Krieg in Nahost
: Hamas-Auslandschef im Iran getötet – Droht neue Eskalation mit Israel?

Einer der wichtigsten Hamas-Anführer soll in der iranischen Hauptstadt getötet worden sein. Die Islamisten machen Israel verantwortlich – und drohen mit Rache.
Von
dpa/afp
Teheran/Beirut
Jetzt in der App anhören
Nahostkonflikt - Hamas-Chef Hanija getötet: HANDOUT - 30.07.2024, Iran, Teheran: Auf diesem vom iranischen Präsidialamt veröffentlichten Foto sitzt Hamas-Chef Ismail Hanija bei einem Treffen mit Präsident Masoud Pezeshkian im Präsidialamt. Der Auslandschef der islamistischen Hamas, Ismail Hanija, ist nach Angaben der Terrororganisation bei einem israelischen Angriff in der iranischen Hauptstadt Teheran getötet worden. Foto: Uncredited/Iranian Presidency Office/AP/dpa - ACHTUNG: Nur zur redaktionellen Verwendung und nur mit vollständiger Nennung des vorstehenden Credits +++ dpa-Bildfunk +++

Offenbar bei "gezielter Attacke" getötet: Hamas-Auslandschef Chef Ismail Hanija.

Uncredited/Iranian Presidency Office/AP/dpa

Der Auslandschef der islamistischen Hamas, Ismail Hanija, ist nach Angaben der Terrororganisation bei einem israelischen Angriff in der iranischen Hauptstadt Teheran getötet worden. Er sei infolge einer Attacke auf seine Residenz ums Leben gekommen, teilte die Hamas mit. Von israelischer Seite gab es dazu zunächst keine Mitteilung. Irans Revolutionsgarden bestätigten den Tod von Hanija. Er wäre der ranghöchste Hamas-Anführer, der seit Beginn des Gaza-Krieges vor rund zehn Monaten getötet wurde. Ein Mitglied des Hamas-Politbüros, Hamas, Musa Abu Marsuk, drohte am Mittwoch mit Konsequenzen: Die „Ermordung“ Hanijas sei eine „feige Tat“ und werde „nicht unbeantwortet bleiben“. Auch Palästinenserpräsident Mahmud Abbas sprach von einer „feigen Tat“ und rief die Palästinenser zu Einigkeit gegenüber Israel auf. Abbas verurteilte die Tötung Hanijas „aufs Schärfste“ und bezeichnete sie als „schwere Eskalation“. Das palästinensische Volk müsse weiter „entschlossen gegen die israelische Besatzung auftreten“.

Hanija war am Dienstag in Teheran angekommen und hatte an der Vereidigung des neuen iranischen Präsidenten Massud Peseschkian teilgenommen. Hanija war 2017 der Nachfolger von Chaled Meschaal als Chef des Hamas-Politbüros geworden. Er lebte im Exil und hielt sich in der Türkei und in Katar auf.

Tod Hanijas folgt nach Israels Angriff auf Hisbollah-Kommandeur

Der als moderat geltende 69-jährige Peseschkian war im Parlament in Teheran vereidigt worden und nimmt somit offiziell die Amtsgeschäfte als neunter Präsident der Islamischen Republik auf. An der Vereidigungszeremonie nahmen nach iranischen Angaben hochrangige Vertreter aus 86 Ländern teil. Die meisten westlichen Länder hatten Peseschkian weder zum Wahlsieg gratuliert noch standen ihre Vertreter auf der Gästeliste des Parlaments.

Drei Tage nach einem tödlichen Raketenangriff auf den Golanhöhen hatte Israels Armee kurz zuvor nach eigenen Angaben in einem Vorort der libanesischen Hauptstadt Beirut einen der ranghöchsten Kommandeure der Schiitenmiliz Hisbollah getötet. Eine Bestätigung der Hisbollah für den Tod von Fuad Schukr gab es zunächst nicht. Der Schlag birgt die Gefahr einer weiteren Eskalation der Spannungen zwischen der Hisbollah und Israel.

Man ziehe es zwar vor, „Feindseligkeiten ohne einen größeren Krieg zu lösen“, Israels Militär sei aber „auf jedes Szenario vorbereitet“, sagte Armeesprecher Daniel Hagari. „Wir glauben nicht, dass ein breiter Krieg unvermeidlich ist“, sagte eine Sprecherin des Weißen Hauses. Kampfflugzeuge trafen Schukr nach Angaben der israelischen Armee in einer „gezielten, nachrichtendienstlich gestützten Eliminierung“. 

Hisbollah-Kommandeur soll für Angriff auf Golan verantwortlich sein 

Schukr habe als rechte Hand von Hisbollah-Generalsekretär Hassan Nasrallah gedient und sei dessen Berater für Planung und Leitung von Kriegseinsätzen gewesen. Seit 2017 wird er von US-Behörden wegen Verstrickung in einen Anschlag auf US-Truppen in Beirut 1983 gesucht. Für Informationen zu Schukr hatten die USA eine Belohnung von fünf Millionen Dollar (4,6 Millionen Euro) ausgeschrieben. Schukr habe seit dem 7. Oktober auch die Angriffe der Hisbollah auf Israel koordiniert, teilte die israelische Armee weiter mit. 

Schukr sei außerdem verantwortlich für den Raketenangriff am Samstag auf die drusische Ortschaft Madschdal Schams auf den von Israel annektierten Golanhöhen, bei dem zwölf Kinder und Jugendliche getötet worden waren. Unabhängig ließen sich die Angaben zunächst nicht überprüfen. Die Hisbollah sagte mehrmals, sie habe mit dem Angriff auf dem Golan nichts zu tun. Auch der Iran wies die Vorwürfe einer Beteiligung der Schiitenmiliz zurück. Die israelische Regierung machte sie jedoch für den Angriff verantwortlich und kündigte einen Vergeltungsschlag an. 

Update-Newsletter
Montag - Freitag um 17.30 Uhr
Der swp.de Update-Newsletter fasst abends die wichtigsten Themen des Tages sowie die Top-Themen aus Ihrer Region, Deutschland und der Welt zusammen.

Libanons geschäftsführender Ministerpräsident Nadschib Mikati sprach laut der staatlichen Nachrichtenagentur NNA von einer „kriminellen Tat“. Sie sei Teil einer Reihe aggressiver Operationen, bei denen Zivilisten getötet würden. „Die israelische Tötungsmaschinerie“ habe noch nicht genug davon, die libanesischen Gebiete im Süden und in der Bekaa-Region anzugreifen, sagte er. Seit Beginn des Kriegs im Gazastreifen kommt es in der israelisch-libanesischen Grenzregion immer wieder zu Konfrontationen zwischen Israels Armee und der Hisbollah. Die Hamas verurteilte den israelischen Angriff. „Wir betrachten dies als eine gefährliche Eskalation“, für die Israel „die volle Verantwortung trägt“, teilte sie mit. 

Israels Schlag gegen Schukr in einem Vorort von Beirut erfolgte schließlich am Dienstag kurz vor Sonnenuntergang. Israels Verteidigungsminister Joav Galant schrieb danach auf der Online-Plattform X: „Die Hisbollah hat eine rote Linie überschritten.“ Nach Angaben des libanesischen Gesundheitsministeriums kamen bei dem Angriff drei Zivilisten ums Leben, zwei Minderjährige und eine Frau. 74 Menschen erlitten den Angaben zufolge Verletzungen, fünf von ihnen sollen in Lebensgefahr schweben. Augenzeugen berichteten, dass die Attacke auf ein achtstöckiges Gebäude zielte. Das Obergeschoss sei getroffen worden, hieß es. 

Libanon spricht von krimineller Tat 

Erst Anfang Januar war der zweithöchste Anführer der Hamas im Ausland, Saleh al-Aruri, bei einer Explosion in Beirut ums Leben gekommen. Die Hisbollah hatte Israel die Schuld am Tod des Vize-Leiters des Politbüros der Hamas gegeben. Auch mehrere Hisbollah-Kommandeure waren gezielt getötet worden. Israels Regierung hat nach Informationen der „Times of Israel“ die USA als seinen wichtigsten Verbündeten vor dem Angriff auf Schukr vorab informiert. 

Anschließend sagte eine Sprecherin des Weißen Hauses, die US-Regierung arbeite weiter an einer diplomatischen Lösung, damit es nicht zum nächsten Krieg kommt. US-Präsident Joe Biden glaube an diplomatische Lösungen „vor allem in diesem Moment entlang der Blauen Linie“, sagte Karine Jean-Pierre. Dabei handelt es sich um eine von den Vereinten Nationen gezogene Demarkationslinie an der Grenze zwischen Israel und dem Libanon. Mit Ende des zweiten Libanon-Krieges 2006 war eine Pufferzone im Süden Libanons eingerichtet worden. 

Bericht: Angriff zeigt Verwundbarkeit der Hisbollah

„Die Tötung von Schukr drängt die Hisbollah in die Enge: Ihre Anhänger erwarten, dass sie einen bedeutenden Vergeltungsschlag ausführen wird, aber ihr sind die Hände gebunden, weil Israel gezeigt hat, dass es militärisch die Oberhand hat“, sagte Lina Khatib von Chatham House, einem Institut für internationale Angelegenheiten in London, dem „Wall Street Journal“. Der Angriff zeige, wie verwundbar die Hisbollah für den israelischen Geheimdienst sei. Diese Verwundbarkeit werde jeglichen Vergeltungsschlag der Hisbollah einschränken. Beide Seiten schienen zuletzt nach nicht daran interessiert, ihre seit fast zehn Monaten andauernden Gefechte erheblich auszuweiten. Ob sich die brisante Lage im Nahen Osten nach der Tötung des Auslandschefs der Hamas nun weiter zuspitzt, bleibt abzuwarten.