Regierungswechsel in Großbritannien
: Warum der Erdrutschsieg auch zur Last für Premier Keir Starmer werden kann

Die britische Labour Party kann künftig mit einer absoluten Mehrheit regieren. Sie profitiert dabei von der Schwäche der ausgelaugten Konservativen – und einer Hoffnung.
Kommentar von
Stefan Kegel
Berlin
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Britain's incoming Prime Minister Keir Starmer and leader of the Labour Party, addresses the nation after his general election victory, outside 10 Downing Street in London on July 5, 2024, a day after Britain held a general election. Starmer became Britain's new prime minister, as his centre-left opposition Labour party swept to a landslide general election victory, ending 14 years of right-wing Conservative rule. (Photo by HENRY NICHOLLS / AFP)

Ein neuer Premierminister zieht in den Regierungssitz Downing Street Nummer 10 ein: Keir Starmer von der Labour Party. Die Erwartungen der Briten an den sozialdemokratischen Regierungschef sind enorm.

HENRY NICHOLLS/AFP

Die Briten haben ihre Regierung abgestraft wie selten zuvor. Den Erdrutschsieg der Labour Party kann man zwar als Sieg der Sozialdemokratie feiern, nach Jahren einer rechtsnationalen Agenda. Es erinnert an die Umschwünge in Polen oder vor vier Jahren in den USA.

Allerdings kommt im Vereinigten Königreich ein weiteres Element hinzu. Beginnend mit Premierminister David Cameron setzte sich bei vielen Briten der Eindruck durch, dass die Konservativen Großbritannien als Spielwiese ihrer eigenen Interessen – und später als Bühne für ihre Selbstdarstellung – ansahen. Angefangen beim verhängnisvollen Brexit-Votum über die Extravaganzen Boris Johnsons während der Corona-Krise bis zur überforderten Regierungschefin Liz Truss gaben die Tories kein gutes Bild ab und verschlissen binnen fünf Jahren vier Premiers. Und auch Rishi Sunak lieferte nicht die glorreiche Zukunft, die seine Partei für die Zeit nach dem EU-Austritt versprochen hatte.

Die Sehnsucht der Briten nach einer Alternative erklärt die enormen Zugewinne von Keir Starmer und seiner Labour Party sowie den Liberalen – aber eben genauso die vier Millionen Stimmen für die extrem rechte Partei Reform UK von Brexit-Guru Nigel Farage. Die Projektionen der Hoffnung dürften der künftigen Regierung schon von Beginn an das Leben schwermachen, weil sie die Probleme des Landes nicht im Handumdrehen wird lösen können.

Für die Beziehungen der EU zu Großbritannien dürfte die Rückkehr zur Sachlichkeit jedoch ein Gewinn sein. Denn auch wenn die Briten vorerst nicht in die EU zurückkehren, so werden sie doch als Partner gebraucht – nicht zuletzt für die europäische Sicherheit in turbulenten Zeiten wie jetzt.