Die Aussagen des Münchner Kardinals Reinhard Marx mögen für liberale Ohren überfällig klingen. Für die katholische Kirche markiert die Absage an den Zölibat jedoch einen Bruch mit uralten Traditionen, die auch heutzutage nicht selten bis auf das Schärfste verteidigt werden.
Wütende und empörte Christen und Nichtchristen zogen den Zölibat angesichts des Missbrauchsskandal in der katholischen Kirche mehrfach in Zweifel – nicht nur in Deutschland, sondern weltweit. Wenn nun auch Marx einräumt, dass das Versprechen der Enthaltsamkeit nicht für jeden geeignet ist, dann ist er damit zwar der erste Kardinal in Deutschland. Ein Vorreiter ist er dennoch nicht, schließlich kannte er das Ausmaß der Verfehlungen in seinem Bistum schon seit 2010.

Marx: Möglicher Zusammenhang zwischen Sexualmoral und Missbrauch

Nach Marx eigener Aussage seien die Lebensumstände im Zölibat „prekär”: Er zöge auch Leute an, die nicht geeignet oder sexuell unreif sind.
Marx zeigt auf, dass die daraus resultierende Sexualmoral innerhalb der katholischen Kirche mit dem institutionellen Missbrauch in Zusammenhang stehen könnte. Der Kardinal macht deutlich: Er hat gelernt, auch wenn er selbst nichts ändern kann.

Zögerlichen Worten müssen nun Taten folgen

Allein, ein wenig mehr sollte es schon sein. Kardinal Marx scheint trotz seiner Einsichten der Wille zu fehlen, seine Ideen auch mit Verve voranzutreiben. Er zeigt Möglichkeiten auf, mehr aber auch nicht. Die Frage lautet, ob das ausreicht,  angesichts der immer neuen Rekorde an Austritten aus der katholischen Kirche.  Nein, weil die Taten und die Vertuschungsversuche so ungeheuerlich zynisch sind, müssen jetzt Taten folgen, auch wenn diese an den jahrtausendealten Grundfesten der Kirche rütteln.