Kita-Krise
: Wo steht Deutschland bei der Kinderbetreuung im europäischen Vergleich?

Die Bedeutung von Kinderbetreuung bestreitet niemand. Doch in der Praxis scheitern große Ansprüche allzu schnell. Gründe dafür gibt es viele. Das zeigt ein Blick in unsere Nachbarländer.
Von
Michael Gabel,
Dominik Straub,
Jochen Wittmann,
Peter Heusch,
Martin Dahms
London/Paris/Rom/Madrid/Berlin
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Vier Babys liegen in einer Kita nebeneinander. Während die Nachfrage nach Betreuung steigt, fehlen Fachkräfte. ⇥

Patrick Pleul

Gute Bildung beginnt am besten in der Kita und dort so früh wie möglich – diese Einsicht setzt sich in Deutschland auch wegen der schlechten Ergebnisse im Pisa-Ländervergleich immer mehr durch. Immerhin: Seit 2013 besteht für jedes Kind, das älter als ein Jahr ist, ein Anspruch auf einen Kita-Platz. Doch diesen gibt es oft nur auf dem Papier. Manchmal ist die Kita zu weit entfernt, vielfach passt auch das zeitliche Betreuungsangebot nicht. Und oftmals gibt es einfach nicht genug Plätze für alle. Gerade für viele Mütter hat das die fatale Folge, dass sie „nicht oder nur verzögert wieder in den Beruf einsteigen können“, wie es beim Verband Bildung und Erziehung (VBE) heißt.

Zwei Gründe gibt es für die je nach Berechnung bundesweit bis zu 400 000 fehlenden Kitaplätze: Zum einen fließt allgemein nicht genug Geld ins System. Zum anderen fehlen Fachkräfte. 300 000 sind es nach Angaben des VBE.

Um den Beruf attraktiver zu machen, wird verstärkt auf praxisorientierte Ausbildung gesetzt – mit dem positiven Nebeneffekt, dass die Auszubildenden ein Gehalt bekommen, während der Besuch einer Fachschule oft bezahlt werden muss. Nötig wären aus Sicht des VBE außerdem höhere Einstiegsgehälter sowie ausreichend Leitungszeit für die Führungskräfte, um eine gute Personalführung zu gewährleisten.

Die zum Teil recht großen Gruppen und der damit einhergehende enorme Stress sind für viele Erzieherinnen und Erzieher ein Grund, den Job irgendwann entnervt aufzugeben. „Die Politik muss dringend ins Handeln kommen, um diese Negativspirale endlich zu stoppen“, fordert deshalb der VBE.

Bei einer von der Dienstleistungsgewerkschaft Verdi in Kooperation mit der Hochschule Fulda durchgeführten Umfrage gaben 40 Prozent der befragten Erzieherinnen und Erzieher an, über einen Stellenwechsel nachzudenken. Ein Viertel hatte vor, ganz aus dem Beruf auszusteigen.

Als Hauptgrund für den Frust im Beruf ergab die Umfrage, dass eine deutliche Mehrheit kritisiert, man sei für zu viele Kinder zuständig und habe so kaum Zeit, auf die Probleme und Wünsche der Jungen und Mädchen eingehen zu können.

Weiteres Problem: die sehr uneinheitliche Bezahlung je nachdem, in welcher Kindertagesstätte man gerade arbeitet. Das Personaldienstleistungsunternehmen P-Werk hat ermittelt, dass in Deutschland das durchschnittliche Gehalt im Erzieherberuf bei etwa 2650 Euro brutto liegt. Je nach Bundesland sind aber auch Gehälter von 3300 Euro bis über 5000 Euro möglich, wobei in derartige Höhen nur manche Leitungskräfte vorstoßen.

Ungleich sind auch die Gehälter je nachdem, von wem die Einrichtung betrieben wird. So werden Angestellte im öffentlichen Dienst im Schnitt deutlich besser bezahlt als Beschäftigte bei privaten Trägern. Auch sind die Durchschnittsgehälter in Süddeutschland etwas höher als im Norden und vor allem im Osten Deutschlands. Im öffentlichen Dienst liegt bei den Gehältern Baden-Württemberg an der Spitze, gefolgt von Bayern. Am Ende dieser Tabelle liegen Brandenburg, Sachsen-Anhalt, Thüringen und als letztes Bundesland Mecklenburg-Vorpommern.

Besonders schwierig ist die Situation der Verdi-Umfrage zufolge für die zahlreichen Quereinsteigerinnen und Quereinsteiger. Etwa 90 Prozent gaben an, dass ihre Arbeitgeber ihnen zu wenige beziehungsweise gar keine Möglichkeiten zur Weiterqualifizierung anbieten. Für die stellvertretende Verdi-Chefin Christine Behle ein Unding: „Die Politik setzt in großem Maße auf den Quereinstieg, um Fachkräfte zu gewinnen. Ohne eine einschlägige Ausbildung sind diese jedoch keine Fachkräfte, sondern werden als billige Arbeitskräfte ausgenutzt.“ Dem Anspruch auf eine hochwertige Bildungs- und Erziehungsarbeit werde man so nicht gerecht.

So ist die Lage in Italien

Auch Italien hat seine Kita-Krise – aber das Problem sind nicht die fehlenden Erzieherinnen und Erzieher, sondern die fehlenden Krippen als solche. In Italien findet sich nicht einmal für jedes dritte kleine Kind ein Platz in einem „Asilo nido“ (für Kinder im Alter von 0 bis 2 Jahren) oder einer „scuola materna“ (3 bis 5 Jahre). Und auch bei der Kinderbetreuung gibt es ein großes Gefälle zwischen dem reichen Norden und dem armen Süden, wo es so gut wie gar keine Krippenplätze gibt.

Der eklatante Mangel hat gesellschaftliche Gründe: Zum einen werden im katholischen Italien vor allem in ländlichen Gebieten berufstätige Mütter nach wie vor ein wenig schräg angesehen. Die Folge: Die Frauenerwerbsquote ist eine der niedrigsten in ganz Europa. Zum anderen springt bei der Kinderbetreuung in den meisten Fällen die Familie ein. Geht die Mutter arbeiten, betreuen die Nonna und der Nonno den Nachwuchs.

Seit Jahren fordern italienische Politikerinnen über alle Parteigrenzen hinweg einen Ausbau des Kita-Angebots. Und siehe da: Die EU hat Italien nach der Pandemie 4,6 Milliarden Euro für den Bau von über 2000 neuen Krippen mit 265 000 Plätzen zur Verfügung gestellt. Doch trotz hehrer Absichtserklärungen schafft es die Rechtskoalition von Giorgia Meloni (selbst Mutter) nicht, das Geld auszugeben: Im Aktionsplan der Regierung sind über 100 000 Plätze wieder gestrichen worden. Begründung: Teuerungen und bürokratische Hindernisse.

Schlechte Bezahlung in Spanien

Auf Infojobs, einer der beliebtesten spanischen Arbeitsplatzbörsen, fand sich kürzlich ein bemerkenswertes Angebot: Die Stadt Stuttgart sucht 50 Erzieherinnen und Erzieher für Kinder bis sechs Jahren. Voraussetzung sind Ausbildung und mittlere Englischkenntnisse, aber nicht unbedingt Berufserfahrung, Jahresgehalt 24 000 bis 36 000 Euro brutto. 33 Bewerber schrieben sich für das Angebot ein.

Spanien hat grundsätzlich keinen Mangel an Erzieherinnen und Erziehern. Gleichwohl steigt die Nachfrage nach Betreuern und Pädagogen tendenziell, weil es immer selbstverständlicher wird, auch die Kleinsten in den Hort zu schicken. Von den Null- bis Dreijährigen gehen nach Zahlen des spanischen Erziehungsministeriums 45,6 Prozent in den Hort, und damit es noch mehr werden, hat das Ministerium einen 670-Millionen-Euro-Plan für 65 000 zusätzliche Plätze aufgelegt.

Die Fachkräfte arbeiten jedoch unter „enorm prekären Verhältnissen“, vor allem in Sachen Bezahlung, sagt Francisco García von der Gewerkschaft Comisiones Obreras im Gespräch mit der Zeitung Eldiario.es. Die privat betriebenen Horte bieten meist nicht viel mehr als den gesetzlichen Mindestlohn, das sind zurzeit 15 120 Euro brutto im Jahr. Und das für harte Arbeit: Für die Betreuung der Kleinsten unter einem Jahr sollte eine Betreuerin auf vier Kleinkinder kommen – in Wirklichkeit sind es acht.

Überlastetes System in Frankreich

Geht es um die Kleinkinderbetreuung, hat Frankreich einen Ruf zu verlieren. Das Land leistet sich die aufwendigste Familienpolitik Europas, damit sich Frauen nicht zwischen Karriere und Nachwuchs entscheiden müssen. Und ein wichtiger Bestandteil dieser Politik sind die Kitas. Betreuungsplätze für Kleinstkinder, so die Vorgabe, haben überall und in ausreichender Zahl zur Verfügung zu stehen. Doch zwischen Anspruch und Wirklichkeit hat sich in den letzten Jahren und insbesondere seit der Covid-Epidemie eine sich beständig vergrößernde Lücke aufgetan. Mittlerweile ist auch in französischen Medien von einer „Crise de crèches“, von einer Kita-Krise, die Rede, weil es an Mitteln ebenso fehlt wie an Fachkräften.

Ein der Regierung von der Generalinspektion für soziale Angelegenheiten IGAS im letzten April vorgelegter Report kam zu dem Schluss, dass in Frankreich rund 200 000 Kita-Plätze und an die 10 000 Erzieher fehlen. Angesichts der Tatsache, dass links des Rheins nicht weniger als 468 000 Betreuungseinrichtungen gezählt werden, nimmt sich dieser Erziehermangel nicht als allzu gravierend aus. Laut der IGAS hat er dennoch zu einer „spürbaren“ Verschlechterung der Betreuungsqualität geführt. Die frühere Premierministerin Elisabeth Borne reagierte mit der Ankündigung eines Kita-Aktionsplans, für den Paris 5,5 Milliarden Euro zur Verfügung stellt. Bis 2030 sollen demnach nicht nur 200 000 zusätzliche Kita-Plätze geschaffen werden, es gelte auch, den Erzieher-Beruf attraktiver zu gestalten. Ohne konkret zu werden, versprach sie eine Verbesserung der Gehalts- und Arbeitsbedingungen.

Die Gewerkschaften bleiben skeptisch, da die „Baustelle riesig ist“. Vor allem bezweifeln sie, dass die geplanten Gehaltserhöhungen hoch genug ausfallen, um „in diesen Zeiten des allgemeinen Fachkräftemangels“ mehr Erzieher zu gewinnen. Denn um die Attraktivität des Berufs, der als ausgesprochen anstrengend gilt, ist es alles andere als gut bestellt. Geschuldet ist das laut den Gewerkschaften einer weit verbreiteten und sich ständig verschärfenden Überlastung des Personals in den Ganztag-Kitas sowie dem Umstand, dass viele Überstunden nicht angerechnet würden.

Dem kann Dorothée Maisoneuve nur zustimmen. Die 42-jährige Erzieherin arbeitet in einer Pariser Kita, die 55 Kinder zwischen drei Monaten und drei Jahren betreut. „Wenn nur ein oder zwei Kollegen krankheitsbedingt ausfallen, wird es rasch eng und steigt der Stress schlagartig“, erzählt sie, und dass sie ihre Arbeit eher als eine Berufung als einen Beruf ansieht. Ansonsten, so Maisoneuve, hätte sie sich schon längst einen anderen Job gesucht, der weniger aufreibend und besser bezahlt ist.

Großbritannien: Die Privatisierungswelle rollt

Großbritannien kämpft mit einer krassen Kita-Krise, der Fachkräftemangel macht sämtlichen Einrichtungen zu schaffen. Seit 2019, so meldete die Zeitung „Guardian“, haben rund 10 000 Erzieherinnen und Erzieher ihren Job aufgegeben, das ist ein Minus von 3 Prozent. Besonders den öffentlichen beziehungsweise gemeinnützigen Sektor trifft dieser Trend, wo zwischen 2018 und 2022 fast ein Drittel aller Kitas geschlossen oder privatisiert wurde. Heute werden zwei Drittel aller Plätze von privaten Unternehmen angeboten.

Die Krise hat viele Gründe. Der Lohnstopp, den die konservative Regierung ab 2010 zur Sanierung der Staatsfinanzen verhängte, half ebenso wenig wie darauf folgende Lohnerhöhungen, die unter der Inflationsentwicklung lagen. Während der Corona-Pandemie wurde viel Personal entlassen, und heute fehlen gerade die erfahrenen Leute, die neue Kräfte anlernen könnten.

Dazu kommt, dass der Erzieher-Beruf keinen hohen Stellenwert in der Gesellschaft hat. So sind viele Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter abgewandert, da sie im Einzelhandel oder der Gastronomie mehr verdienen können. Professorin Celia Greenway, die als Erziehungswissenschaftlerin an der Universität von Birmingham Tausende von Kita-Mitarbeitern ausgebildet hat, sieht ihre einstigen Schülerinnen und Schüler heute in ganz anderen Bereichen arbeiten, „in Geschäften, bei Tierärzten oder sogar in Zahnarztpraxen“.

Die Krise wird sich noch verschärfen, denn die Regierung hat versprochen, die 30 Wochenstunden an kostenloser Betreuung für Drei- und Vierjährige, die britischen Eltern zustehen, auf die Altersklasse der Ein- bis Zweijährigen zu erweitern. Fionnuala O‘Reilly von der Denkfabrik Nesta, die einen Report über die Kita-Krise verfasst hat, spricht von einer „massiv angehobenen Nachfrage in einem Sektor, der jetzt schon kämpft. Unsere Forschung zeigt, dass dafür eine Erweiterung des Personals um sieben bis acht Prozent nötig ist.“

Die britische Regierung versucht, mit Willkommensgeldern von 600 bis 1200 Pfund neuen Nachwuchs anzulocken. Eine angemessenere Bezahlung und eine gesellschaftliche Aufwertung des Berufes, kommentierte die Erzieherin Sophie Bramley in der Londoner „Times“, dürften hingegen geeignetere Maßnahmen sein: „Wenn ein Amazon-Fahrer mehr verdient als eine Kita-Fachkraft, dann läuft etwas total schief“, kritisierte Bramley laut der Zeitung.