Israel bereitet Angriff auf Hamas in Gaza vor
: „Das wird eine grauenhafte humanitäre Krise sein“

Die israelische Armee plant eine großangelegte Offensive gegen die Hamas in der Stadt Gaza. Experten warnen vor einer humanitären Katastrophe und massiver ziviler Opfer.
Von
David Hahn
Gaza
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Nahostkonflikt - Gaza-Stadt

Eine Aufnahme aus Gaza-Stadt vom 8. August 2025.

Omar Ashtawy/APA Images via ZUMA Press Wire/dpa

Die israelische Armee bereitet sich auf eine Ausweitung ihrer Offensive gegen die Hamas in der Stadt Gaza vor. Sicherheitsexperten warnen vor einer gefährlichen Operation. Eine vollständige Evakuierung der Zivilbevölkerung gilt als kaum möglich. Das berichtet die französische Nachrichtenagentur Agence France-Presse (AFP) am 12. August 2025.

Israel: Einsatz gegen Hamas in Gaza

Vor Ausbruch des Krieges hatte die größte Stadt des Gazastreifens rund 760.000 Einwohner. Durch die israelischen Angriffe auf die Hamas im Süden des Palästinensergebiets ist die Bevölkerung dort weiter angewachsen, da viele Geflüchtete in provisorischen Zeltlagern neben den Ruinen südlich von Gaza Zuflucht suchen. Diese Situation erschwert die Pläne von Israels Premierminister Benjamin Netanjahu, die Zivilbevölkerung aus dem Gebiet zu evakuieren, erheblich.

Der ehemalige israelische Geheimdienstvertreter Michael Milshtein warnt davor, die palästinensische Zivilbevölkerung wie bislang in sogenannte humanitäre Zonen im Süden des Gazastreifens zu treiben. „Man kann nicht eine weitere Millionen Menschen dorthin bringen. Das wird eine grauenhafte humanitäre Krise sein“, sagte Milshtein der Nachrichtenagentur AFP.

Hilfsgüter als Mittel zur Umsiedlung

Nach Einschätzung des Leiters der israelischen Denkfabrik Defense and Security Forum, Amir Avivi, will die israelische Armee Zivilisten zu Umsiedlung in den Süden des Gazastreifens bewegen, indem sie dort die Verteilung von Hilfsgütern durch die von den USA und Israel unterstützte Stiftung Gaza Humanitarian Foundation (GHF) verstärkt. Die dortigen GHF-Zentren sollen Avivi zufolge von aktuell vier auf 16 ansteigen.

Der von der Hamas kontrollierte Zivilschutz sowie mehrere Nichtregierungsorganisationen werfen der israelischen Armee jedoch vor, täglich auf hilfesuchende Zivilisten rund um die Verteilzentren zu schießen. Human Rights Watch hatte die GHF-Zentren zuletzt als „Todesfallen“ bezeichnet, die Hilfsorganisation Ärzte ohne Grenzen sprach von Orten „orchestrierter Tötungen und Entmenschlichung“.

Die GHF wiederum beschuldigt die Hamas, Unruhe zu stiften und auf Zivilisten zu schießen. Auch die israelische Armee macht die Hamas für die Schüsse auf Zivilisten in der Umgebung der GHF-Verteilzentren verantwortlich.

Gaza: Zentrum der Hamas im Gazastreifen

Die Stadt Gaza sei schon immer das Zentrum der Regierung im Gazastreifen und der Standort der stärksten Hamas-Brigade gewesen, erklärt Avivi. Sie bilde das „Herz der Hamas-Herrschaft im Gazastreifen“.

Sicherheitsexperte Milshtein geht davon aus, dass der bewaffnete Arm der Hamas, die Al-Kassam-Brigaden, bis zu 15.000 Kämpfer in der Stadt positioniert haben könnte. Viele seien neu rekrutiert worden. „Es ist sehr einfach, einen 17-, 18-, 19-jährigen Palästinenser zu überzeugen, ein Teil der Al-Kassam-Brigaden zu werden“, sagte Milshtein der AFP.

Zivilisten und Geiseln als menschliche Schutzschilde der Hamas

Neben einer großen Anzahl an Hamas-Kämpfern dürften die israelische Armee auch weitere Hürden bei der Einnahme der Stadt erwarten. Dazu gehört ein riesiges Netzwerk an unterirdischen Tunneln, in denen Beobachtern zufolge die israelischen Geiseln festgehalten werden. Zudem müsse mit improvisierten Sprengsätzen sowie dem Missbrauch von Zivilisten als menschlichen Schutzschilden durch die Hamas gerechnet werden.

„Dann wird nichts mehr übrig sein“

Angesichts dieser Bedingungen warnt die Vertreterin der Denkfabrik International Crisis Group, Mairav Zonszein, vor den unvermeidbaren Konsequenzen eines israelischen Vorgehens in Gaza. „Es ist fast unmöglich, dort einzudringen, ohne sowohl den Tod von Geiseln als auch eine große humanitäre Katastrophe zu verursachen“, sagt sie. Die materielle Zerstörung werde zudem enorm sein. „Sie werden einfach alles zerstören und dann wird nichts mehr übrig sein.“

Die israelische Armee ist nach den Worten von Armeechef Ejal Samir dennoch zuversichtlich, einen militärischen Sieg in Gaza zu erringen. Seine Truppen „werden in der Lage sein, Gaza zu erobern, wie sie es in Chan Junis und Rafah im Süden getan haben“, erklärte Samir am Montag. Die israelischen Streitkräfte seien bereits in der Vergangenheit in Gaza im Einsatz gewesen. „Und wir wissen, wie wir es wieder tun müssen.“

Mit Material der AFP