Missbrauch in der Kirche
: „Meine Eltern waren mit dem Täter befreundet und ließen ihn in meinem Zimmer übernachten“

InterviewDer Pastorensohn Jakob Feisthauer wurde von einem befreundeten Diakon missbraucht. Seine Eltern schauten weg, die evangelische Kirche mauerte. Heute kämpft er für Aufklärung.
Von
Elisabeth Zoll
Ulm
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Jakob Feisthauer

Jakob Feisthauer erwartet von der evangelischen Kirche mehr Entschiedenheit bei der Aufklärung und bei Hilfen für Betroffene.

privat

Jakob Feisthauer hat sich vor seinem Bildschirm in Wilhelmshaven eingerichtet. Ganz nahe am Meer sei er, erzählt der 38-Jährige. Die Ruhe tut ihm gut und die Nähe zur Natur. Feisthauer liebt den Norden. Auch wenn Ausflüge an die Nordsee mit zu seinen schlimmsten Erinnerungen zählen. Denn dort, in der Wohnung eines evangelischen Diakons, wurde er als 13- und 14-Jähriger schwer missbraucht. Was er über die Taten, die evangelische Kirche und ihre Aufarbeitung denkt und was er von der anstehenden EKD-Synode erwartet, sagt er in einem Zoom-Gespräch. Ruhig und klar ist seine Stimme.

Herr Feisthauer, Sie waren 13 Jahre alt, als Sie sexuelle Gewalt erfahren haben. Wie kam es dazu?

Meine Eltern sind Pastoren. Sie waren mit dem Täter befreundet, der damals Diakon war. Wenn er und seine Familie uns besuchten, war Stimmung in der Bude. Das war klasse. Der Mann ist 1996 mit einem Auflösungsvertrag aus seiner Gemeinde in Großburgwedel in Niedersachsen ausgeschieden. Es hatte mehrfach Probleme mit Abrechnungen gegeben. Meine Mutter hat ihren Kollegen aber weiter als Betreuer mit zu Konfirmandenfreizeiten genommen. Wir hatten ein gutes Verhältnis. Als ich dann mit 13 zu ihm an die Nordsee eingeladen wurde, dachte sich keiner etwas Schlechtes. Doch da ging es dann los.

Das heißt?

Seine Masche war, mit Jungs eine Gipsmaske zu erstellen. Für mich war das Schulkram. Aber ich habe mich breitschlagen lassen, mich hingelegt und ihn den Brei auftragen lassen. Er kleckerte rum und sagte, dass es sinnvoller sei, den Pullover auszuziehen und das T-Shirt. Dann war die Kleckerei so heftig, dass auch die Hose dran glauben musste. Und die Unterhose. Das war dann doch merkwürdig. Aber mehr ist zunächst nicht passiert. Das änderte sich, als er mich als Betreuer meiner Konfirmandenfreizeit auf sein Zimmer einlud. Da hat er mich erstmals angefasst. Dem folgten dann immer mehr Einladungen . . . Irgendwann hatte er meinen Penis im Mund. Die Situation war so befremdend. Aber ich wusste mich nicht zu wehren. Er kam ja auch in das Haus meiner Eltern. Auch dort ist es zu Missbrauch gekommen. Meine Eltern ließen ihn auf einer Matratze in meinem Zimmer übernachten.

Hat das Vertrauensverhältnis zwischen den Erwachsenen verhindert, dass Sie sagen konnten, dass da etwas schiefläuft?

Meine Frage war: Läuft da etwas schief oder gehört das zum Erwachsenwerden? Ich wusste nicht, was normal ist an Sexualität. Fand ich das nicht toll, weil ich noch nicht reif genug war? Oder geschah da etwas, das ich stoppen konnte?

Wann wurde Ihnen bewusst, dass das, was Ihnen passiert ist, sexuelle Gewalt ist?

Zwei Jahre später, mit 15. Bis dahin dachte ich, eine Vergewaltigung hat doch mit Gewalt zu tun, mit Schreien. Konnte das denn auf mich zutreffen, wo doch meine Eltern gar nichts mitbekamen? Ihr Zimmer war nur wenige Meter entfernt von meinem. Doch für mich war das Ganze einfach ekelhaft und schmerzvoll. Ende 2001 habe ich den Missbraucher angerufen und gesagt, er solle sich fernhalten von unserer Familie. Angezeigt habe ich ihn Anfang 2002.

Wann haben Sie Ihren Eltern gesagt, was geschehen war?

In der Berufsschule hatte ich eine Freundin, die ich eingeladen habe, auch zum Übernachten. Meine Mutter wollte jedoch, dass das Mädchen im Wohnzimmer schläft. Das machte mich wütend und da sagte ich meiner Mutter, dass wenn wir über sexuelle Verantwortung sprechen, wir ganz woanders anfangen müssten. Meine Fähigkeit zur sexuellen Selbstbestimmung war nun vorhanden. Der Zeitpunkt, den Missbrauchstäter anzuzeigen, war gekommen.

Wie war die Reaktion?

Meine Mutter meinte, sie müsse ihren Kollegen fragen, ob das stimme. Und mein Vater sagte, er habe es geahnt. Das bestätigte meinen Eindruck, dass meine Eltern nicht hinschauen wollten.

Spielte für diese Blindheit eine Rolle, dass ihre Eltern in einen kirchlichen Kontext eingebunden waren?

Vielleicht insofern, dass ich keine sexuelle Aufklärung erfahren habe. Und dann arbeitete der Täter in der Institution, für die meine Eltern einstehen und die für sie einen hohen Stellenwert hat. Vielleicht wollten sie deshalb nichts wissen.

Täter wurde verurteilt

Jakob Feisthauer, Jahrgang 1986, ist als Sohn eines evangelischen Pastorenpaars geboren. Von einem Kollegen seiner Eltern wurde er schwer missbraucht. Das warf ihn aus der Schullaufbahn. Auf dem zweiten Bildungsweg studierte er Sozialarbeit. Feisthauer gibt heute in einem Blog und dem Podcast „Vertuschung beenden“ zusammen mit Katharina Kracht anderen Betroffenen eine Stimme. Wenn Menschen wie er nicht sprechen würden, fänden womöglich nur jene Gehör, die der Kirche bequem sind, sagt er. Und: Positiv für ihn sei, dass er nichts beweisen müsse. Sein Täter wurde verurteilt.

Haben Sie noch Kontakt zu Ihren Eltern?

Nein.

Was passierte nach Ihrer Anzeige?

Bei der Polizei gab es eine professionelle Befragung. Es folgten Untersuchungen in der Gerichtsmedizin, wo Spuren sichergestellt wurden. Und: ein Aids-Test. Nach ein paar Wochen wurde der Mann verhaftet. Der gestand, 45 bis 50 Kinder und Jugendliche missbraucht zu haben, in Großburgwedel und in Nordholz, wo er später war. Angeklagt wurde er für vier namentlich bekannte Fälle.

Hat die Kirche sich solidarisch verhalten?

Nein. Nicht wenige Kirchenmitglieder haben die Ermittlungen behindert. Fotos von Konfirmanden wurden nicht ausgehändigt, damit wurde der Abgleich mit kinderpornografischem Material erschwert. Jugendliche wurden so beeinflusst, dass sie nicht gegen den Täter aussagten. Für diesen wurden sogar Kerzen angezündet und gebetet. Dabei wussten die Vorgesetzten in Großburgwedel bereits 1996 von entsprechenden Vorwürfen. Trotzdem war dem Mann ein Top-Zeugnis ausgestellt worden. Den Wolf im Schafspelz ließ man in eine neue Gemeinde ziehen. Mich ärgert, dass wegen des Mauerns andere Betroffene nicht erfahren konnten, dass der Täter auch für Verbrechen an ihnen bestraft wurde. Die Erfahrung, dass der Rechtsstaat funktioniert, tut gut.

Hat Ihnen die Kirche auch geglaubt?

Nachdem das Urteil rechtskräftig war, habe ich einen Brief von der damaligen Bischöfin Margot Käßmann bekommen. Es war ja eindeutig, dass mir Unrecht geschehen war. Später dann habe ich ein Gespräch mit dem neuen Landesbischof Ralf Meister geführt – mit Forderungen. Ich wollte mit ihm reden über eine Entschädigung, eine Entschuldigung, über Prävention und Aufarbeitung. Denn ich wollte Akteneinsicht. Dabei bestätigte sich, dass die Kirchenleitung schon 1996 von Vorfällen wusste. 2012 sprach mir die Anerkennungskommission 25.000 Euro zu und sprach von einem „institutionellen Fehlverhalten“. Der Kontakt wurde von der Bischofskanzlei abgebrochen. Ich war scheinbar nicht mehr relevant.

Anfang 2024 veröffentlichte dann auch die evangelische Kirche eine Studie zu sexuellem Missbrauch in ihren Reihen. Hat Sie da irgendetwas überrascht?

Die niedrige Zahl der Fälle. Für die Studie waren zu meinem Täter nur vier Fälle gemeldet worden. Dabei hatte der Mann selbst 45 bis 50 eingeräumt, wie die Staatsanwaltschaft damals mitteilte. Ich habe dann durchgesetzt, dass die Zahl wenigstens nachträglich richtiggestellt wird. Die Kirche will noch immer kleinreden. An dieser Haltung hat sich all die Jahre nichts geändert. Doch auch wenn, wie bei meinem Täter, nicht alle Namen bekannt sind, gibt es diese Opfer. Man korrigiert bei einem Flugzeugabsturz ja auch die Opferzahl nicht nach unten, nur weil nicht jeder Fluggast eindeutig identifiziert werden kann.

Nächste Woche befasst sich die EKD-Synode mit dem Thema sexuelle Gewalt im Raum der Kirche. Was erwarten Sie?

Dass über vernünftige Anerkennungszahlungen gesprochen wird. Wenige Tausend Euro reichen nicht. Dann brauchen wir wirklich unabhängige Fachstellen. Diese müssen Anwalt der Betroffenen sein. Und wir brauchen Betroffenenbeteiligung. Die evangelische Kirche ist stolz auf ihr neues Beteiligungsforum Sexualisierte Gewalt, kurz BeFo, das aus 17 Personen besteht. Neben Kirchenleuten gehören acht Betroffene dazu. Doch diese wurden von der Kirche ausgesucht, nicht von Betroffenen entsandt. Hinzu kommt, dass von diesen acht Personen viele bei Kirche und Diakonie arbeiten.

Will die Kirche das Heft des Handelns in der Hand behalten?

Ich sehe das so. Ein weiteres Beispiel ist die neue Vernetzungsplattform BeNe. Hier gibt es eine Moderation, die Beiträge freischaltet oder nicht. Angeblich, weil Betroffene getriggert werden können. Doch Betroffene sind in erster Linie normale Menschen, sie werden nicht ständig getriggert. Es ist ihnen zuzumuten, ein Forum zu Missbrauch aufzusuchen. Natürlich müssen Beleidigungen entfernt werden. BeNe verantwortet die EKD. Sie bestimmt auch, worüber kommuniziert wird. Doch die meisten Betroffenen sind nicht traumatisiert, weil irgendwo das Wort Missbrauch steht, sondern weil sie nicht ernst genommen wurden – zum Beispiel von der Kirche.

Was bräuchte es, um Betroffenen in diesen Foren Augenhöhe zu vermitteln?

Braucht man diese Foren überhaupt? Wenn ich bei Ihnen eine Vitrine umwerfe, reicht es zu fragen: Was hat die gekostet? Dazu braucht es kein Forum. Eigentlich müsste die Kirche jeden Einzelnen fragen: Was brauchst du? Betroffenenbeteiligung ist nur erforderlich, weil die Kirche das nicht will oder es nicht hinbekommt oder es nicht weiß oder nicht wissen will.

Und was befürchten Sie in Bezug auf die Synode?

Dass dort Standards zu Zahlungen und Aufarbeitung vereinbart werden, die absolute Mindeststandards sind. Wünschen würde ich mir den Beschluss: Aufarbeitung zuerst. Dann müssten die Landeskirchen eigene Studien erstellen und Rechenschaft ablegen.

Was steht dem im Weg?

Ich glaube, dass ein Großteil der Kirchenführung immer noch keine Lust hat, sich mit Aufarbeitung zu befassen. Sonst würden vielleicht auch Köpfe rollen. Solange es eine Gliedkirche gibt, die keinen Bock zur Aufarbeitung hat, stockt der Prozess auf EKD-Ebene. Das ist in der katholischen Kirche als Top-down-Organisation anders geregelt.

Die katholische Kirche stand in den vergangenen Jahren massiv unter öffentlichem Druck, anders als die evangelische . . .

Ja und zwar weltweit. Auf evangelischer Seite fehlt diese Dimension. Dort wird immer auf Landeskirchen gezeigt, die sich in unterschiedlichem Maße wegducken können. Der Aufklärungsdruck ist in der katholischen Kirche deutlich spürbarer als in der evangelischen. Das ist eine Frage der Haltung.

Fordern Sie Gerechtigkeit?

Gerechtigkeit im Sinne des Rechtsstaats habe ich bekommen. Offen ist für mich die Verantwortung derjenigen, die etwas gewusst und nichts getan haben. Mir geht es heute auch um den Umgang mit Betroffenen nach der Tat. Für mich kann ich sagen: Der Missbrauch war schlimm, aber was die Kirche seit 22 Jahren macht, ist nicht weniger schlimm. Das ist für Betroffene belastend.