Künstliche Intelligenz
: „Die Bösen haben dann die guten Waffen“

InterviewDie eigentliche Gefahr der Künstlichen Intelligenz ist nicht die Technologie selbst, sagt KI-Experte Carsten Kraus. Viel gefährlicher sei es, wenn Demokratien ins Hintertreffen geraten.
Von
Igor Steinle
Berlin
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Länder, die ohne große Einschränkungen an KI forschen dürfen, sind im Vorteil, warnt Carsten Kraus.

picture alliance/dpa/EUROPA PRESS | Alejandro Martínez Vélez

Seit Jahren sagen Experten voraus, dass Künstliche Intelligenz (KI) unser Leben verändern wird. Doch erst mit dem Chatbot „ChatGPT“ wurde das Potenzial dieser Technologie einer breiten Öffentlichkeit bewusst. Einer, der das längst erkannt hat, ist Carsten Kraus. Der Pforzheimer gründete mit 16 Jahren sein erstes Unternehmen und prägt als einer der wenigen erfolgreichen deutschen KI-Unternehmer die Online-Suche in Europa. Im Interview mit unserer Zeitung warnt er davor, dass die geplante KI-Regulierung weit über das Ziel hinausschießen könnte. Die Zeit heute sei mit den Anfängen der Elektrizität vergleichbar: Hätte man damals vorgeschrieben, dass neben jeder Stromleitung ein Elektriker stehen muss, hätte Deutschland nie den Anschluss an die Moderne gefunden.

Herr Kraus, KI hat in den vergangenen Jahren eine enorme Lernkurve hingelegt. Wenn die Entwicklung so weitergeht, was kommt noch auf uns zu?

Carsten Kraus: Denken Sie an den Ottomotor. Am Anfang war es nur eine effizientere Dampfmaschine, die mit Benzin statt Holzkohle betrieben wurde. Das hatte Vorteile, aber es war noch nicht die große Revolution. Erst als jemand den Motor in ein Auto einbaute, kam die eigentlich bahnbrechende Entwicklung. Ähnlich wird es mit KI sein. Die Technologie ist bereits vorhanden, aber die eigentlichen Anwendungen werden erst in den kommenden Jahren die Welt überfluten.

Zum Beispiel?

Nehmen Sie das autonome Fahren. Bisher denken wir so weit, dass man sich während der Fahrt dann mit anderen Dingen beschäftigen kann. Aber das ist nur der Anfang. Vielleicht müssen wir in Zukunft nicht mehr ins Fitnessstudio fahren, weil das Laufband und das Rudergerät sich autonom bewegen können und uns einfach zu Hause besuchen. Wahrscheinlich wird auch die Qualität und Quantität produzierter Güter steigen. Und das wohl ressourcenschonender und umweltfreundlicher als bisher. Ein Industriedesigner hat bereits mit Hilfe von KI eine Trennwand für Airbus entwickelt, die dank einer neuartigen Struktur 30 Kilogramm leichter ist als zuvor. Das führt zu einer jährlichen Einsparung von 166 Tonnen CO2 pro Flugzeug.

„Wenn das EU-Gesetz so kommt wie geplant, werden wir in zehn Jahren keinen Weltmarktführer mehr in Europa haben“, warnt KI-Unternehmer Carsten Kraus.

Matthias Trenn

Warum kam der Entwicklungssprung ausgerechnet jetzt?

Nach anfänglichen Fortschritten erlebten wir von 2000 bis 2010 den sogenannten KI-Winter, in dem die Entwicklung stagnierte. Dann kamen zwei große Durchbrüche, die einerseits dazu führten, dass die KI schneller lernte, und andererseits, dass sie durch Bilderkennung sehen konnte. Dadurch wurde der Welt klar, dass die Technologie vielleicht doch nützlich sein könnte, sodass immer mehr Geld in das Feld floss und sich immer mehr Forscher damit beschäftigten. Ein weiterer großer Meilenstein war das Go-Spiel.

Das chinesische Brettspiel?

2016 hat eine KI den weltbesten Go-Spieler besiegt, was selbst KI-Experten überraschte. Go gilt als Spiel der Weisheit, bei dem auch Intuition gefragt ist, nicht nur Intelligenz. Die KI erhielt Daten von 70 000 Turnierpartien, konnte damit aber nicht besser werden als der Mensch. Was aber alle unterschätzt haben, war die neue Technologie, mit der der Computer selbst experimentieren konnte. Die Maschine spielte Millionen von Spielen gegen sich selbst und zog daraus strategische Schlüsse. Und plötzlich hat sie gewonnen. Das führte dann zum Durchbruch in China. Die Chinesen sagten sich: Wenn KI das kann, dann kann sie bald alles. Daraufhin haben sie ein 150 Milliarden Dollar schweres Staatsprogramm aufgelegt, mit dem sie bis 2030 weltweit führend sein wollen. Europa hingegen hat das Potenzial von KI bis heute nicht erkannt.

Wie kommen Sie darauf?

Hier ist die Debatte vor allem von Angst geprägt. Es gibt viele Befürchtungen, etwa, dass wir jetzt alle arbeitslos werden. Die Erfahrung zeigt aber, dass das nicht so sein wird. Früher haben die Leute mit der Schaufel Gruben gegraben. Dann kam der Bagger, der mindestens 100 Mal effizienter ist als jeder Mensch mit Schaufel. Trotzdem gibt es zu wenig Leute auf dem Bau. Das Gegenteil ist daher der Fall: Durch technischen Fortschritt und die damit verbundene Produktivitäts­steigerung haben wir weltweit einen immensen Wohlstandsgewinn erfahren. Die Menschen arbeiten weniger als früher, aber sie haben nicht weniger. So könnte es auch mit der KI sein, wenn wir uns darauf einlassen. Wenn wir es aber anderen Kontinenten überlassen, weil wir in Europa das alles zu problematisch finden, dann nicht.

Sie spielen auf die geplanten EU-Regulierung an.

Einige Bestimmungen sehen vor, dass KI nicht ohne richterliche Anordnung Personen überwachen darf. Es dürfen auch keine Profile von Bürgern erstellt werden, um zum Beispiel Sozialpunkte zu vergeben wie in China. Das halte ich für völlig richtig. Komplizierter wird es schon bei der Kennzeichnungspflicht, zum Beispiel von Bildern, die mit KI erstellt wurden. Wenn ich ein Bild mit Photoshop bearbeite, das bereits mit KI arbeitet, muss ich das dann kennzeichnen? Aber das ist alles nicht dramatisch, und es hilft auf jeden Fall zu verhindern, dass gefälschte Fotos verbreitet werden. Deswegen finde ich das eigentlich gut. Das Gleiche gilt für strenge Regeln, wenn KI in sogenannten Hochrisikobereichen eingesetzt wird, in Kraftwerken oder in der Medizin.

Und was finden Sie schlecht?

Es werden immer mehr Bereiche als hochriskant eingestuft, auch Anwendungen wie ChatGPT. Die Befürchtung ist, dass solche Programme zum Beispiel bei der Personalrekrutierung eingesetzt werden könnten und möglicherweise unzulässige Fragen zu Religion oder Sexualität stellen. Die vorgesehenen Strafen sind derart drakonisch, dass Unternehmen den Einsatz von KI-Systemen komplett verbieten würden. Es ist jedoch wichtig, ihnen die Möglichkeit zu geben, die Vorteile der Technologie zu nutzen. Andere Länder und Unternehmen werden es so oder so tun. Wir wären dann irgendwann gezwungen, die Technologie von anderen zu übernehmen, die nach ganz anderen Werten handeln als unseren.

Was wäre so schlimm daran? Bei anderen digitalen Technologien ist es ja auch nicht anders.

Die meisten Menschen denken, dass es nur um KI geht und dass wir aufpassen müssen, unsere KI-Branche nicht zu vergraulen. Das verkennt die Dimension des Problems. KI wird in Zukunft in allen Produkten eine Rolle spielen. Im Design, in der Herstellung, im Vertrieb, im Marketing. Nehmen Sie eine einfache Kaffeetasse: Wenn ich Design und Produktion mit KI verbessere, kann ich mit weniger Material eine schönere Tasse herstellen, die besser in der Hand liegt. Eine KI könnte zu dem Schluss kommen, dass die Tasse anders gebrannt werden sollte, um weniger Energie zu verbrauchen oder bessere Stabilität zu erreichen. Dann sind die Tassen aus China oder Brasilien besser und billiger als die aus Deutschland, weil die KI hier nicht so eingesetzt werden darf wie dort. Dieses Beispiel lässt sich auf jede einzelne Branche ausweiten. Wenn das EU-Gesetz so kommt wie geplant, werden wir in zehn Jahren keinen Weltmarktführer mehr in Europa haben.

ChatGPT-Chef Sam Altmann verglich KI mit der Atombombe und plädiert für eine internationale Regulierung, ähnlich wie bei der Atomenergie-Organisation. Wäre das eine Lösung?

Im Prinzip ja, aber der Unterschied zur Atombombe ist, dass ein Vertragsbruch nicht unbedingt bemerkt werden würde. In Demokratien vielleicht, aber nicht in autoritären Staaten. Stattdessen könnte es zu einem Macht-Ungleichgewicht kommen: Die Bösen haben dann die guten Waffen. KI kann wunderbar als Hackerwaffe eingesetzt werden. Das kann man am besten abwehren, wenn man selbst die stärkere KI hat. Am besten wäre es, wenn sich die demokratischen Staaten zusammentun und gemeinsame Standards setzen.

Es gibt ja Gefahren, über die weniger geredet wird. Etwa, dass KI-Chatbots durch ihr Wiederkäuen des Internets Vorurteile verstetigen und neue Perspektiven verhindern.

Es ist nicht nur eine Frage der Trainingsdaten, mit denen die KI gefüttert wird, Vorurteile werden aktiv in die KI eingebaut. In China gibt es eine Verordnung, dass ihre Chatbots grundsätzlich der staatlichen Politik folgen müssen. Die Hersteller können aktiv bestimmen, was die KI denken oder diskutieren darf. Tatsächlich ist das auch bei ChatGPT ähnlich. Politisch gesehen hat es eine sehr klare Tendenz zum Linksliberalismus oder zu dem, was man heute „woke“ nennen würde. Außerdem ist es wirklich sehr amerikanisch.

Inwiefern?

ChatGPT hat eine starke Tendenz, alles zu beschönigen. Ich habe versucht, einen meiner Lieblingsromane, „Bekenntnisse des Hochstaplers Felix Krull“ von Thomas Mann, der unvollendet geblieben ist, damit weiterzuschreiben. Das funktioniert an sich ganz gut. Aber die KI konnte es einfach nicht lassen, am Ende jedes einzelnen Kapitels so zu schreiben, dass alle glücklich und zufrieden sind. Das passt sehr gut zu Hollywood, aber leider weniger zum europäischen Roman.

Und woran arbeiten Sie gerade beruflich, wenn Sie die KI nicht Romane schreiben lassen?

Mein derzeit spannendstes Unternehmen ist Casablanca AI. Wir wollen mit KI Videokonferenzen um 20 Prozent produktiver machen. Das geht auf Forschung eines Karlsruher Doktoranden zurück, er hat herausgefunden, dass die Effizienz beim gemeinsamen Arbeiten um 20 Prozent sinkt, wenn man in Meetings keinen Blickkontakt hat. Das Problem ist, dass man auf den Bildschirm und nicht in die Kamera schaut und wir so wichtige Informationen, die wir sonst über Blickkontakt vermitteln, nicht signalisieren können. Vereinfacht gesagt dreht unsere KI den virtuellen Kopf so, dass man dem Gesprächspartner in die Augen schaut.

Das klingt nicht sehr dystopisch. Wann übernimmt denn KI nun die Weltherrschaft?

Ich habe mal gesagt, spätestens 2035 ist die KI klüger als der Mensch. Aber ehrlich gesagt, der entscheidende Punkt ist, was wir zulassen. Und vor allem, ob wir vorne mitspielen. Nicht die KI wird die Welt beherrschen, sondern der Staat mit der besten KI. Deshalb habe ich viel mehr Angst vor einem Despoten mit der besten KI als vor der KI selbst.

Zur Person

Carsten Kraus ist Gründer und Redner aus Pforzheim. Neben einer Unternehmens-Holding betreibt er vier Firmen und hat zehn Beteiligungen an anderen Start-ups, die sich vor allem mit KI beschäftigen. Mit 16 hat er gemeinsam mit einem Freund sein erstes Unternehmen gegründet. Dafür hat er die Schule verlassen und sein Abitur erst später nachgeholt. Von ihm entwickelte Software wurde in Atari-Computern verwendet. Sein größter Erfolg bisher war „Fact Finder“, das ungefähr 200 Online-Shops in Europa für ihre Suchfunktion nutzen. Im Jahr 2000 war es der erste Algorithmus, der in der Lage war, Suchbegriffe trotz Rechtschreibfehlern zu erkennen.