Regierungswechsel in Großbritannien: Warum der Erdrutschsieg auch zur Last für Premier Keir Starmer werden kann


Ein neuer Premierminister zieht in den Regierungssitz Downing Street Nummer 10 ein: Keir Starmer von der Labour Party. Die Erwartungen der Briten an den sozialdemokratischen Regierungschef sind enorm.
HENRY NICHOLLS/AFPDie Briten haben ihre Regierung abgestraft wie selten zuvor. Den Erdrutschsieg der Labour Party kann man zwar als Sieg der Sozialdemokratie feiern, nach Jahren einer rechtsnationalen Agenda. Es erinnert an die Umschwünge in Polen oder vor vier Jahren in den USA.
Allerdings kommt im Vereinigten Königreich ein weiteres Element hinzu. Beginnend mit Premierminister David Cameron setzte sich bei vielen Briten der Eindruck durch, dass die Konservativen Großbritannien als Spielwiese ihrer eigenen Interessen – und später als Bühne für ihre Selbstdarstellung – ansahen. Angefangen beim verhängnisvollen Brexit-Votum über die Extravaganzen Boris Johnsons während der Corona-Krise bis zur überforderten Regierungschefin Liz Truss gaben die Tories kein gutes Bild ab und verschlissen binnen fünf Jahren vier Premiers. Und auch Rishi Sunak lieferte nicht die glorreiche Zukunft, die seine Partei für die Zeit nach dem EU-Austritt versprochen hatte.
Die Sehnsucht der Briten nach einer Alternative erklärt die enormen Zugewinne von Keir Starmer und seiner Labour Party sowie den Liberalen – aber eben genauso die vier Millionen Stimmen für die extrem rechte Partei Reform UK von Brexit-Guru Nigel Farage. Die Projektionen der Hoffnung dürften der künftigen Regierung schon von Beginn an das Leben schwermachen, weil sie die Probleme des Landes nicht im Handumdrehen wird lösen können.
Für die Beziehungen der EU zu Großbritannien dürfte die Rückkehr zur Sachlichkeit jedoch ein Gewinn sein. Denn auch wenn die Briten vorerst nicht in die EU zurückkehren, so werden sie doch als Partner gebraucht – nicht zuletzt für die europäische Sicherheit in turbulenten Zeiten wie jetzt.

