoriale Kommandobehörde der Bundeswehr in Baden-Württemberg. Es repräsentiert die Bundeswehr gegenüber der Landesregierung in der zivil-militärischen Zusammenarbeit. Giss ist gebürtiger Freiburger und war zuvor Chef des Landeskommandos in Hamburg. Dass er meinungsstark ist, zeigte Giss bereits kurz nach seinem Amtsantritt – als er Ministerpräsident Winfried Kretschmann (Grüne) nach einem verschobenen Termin unterstellte, sich nicht für die Themen Bundeswehr und Verteidigung zu interessieren. Das wies Kretschmann vehement zurück.
Kritik an Vollkasko-Denke
Viele Menschen würden nichts anderes kennen als eine „friedliche, von Freunden umzingelte Welt“, ohne Grenzen, so Giss. „Ich werfe es den Leuten nicht vor. Sie kennen nichts anderes. Aber jetzt ist die Zeit, wo wir ein bisschen über den Tellerrand hinausschauen müssen.“ Es gebe wahnsinnig viel Erklärungsbedarf. Bei den Bürgerinnen und Bürgern müsse Betroffenheit erzeugt werden.
Giss zitierte Umfragen, wonach auch im vierten Kriegsjahr der Ukraine nur ein Drittel der Menschen in Deutschland bereit wäre, ihr Land zu verteidigen. „Die anderen zwei Drittel müssen von ihrer Vollkasko-Denke wegkommen und sagen: „Wo kann ich mich engagieren? Was würde ich denn tun, wenn es so weit kommt?"“, so Giss. „Die Welt um uns herum ist, wie sie ist, und man hat die Pflicht, sich damit zu beschäftigen.“
Die Deutschen hätten aufgrund der Geschichte ein spezielles Verhältnis zu Militär und Krieg. „Umso mehr muss man jetzt den Leuten klarmachen, dass es gute Gründe gibt, ein Gewehr in die Hand zu nehmen, wenn es sein muss – um unseren Rechtsstaat, unser liberales Leben zu verteidigen“, so der Kommandeur. Auch in Russland herrsche Frieden, aber in diesem Frieden wolle man schließlich nicht leben. „Wenn Putin bestimmt, was wir hier tun, dann gibt es auch keinen Christopher-Street-Day mehr – denn den mag er überhaupt nicht.“
Krieg und Verteidigung soll auch in der Schule besprochen werden
Auch den Schulen kommt laut Giss eine zentrale Rolle zu. „Wofür kämpft man eigentlich? Lohnt es sich, für etwas ein Gewehr in die Hand zu nehmen? Da ist die Schule das Spiel-Feld, wo man solche Fragen bei den jungen Menschen platzieren kann, wo man diese Debatten führen kann“, sagte er.
Es bräuchte noch viel mehr Jugendoffiziere, um in den Schulen solche Diskussionen zu führen. „Wenn in den Schulen nicht rüberkommt, dass man einen liberalen Rechtsstaat zur Not auch verteidigt, weil es sich lohnt und weil es gut ist, so zu leben, wie wir es tun – wo soll es denn sonst gelingen?“ Aus dem Gespräch mit jungen Leuten nehme er mit, dass viel an Hintergrundwissen fehle, etwa, was die Nato oder Mandate der Bundeswehr angehe.
In dem Zusammenhang sprach sich Giss auch für eine erneute Einsetzung der Wehrpflicht aus. „Wir können noch so viel Milliarden-Pakete bekommen, wenn wir das Personal für diese Gerätschaft nicht haben, die wir dann kaufen könnten, dann ist das zu kurz gesprungen.“ Die Bundeswehr habe seit Jahrzehnten 25.000 Fehlstellen. Bei der Wiedereinführung der Wehrpflicht gehe es auch nicht um die Frage nach „Kanonenfutter für die Front“, so Giss. Es gehe um wirksame Abschreckung, darum, genug verteidigungsbereite Reservisten und Soldaten zu haben, um den Gegner zu beeindrucken. „Wir wollen nicht in den Krieg. Wir wollen abschrecken.“



Seit Verteidigungsminister Boris Pistorius (SPD) seinen „neuen Wehrdienst“ vorgestellt hat, wird wieder diskutiert: Brauchen wir die Rückkehr zur Wehrpflicht oder nicht?