Organspende in Deutschland
: Ein fremdes Herz rettete ihr Leben – „Ich denke an den Menschen, der jetzt tot ist“

HintergrundAlles beginnt mit einer einfachen Erkältung, am Ende braucht Franziska Bleis, damals 39 Jahre alt, ein Spenderherz. Wie sie damit lebt und warum es viel zu wenig Spender gibt.
Von
Maria Neuendorff
Berlin
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Wegen einer schweren Herzerkrankung nach einer Erkältung musste Franziska Bleis zweimal wiederbelebt werden. Hier sieht man sie vor der Herz-Transplantation im Krankenhaus in Berlin.

Wegen einer schweren Herzerkrankung nach einer Erkältung musste Franziska Bleis zweimal wiederbelebt werden. Bevor sie ein Spenderherz bekam, verbrachte sie Monate im Krankenhaus.

Wolfgang Bleis
  • Franziska Bleis benötigt nach einer Erkältung ein Spenderherz und überlebt schwer krank.
  • In Deutschland gibt es nur 11,4 Spender pro Million Einwohner, viele sterben vor einer Transplantation.
  • Bleis erhielt nach langer Wartezeit 2022 ein Spenderherz, kämpfte sich zurück ins Leben.
  • Sie setzt sich für mehr Organspende ein, um anderen zu helfen.
  • 14.000 Patienten warten auf ein Organ, 953 Transplantationen 2022.

Die Zusammenfassung wurde durch künstliche Intelligenz erstellt.

Franziska Bleis ist gerade bei den Schwiegereltern zu Besuch, als ihr Herz aussetzt. Eine halbe Stunde muss ihr Mann seine schwer herzkranke Frau reanimieren, bevor die Rettungskräfte im Vorort von Berlin eintreffen. Herz-Kreislauf-Stillstand mit Organversagen. Als sie in der Klinik erwacht, denkt sie: „Sterben tut gar nicht weh. Wenn es das jetzt gewesen wäre, hätte das Leid ein Ende.“

Das Leid begann im Advent 2019 mit einer einfachen Erkältung. Obwohl die damals 37-Jährige den Sport weglässt und auch nicht mehr mit dem Rad zur Arbeit fährt, kommt nach einer Woche ein merkwürdiger Reizhusten dazu. Die biologisch-technische Assistentin, die selbst in einer großen kardiologischen Praxis in Berlin arbeitet, bleibt von da an zu Hause.

Diagnose schwere Herzmuskelentzündung

Doch nach zwei Wochen müssen Mann und Tochter sie ins Krankenhaus schleppen. Eosinophile Myokarditis, eine besonders seltene und schwere Form einer Herzmuskelentzündung, heißt die erschütternde Diagnose. Der ultimative Super-GAU, der einer gesunden, sportlichen Frau, Mutter einer achtjährigen Tochter, widerfahren kann.

„Ich habe einfach nur unglaublich Pech gehabt“, sagt Franziska Bleis. Aber darüber will sie heute gar nicht sprechen. Die Frau mit der verblassten Narbe auf dem Brustbein will lieber erzählen, wie viel Glück sie gehabt hat. Vor drei Jahren hat sie ein Herz gespendet bekommen. Eher eine Seltenheit, denn mit 11,4 Spenderinnen und Spendern pro einer Million Einwohner nimmt Deutschland im internationalen Vergleich immer noch einen der letzten Plätze bei der Organ-Transplantation ein.

„Viele Menschen sterben, bevor es für sie ein Spender-Organ gibt“, weiß Franziska Bleis. Wer die Wartezeit mit einem Kunstherz überbrücken muss, dem ragt nach der OP ein Kabel aus dem Körper, das in einer Tasche mit Akkus mündet. Vor Kurzem war ein Patient des Deutschen Herzzentrums in Berlin so zu einem Fußballspiel ins Berliner Olympiastadion gefahren. Weil ihm dort der Rucksack mit den Ersatzbatterien geklaut wurde, brachte ihn die Polizei mit Blaulicht in die Klinik – gerade noch rechtzeitig.

Franziska Bleis wird 2021 nach dreimonatigem Klinikaufenthalt mit einem implantierten Defibrillator nach Hause entlassen. Sie hat permanent Herzrhythmusstörungen. Die Angst, sie könnte einfach umfallen und sterben, ist allgegenwärtig und überträgt sich auch auf ihre Familie. „Mama, setz dich hin. Mama, mach bitte langsam“, mahnt das besorgte Kind. „Meine Familie hatte wahrscheinlich noch viel mehr Angst als ich“, sagt Franziska Bleis.

Warten auf ein Spenderherz

Treppenstufen fühlen sich an wie eine Mount-Everest-Besteigung bei dünner Luft. Wenn sich die Mutter zum Spielen zu ihrer Tochter auf den Boden hockt, wirkt sie dabei gebrechlich wie eine alte Frau. Dazu wird ihr Gesicht kugelrund vom Kortison. „Ich habe mich nicht mehr wie ich selbst gefühlt.“

Als irgendwann selbst der Defibrillator nicht mehr hilft, muss ihr Mann, von Beruf KFZ-Mechaniker, sie zweimal wiederbeleben. Durch ihren schlechten Zustand wird die Patientin von nun an bei Eurotransplant als „hochdringlich“ gelistet und muss in Erwartung eines Spenderherzens im Krankenhaus bleiben.

Franziska Bleis 2021 mit Mann und Tochter. Vom Kortison, das sie wegen ihrer Herzkrankheit nehmen muss, ist die eigentliche schlanke Brandenburgerin stark angeschwollen.

Franziska Bleis mit Mann und Tochter. Vom Kortison, das sie wegen ihrer Herzkrankheit vor der Organspende nehmen muss, ist die eigentlich schlanke Brandenburgerin stark angeschwollen.

Franziska Bleis

Doch die Wochen ziehen scheinbar endlos dahin. Um nicht depressiv zu werden, spielt die Brandenburgerin mit anderen Patienten Karten, liest sich Wissen zum Thema Organspende an. Die durchschnittliche Überlebenserwartung bei Herztransplantierten beträgt 12,5 Jahre, besagt die Statistik. „Ich fing an zu rechnen: Dann werde ich wahrscheinlich noch die Abiturfeier meiner Tochter miterleben“, erinnert sich Franziska Bleis, und ihre Stimme wird brüchig.

Um nicht zu verzweifeln, versucht sie, sich eine Tagesstruktur zu schaffen. Mindestens dreimal am Tag fünf bis zehn Minuten über den Gang laufen, ist ein realistisches Ziel. „Ich wusste ja, dass jedes bisschen Muskel, das ich mir erhalte, wichtig werden kann.“

14.000 Patienten warten auf ein Organ

Nach 66 Tagen in der Klinik sagt der Pfleger plötzlich an einem Montagabend: „Wir haben ein Organ-Angebot für Sie.“ Nun muss alles ganz schnell gehen. Maximal sechs Stunden darf ein Herz außerhalb eines Körpers bleiben. Um die Organe von OP zu OP zu bringen, häufig per Flugzeug über Ländergrenzen hinweg, werden sie heutzutage nicht nur gekühlt, sondern auch mit einer Nährstoff-Lösung versorgt.

„Wir müssen jetzt“, sagt die Krankenschwester, als sie Franziska Bleis zur OP abholt, und korrigiert sofort: „Wir dürfen jetzt.“ Es ist diese Mischung aus Angst und Hoffnung, die mit diesem extremen Eingriff einhergeht. Laut der Deutschen Stiftung Organtransplantation warteten Ende 2024 bundesweit mehr als 14.000 Patienten auf ein Organ. Neben Herzen geht es um Nieren, Lungen, Lebern und Bauchspeicheldrüsen.

Im vergangenen Jahr wurden 953 Organtransplantationen durchgeführt. Im Durchschnitt warten beispielsweise Patienten, die an der Dialyse sind, rund zehn Jahre auf eine Niere. „Wir hätten die medizinischen Möglichkeiten zu helfen, uns fehlen aber die Organe“, sagt Professor Volkmar Falk, Herzchirurg und Ärztlicher Direktor des Deutschen Herzzentrums der Charité.

Das liege vor allem an der fehlenden Widerspruchsregelung, die in vielen anderen europäischen Ländern längst gelte, und die im Bundestag zwar diskutiert, aber nie beschlossen wurde. Diese bedeutet, dass jede Person grundsätzlich als Organspender gilt, wenn sie zu Lebzeiten nicht widersprochen hat.

Sie selbst hat seit langem einen Organspende-Ausweis

Franziska Bleis selbst hat mit 22 Jahren ihren Organspende-Ausweis ausgefüllt. „Für mich war das eine ganz leichte, wissenschaftliche Entscheidung.“

Kurz bevor man sie am 15. März 2022 in die Narkose versetzt, um ihr den Brustkorb aufzusägen, wird sie in einem von der Klinik aufgezeichneten Video gefragt, was ihr durch den Kopf geht. „Ich denke an den Menschen, der jetzt tot ist“, sagt sie nachdenklich in die Kamera. Sie habe nie daran gezweifelt, dass sie die OP überstehen werde, betont sie auch heute. „Keine Ahnung, woher ich das Urvertrauen genommen habe.“

Als sie erwacht, ist ihr Körper noch betäubt. „Ich habe meine Brust betastet, ob überhaupt etwas passiert ist.“ Danach muss sie sich an den regelmäßigen Herzschlag gewöhnen. „Ich habe gefühlt, da ist wieder ein starkes Herz. Das war schon überwältigend.“

Die OP ist laut Ärzten auch so gut verlaufen, weil der Spender und auch die Patientin (abgesehen von dem Herzleiden) sehr gesund waren. Außerdem ist Franziska Bleis noch verhältnismäßig jung. Das Durchschnittsalter der Menschen bei einer Herztransplantation beträgt 55 Jahre. Doch auch für die 39-Jährige ist der Kampf zurück aus dem Bett, auf die Beine, in das Leben unglaublich hart. Ihr Brustkorb ist verdrahtet.

Wochenlang braucht es zwei Pfleger, um sie mal kurz in Sitzposition aufzurichten. Alleine das Zähneputzen ist so anstrengend, dass sie danach wieder in tiefen Schlaf sackt. Der malträtierte Körper schmerzt nicht nur, sondern fühlt sich an wie Blei. Einmal ist sie so verzweifelt, dass sie nach der Schwester klingelt, um ihr zu sagen, dass sie nicht mehr kann – nicht mehr will.

Mit Spender-Herz im Spinning-Kurs

„Danach ging es mir besser. Es war einfach wichtig, es einmal auszusprechen“, erinnert sich die Frau, für die das Glas eigentlich immer halbvoll und nicht halbleer ist. Nach sechs Wochen darf sie in die Reha. Endlich Fortschritte. „Auch wenn es nur sehr, sehr langsam vorwärts geht, muss man lernen, auch den kleinsten Schritt wertzuschätzen.“

Heute sieht man ihr äußerlich keine Einschränkung mehr an. Ein spontaner Sprint zum Bus sei nicht mehr drin. „Aber ich kann wieder joggen und beim Spinning-Kurs im Fitnessstudio ordentlich in die Pedale treten“, berichtet die 42-Jährige. Sie muss zwar ihr Leben lang Medikamente nehmen. „Aber das tue ich jetzt gerne, weil es mir damit gut geht.“

Franziska Bleis heute: drei Jahren nachdem sie ein Spender-Herz erhalten hat, steht die 42-Jährige wieder im Leben.

Franziska Bleis heute: Drei Jahren nachdem sie ein Spender-Herz erhalten hat, steht die 42-Jährige wieder im Leben.

Termeh Tabaraie

Neulich kam sie etwas zu spät nach Hause, durch die Hetze leicht außer Atem. Die Tochter bat die Mutter nicht mehr, sich zu schonen, sondern forderte unverblümt das Abendessen ein. Für Franziska Bleis ein Zeichen, dass das Familientrauma langsam heilt.

Gerade war sie drei Tage unterwegs, fuhr als Vorstandsmitglied des Vereins Transplantiert e.V. von einer Klinik-Tagung in Hannover direkt zu einem Organspende-Termin ins Berliner Herzzentrum. Dort erklären die Experten unter anderem, dass in Deutschland Organspenden nicht wie anderswo nach einem irreversiblen Kreislaufstillstand stattfinden dürfen, sondern nur, wenn bereits zwei Fachmediziner den Hirntod festgestellt haben.

Angehörige mit Entscheidung oft überfordert

Das sei häufig nur nach Unfällen mit schweren Kopfverletzungen der Fall. Die Entscheidung zur Organspende muss dann innerhalb von Stunden getroffen werden. „Angehörige sind da im Ausnahmezustand und entscheiden sich eher dagegen, obwohl der Verstorbene es vielleicht anders gewollt hätte, es aber nicht schriftlich festgehalten hat“, berichtet der Neurologe Farid Salih, Experte für Hirntoddiagnostik an der Charité-Universitätsmedizin Berlin.

Doch auch in das Organspende-Register, das vor einem Jahr eingeführt wurde, haben sich bisher nur 0,4 Prozent der Bevölkerung eingetragen. „Vielleicht, weil das Verfahren mit Online-Ausweis und Pin noch zu kompliziert ist“, vermutet Franziska Bleis.

Ihr Spender wird für sie anonym bleiben, was sie bedauert. Aber zumindest durfte sie seiner Familie einen Dankesbrief schreiben. Aus der Patientin ist eine aktive Öffentlichkeitsarbeiterin und Patientensprecherin geworden. Mit ihrer Geschichte will sie für die Organspende werben und anderen Mut machen. „Zu hören, dass man mit seinem Schicksal nicht alleine ist, hat auch mir geholfen.“

Daneben gibt es für Franziska Bleis aber noch eine andere Mission. „Ich habe jetzt den Auftrag, auf mich und meinen Körper zu achten“, erklärt sie. „Das schulde ich mir selbst, meiner Familie und vor allen auch meinem Spender.“

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