Eskalation in Nahost
: Israel droht nach iranischem Raketenangriff mit Vergeltung

Die Lage im Nahen Osten eskaliert weiter: Der Iran hat Israel mit Raketen angegriffen – und eine weitere Drohung hinterhergeschoben.
Von
dpa/afp
Washington
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This picture shows projectiles being intercepted by Israel above Jerusalem, on October 1, 2024. Iran has launched a missile attack on Israel's commercial hub Tel Aviv, state media reported on October. (Photo by Menahem Kahana / AFP)

Die Aufnahme zeigt Raketen, die  von Israel über Jerusalem abgefangen werden. Iran hatte am Dienstagabend mit fast 200 Raketen Israel angegriffen.

MENAHEM KAHANA/AFP

Der Iran hat einen Raketenangriff auf Israel durchgeführt. Rund 180 Raketen wurden nach ersten Schätzungen der israelischen Armee am Dienstagabend abgefeuert. „Eine große Anzahl“ iranischer Raketen sei abgefangen worden, teilte die israelische Armee mit. Mehrere Geschosse seien im Zentrum und anderen Orten Israels eingeschlagen. In der israelischen Küstenmetropole Tel Aviv wurden zwei Menschen bei dem Angriff durch Granatsplitter leicht verletzt, wie der Rettungsdienst Magen David Adom mitteilte. Mehrere andere wurden demnach wegen leichter Verletzungen nach einem Sturz oder wegen akuter Angstzustände behandelt. Im Westjordanland kam palästinensischen Angaben zufolge ein Mann ums Leben. Der 38-jährige Palästinenser sei in Jericho durch Raketensplitter getötet worden, teilten der palästinensische Zivilschutz und örtliche Medien mit. Der Getötete kam demnach ursprünglich aus dem Gazastreifen.

Kurz vor dem Raketenangriff wurden im Süden von Tel Aviv bei einem Schuss- und Messerangriff mehrere Menschen getötet. Laut Polizei kamen mindestens sechs Menschen bei der Attacke in Jaffa, einem arabisch geprägten Viertel, ums Leben. Bei den Todesopfern handelt es sich demnach um Zivilisten.

Iran und Israel drohen sich gegenseitig

Der Iran bezeichnete den Angriff als angemessene Reaktion auf die Eskalation in Nahost und drohte mit weiteren Attacken. „Irans legale, rationale und legitime Reaktion auf die Terroranschläge des zionistischen Regimes – die Angriffe auf iranische Staatsbürger und Interessen sowie die Verletzung der nationalen Souveränität der Islamischen Republik Iran – wurde ordnungsgemäß durchgeführt“, teilte die iranische UN-Vertretung in New York mit. Dabei seien auch erstmals Hyperschallraketen zum Einsatz gekommen. Mit der Rakete vom Typ Fatah-1 sei es den Luftstreitkräften gelungen, die israelische Luftabwehr zu überwinden, berichtete der staatliche Rundfunk. Sollte Israel es wagen, darauf zu reagieren, so die iranische UN-Vertretung, „wird eine vernichtende Reaktion folgen.“

Israel droht dem Iran nach seinem Raketenangriff indes mit einem Gegenschlag. „Wie wir der internationalen Gemeinschaft bereits zuvor klargemacht haben, muss jeder Feind, der Israel angreift, mit einer harten Reaktion rechnen“, teilte der israelische UN-Botschafter Danny Danon auf der Plattform X mit. „Dieser Angriff wird Konsequenzen haben“, warnte auch Israels Armeesprecher Daniel Hagari. Dafür gebe es schon Pläne.

„Wer immer uns angreift, den werden wir angreifen“, erklärte der israelische Ministerpräsident Benjamin Netanjahu. Armeesprecher Daniel Hagari sagte, „dieser Angriff wird Konsequenzen haben“. Er fuhr fort: „Wir haben Pläne, und wir werden an dem Ort und zu der Zeit handeln, die wir bestimmen.“

USA stehen hinter Israel

US-Präsident Biden sagte, es gebe Gespräche mit Israel über eine mögliche Reaktion. Wie diese aussehen könnte, werde „im Moment aktiv diskutiert“, sagte Biden. „Das bleibt abzuwarten.“ Biden bezeichnete die iranischen Angriffe als gescheitert und sicherte Israel erneut die volle Unterstützung der USA zu. Zuvor hatten bereits sein Nationaler Sicherheitsberater Jake Sullivan und US-Außenamtssprecher Matthew Miller „Konsequenzen“ für den Iran angekündigt.

UN-Generalsekretär António Guterres mahnte die Konfliktparteien zur Zurückhaltung: „Das muss aufhören. Wir brauchen unbedingt einen Waffenstillstand“, schrieb Guterres auf der Plattform X. Angesichts der eskalierenden Lage in Nahost soll der UN-Sicherheitsrat am Mittwoch, 2. Oktober (16:00 Uhr MESZ) zu einer Dringlichkeitssitzung zusammenkommen.

Iranischer Luftraum gesperrt

Der Iran hat den Luftraum über Teheran gesperrt. Flüge am Hauptstadtflughafen seien zunächst gestrichen worden, berichtete die Nachrichtenagentur Isna am Abend unter Berufung auf den Geschäftsführer des Airports. Weitere Flüge von Passagiermaschinen im Land seien umgeleitet worden, berichteten iranische Medien unter Berufung auf einen Sprecher der Luftfahrtbehörde.

Bereits zuvor hatte die US-Regierung vor einem „unmittelbar bevorstehenden“ Raketenangriff des Iran auf Israel gewarnt - und damit Recht behalten. Ein solcher direkter Angriff werde schwerwiegende Folgen für den Iran haben, so ein Regierungsvertreter: „Wir unterstützen aktiv die Verteidigungsvorbereitungen, um Israel gegen diesen Angriff zu schützen.“

Israels Militär und Geheimdienste hatten zuletzt Irans Verbündete in der Region erheblich geschwächt. Ende Juli etwa wurde der Auslandschef der islamistischen Hamas in Teheran getötet. Irans Staatsführung schwor daraufhin Rache. Am vergangenen Freitag wurde mit Hassan Nasrallah, Chef der libanesischen Schiitenorganisation Hisbollah, ein weiterer und zentraler Verbündeter Teherans getötet. Zuvor hatten explodierende Funkempfänger, sogenannte Pager, hunderte Hisbollah-Funktionäre verletzt und etliche auch getötet. Es war seither unklar, ob und wie Irans militärische Führung darauf reagiert. 

Letzter Angriff des Irans auf Israel war im April

Am Dienstag kam ein weiterer Schritt des israelischen Militärs hinzu: Erstmals seit fast zwei Jahrzehnten drangen israelische Bodentruppen wieder in den Libanon ein. Rund ein Jahr nach Beginn des Gaza-Kriegs verlagert sich damit der Schwerpunkt der Kämpfe in Richtung des nördlichen Nachbarlandes. Die Armee sprach von „begrenzten“ Angriffen in Grenznähe auf Ziele der schiitischen Hisbollah, die eng mit dem Iran verbündet ist. 

Schon im April hatten Irans Revolutionsgarden (IRGC) zum ersten Mal in der Geschichte der Islamischen Republik einen direkten Angriff auf Israel ausgeführt. Dabei feuerten die IRGC-Luftstreitkräfte mehr als 300 Drohnen, Raketen und Marschflugkörper auf ihren Erzfeind. Der Angriff wurde erfolgreich abgewehrt. Der Iran reagierte damit auf die Tötung hochrangiger Generäle, die bei einem mutmaßlich israelischen Angriff in Syrien getötet worden waren.

Seit der Revolution von 1979 gelten die USA und Israel als Erzfeinde der Islamischen Republik. Mit Ausbruch des Gaza-Kriegs vor knapp einem Jahr drohte mehrfach, dass sich der Schattenkonflikt zu einem Flächenbrand entwickelt. Irans Revolutionsgarden sind die Elitestreitmacht des Landes und gelten als deutlich schlagkräftiger als die reguläre Armee.

Israels Armee greift weiter die Hisbollah an

Derweil attackierte die israelische Armee nach den iranischen Angriffen Ziele der pro-iranischen Hisbollah-Miliz im Libanon. Aus libanesischen Sicherheitskreisen verlautete, dass die israelische Armee mindestens fünf Angriffe im Süden der Hauptstadt Beirut ausgeführt habe. Korrespondenten der Nachrichtenagentur AFP hörten Explosionen aus der Gegend und sahen Rauch aufsteigen.

Kurz zuvor hatte die israelische Armee die betroffene Bevölkerung aufgerufen, „sofort“ zu ihrer eigenen Sicherheit zwei Gebäude in einem südlichen Vorort von Beirut zu verlassen und die gesamte Umgebung im Umkreis von 500 Metern zu meiden. „Sie befinden sich in der Nähe von gefährlichen Einrichtungen der Hisbollah“, schrieb der israelische Armeesprecher Avichai Adraee in den Onlinediensten X und Telegram zu Grafiken der betreffenden zwei Gebäude.

Die Hisbollah hat sich nach eigenen Angaben Kämpfe mit israelischen Soldaten geliefert, die auf libanesisches Gebiet vorrücken wollten. Kämpfer der pro-iranischen Miliz seien einer „feindlichen israelischen Infanterieeinheit“ gegenübergestanden, die versucht habe, in das Dorf Adajseh einzudringen, erklärte die Hisbollah am Mittwoch. Zudem hätten Hisbollah-Kämpfer die israelischen Streitkräfte auf israelischem Gebiet „an drei verschiedenen Standorten“ mit Raketen und Artilleriefeuer unter Beschuss genommen.

Israel hat seit der vergangenen Woche wiederholt Vororte von Beirut ins Visier genommen. Die südlichen Vororte von Beirut sind eine Hochburg der Hisbollah-Miliz.