Waffenstillstand in Gaza
: Hamas lässt drei israelische Geiseln frei

Die radikalislamische Hamas hat am Sonntag drei junge Frauen aus der Geiselhaft entlassen – sie sind die ersten von insgesamt 33 Verschleppten, die im Zuge des Waffenstillstandsabkommen frei kommen sollen.
Von
dpa
Tel Aviv/Gaza
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(COMBO) This combination of pictures created on January 19, 2025, shows
an undated handout picture obtained on January 19, 2025 from The Hostages Families Forum Headquarters, of a poster of Israeli hostage Romi Gonen (L), (FILES) a poster of Israeli hostage Emily Tehila Damari (28), during a demonstration by the families of the hostages  in central Jerusalem on October 24, 2024 (C) and an undated handout picture obtained on January 19, 2025 from The Hostages Families Forum Headquarters, of a poster of Israeli hostage Doron Steinbrecher, all three detained in the Gaza Strip since the October 7, 2023 attacks on Israel by Hamas militants.. An Israeli campaign group confirmed on January 19 the names of Damari, Gonen and Steinbrecher, were to be freed by Hamas as part of the first phase of the Gaza ceasefire deal. (Photo by Ahmad GHARABLI / various sources / AFP) / RESTRICTED TO EDITORIAL USE - MANDATORY CREDIT "AFP PHOTO /  THE HOSTAGES FAMILIES FORUM HEADQUARETRS"  NO MARKETING NO ADVERTISING CAMPAIGNS - DISTRIBUTED AS A SERVICE TO CLIENTS
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Romi Gonen (24), Emily Damari (28) und Doron Steinbrecher (31) wurden aus der Geiselhaft freigelassen.

-/AFP
  • Waffenruhe zwischen Israel und Hamas im Gaza-Krieg verzögert sich.
  • Grund: Hamas übermittelte keine Liste der drei freizulassenden Geiseln.
  • Waffenruhe sollte um 7:30 Uhr MEZ beginnen; Israel greift weiter an.
  • Erste Geiseln sollten um 15:00 Uhr MEZ freikommen; 90 palästinensische Häftlinge freizulassen.
  • Israel droht bei Scheitern des Abkommens mit Wiederaufnahme der Kämpfe.

Die Zusammenfassung wurde durch künstliche Intelligenz erstellt.

Nach der Freilassung von drei israelischen Geiseln durch die islamistische Hamas hat Israel in der Nacht gemäß dem Gaza-Abkommen 90 Palästinenser aus der Haft entlassen. Das gab die israelische Gefängnisbehörde bekannt. Die meisten von ihnen sollen Frauen und Minderjährige sein. Am Tag zuvor war am Vormittag nach mehr als 15 Monaten Krieg eine Waffenruhe im Gazastreifen in Kraft getreten.

Terroristen hatten die Drei während des Hamas-Massakers in Israel am 7. Oktober 2023 verschleppt und seitdem in Gaza festgehalten. Romi Gonen wurde vom Nova-Musikfestival nahe der Grenze zum Gazastreifen entführt und dabei verletzt. Der Vater der 24-Jährigen sagte der Nachrichtenseite ynet vor der Freilassung, die Familie habe mehr als 11.000 Stunden auf diesen Moment gewartet.

Die beiden anderen Frauen wurden aus ihren Häusern im Kibbuz Kfar Aza als Geiseln entführt. Emily Damari hat neben der israelischen auch die britische Staatsbürgerschaft. Doron Steinbrecher besitzt zusätzlich die rumänische Staatsangehörigkeit. Damari verlor während der Entführung zwei Finger, wie mehrere israelische Medien übereinstimmend unter Berufung auf ihre Familie berichteten. Auf Bildern war auch die bandagierte Hand der Frau zu sehen.

Emotionale Szenen in Israel

Unter den weiterhin im Gazastreifen festgehaltenen Entführten sind auch Israelis, die zusätzlich die deutsche Staatsbürgerschaft haben. Die nächste Freilassung von Geiseln soll dem Vernehmen nach am kommenden Samstag erfolgen. Dabei sollen laut einem Hamas-Vertreter vier Geiseln freikommen.

Ein gut zwei Minuten langes von Israels Regierung veröffentlichtes Video zeigt das äußerst emotionale Wiedersehen der drei freigelassenen jungen Frauen mit ihren Angehörigen: Es gab innige Umarmungen, es flossen Tränen, es war Schluchzen und Jubel zu hören. Die freigelassenen Frauen werden in einem Krankenhaus untersucht und psychologisch betreut.

Örtliche Medien berichteten unter Berufung auf das Rote Kreuz, dass die drei Frauen zumindest physisch insgesamt in guter Verfassung waren. Darauf deuteten auch erste vom Militär veröffentlichte Videoausschnitte hin.

This aerial view shows displaced Palestinians returning to the war-devastated Jabalia refugee camp in the northern Gaza Strip on January 19, 2025, shortly before a ceasefire deal in the war between Israel and the Palestinian militant group Hamas was implemented. Mediator Qatar on June 19 confirmed the start of a truce between Israel and Hamas and said some of the initial three hostages to be freed hold foreign citizenship. (Photo by Omar AL-QATTAA / AFP)

Menschen kehren am Sonntag in völlig zerstörte Gebiete im Gaza-Streifen zurück.

OMAR AL-QATTAA/AFP

Im Gazastreifen werden nun noch 94 aus Israel Verschleppte festgehalten. In den kommenden sechs Wochen, der ersten Phase des Deals, sollen noch 30 weitere Geiseln freigelassen werden. In einer Woche sollen zunächst weitere vier Entführte freikommen. Im Gegenzug war vereinbart worden, dass Israel für die insgesamt 33 Geiseln 1.904 palästinensische Häftlinge aus israelischen Gefängnissen entlässt.

Bei den freizulassenden Palästinensern handelt es sich nach Regierungsangaben um 1.167 Bewohner des Gazastreifens, die nicht an dem Massaker vom 7. Oktober 2023 in Israel beteiligt waren. Die anderen 737 sind Häftlinge, die wegen leichterer Delikte wie Steinwürfe im Westjordanland oder illegalem Grenzübertritt sowie auch illegalem Waffenbesitz oder anderer Gesetzesverstöße verurteilt wurden.

Darunter sind aber auch Häftlinge, die wegen schwerer Straftaten wie etwa Mord einsitzen. Das israelische Justizministerium veröffentlichte eine Liste mit insgesamt 22 Häftlingen, denen schwere Angriffe auf Israelis vorgeworfen werden.

Hilfslieferungen für notleidende Gaza-Bewohner

Während die Geiseln wieder mit ihren Familien vereint sind, liefen im weitgehend zerstörten Gazastreifen laut örtlichen Sicherheitskräften verstärkte Hilfslieferungen für die Bevölkerung an, deren Lage weiterhin katastrophal ist. Arabischen Medienberichten zufolge waren knapp 200 Lastwagen auf dem Weg in das Palästinensergebiet. Auf Fernsehbildern waren bereits leere Lastwagen zu sehen, die nach Ägypten zurückkehrten, nachdem sie ihre Ladung im Transitbereich abgeladen hatten.

Die Weltgesundheitsorganisation (WHO) und ihre Partner wollen während der Waffenruhe versuchen, Teile des Gesundheitssystems wieder funktionstüchtig machen. Nur die Hälfte der Hospitäler in Gaza sei teilweise arbeitsfähig, hieß es. Fast alle Kliniken seien zerstört oder beschädigt. „Die Übertragung von Infektionskrankheiten hat massiv zugenommen, die Unterernährung nimmt zu und die Gefahr einer Hungersnot bleibt bestehen“, hieß es weiter.

Die humanitäre Lage war in Gaza schon vor Kriegsbeginn im Oktober 2023 schlecht und hat sich durch Israels massive Bombardierungen dramatisch verschärft. Mehr als 90 Prozent der gut zwei Millionen Einwohner des Gazastreifens leiden nach UN-Angaben starken Hunger. Es fehlt demnach zudem an Trinkwasser, Notunterkünften und Arzneimitteln.

Verhandlungen über weitere Schritte

Zuvor war im Gaza-Krieg eine vorübergehende Waffenruhe in Kraft getreten. In den nächsten Wochen wollen Hamas und Israel über weitere Schritte verhandeln. Ziel ist der vollständige Rückzug des israelischen Militärs aus Gaza und die Freilassung der letzten Geiseln. Wird keine Einigung erzielt, könnten die Kämpfe weitergehen.

Im Rahmen der Waffenruhe muss sich die israelische Armee aus den Bevölkerungszentren des abgeriegelten Küstenstreifens zurückziehen. Große Teile liegen in Schutt und Asche. Nach Angaben der von der Hamas kontrollierten Gesundheitsbehörde kamen mehr als 46.900 Menschen ums Leben. Wie viele davon Zivilisten und wie viele Kämpfer sind, sagt sie nicht.

IKRK: Menschen brauchen noch lange Hilfe

Das IKRK mahnte, den jetzigen politischen Impuls fortzuführen. Das Abkommen sei ein wichtiger Schritt, aber damit sei es nicht getan, sagte die IKRK-Präsidentin Mirjana Spoljaric jüngst. „Den unermesslichen humanitären Bedürfnissen muss nachgekommen werden und das wird Monate, wenn nicht gar Jahre in Anspruch nehmen.“ Die Organisation sei jedenfalls auf eine Ausweitung der humanitären Hilfe vorbereitet, so Spoljaric.

Im Zuge einer Waffenruhe Ende November 2023 hatte die Hamas 105 Geiseln freigelassen. Im Gegenzug entließ Israel damals 240 palästinensische Häftlinge aus Gefängnissen.