Wenn Hartmut W. die Stromrechnung sieht, steigt sein Blutdruck. Der Preis pro Kilowattstunde (kWh) steigt wieder. Lag er zur Jahrtausendwende bei 14, zahlt er heute 30 Cent.  Mehr als die Hälfte der 1100 Stromanbieter verlangt mehr. Begründung: Strombeschaffung ist kostspieliger, weil Gas, Kohle und Kohlendioxid-Zertifikate aufgeschlagen haben. Dabei stammt immer mehr Strom aus Sonne oder Wind, dessen Produktionskosten sinken. Warum schlägt dies nicht auf den Strompreis durch? Eine Analyse zeigt, warum Verbraucher mehr für elektrische Energie ausgeben müssen.

 

Wer liefert wie viel Strom?

Erstmals haben 2018 vor allem die 30 500 Windräder und die 1,76 Millionen Solaranlagen 40 Prozent des Stroms ins öffentliche Netz eingespeist. Aus Braunkohle stammte ein Viertel, aus Steinkohle und Atomkraft je gut 13 und aus Gas 8,1 Prozent. An der Leipziger Strombörse wird die Hälfte gehandelt. Für den Rest schließen Stromverkäufer meist längerfristige Verträge mit Kraftwerksbetreibern. Die Folge: Ein Überangebot, weil Kraftwerke und Erneuerbare Energie-(EE)-Anlagen den Markt beliefern.

 

Was kostet Strom an der Börse?

Meist ist Strom an der Leipziger Börse so preiswert wie sonst nirgendwo in Europa. Zurzeit wird die kWh für 4,5 Cent gehandelt. Von 2002 bis 2008 stieg der Preis von 2,5 auf knapp 7 Cent. Danach sank er auf 4, von 2011 bis 2016 auf 2 Cent. Den Anstieg danach erklären Experten mit der Stilllegung einiger Braunkohlekraftwerke, jetzt seien es höhere Brennstoffkosten. EE-Strom drückt den Preis. Er genießt Vorrang. Bis 2010 hatten die für seine Vermarktung zuständigen Netzbetreiber, die oft auch Kraftwerke besaßen, kein Interesse, Konkurrenzstrom zu verkaufen. Er ging zu null Cent in den Markt. Jetzt hat er einen Marktwert. Er entspricht dem Durchschnittspreis an der Börse, zurzeit 4,5 Cent.

 

Kostentreiber EEG-Umlage?

Sie macht mit 23,1 Prozent einen großer Brocken der Stromrechnung aus. Die Umlage ist die Differenz aus 20 Jahre lang zu zahlenden Vergütungen für ins Netz gespeisten EE-Strom, abzüglich seines Verkaufspreises. Dieser Betrag lag 2017 bei 23,3 Milliarden Euro. Summiert über 17 Jahre kommen 171 Milliarden Euro zusammen. „Die Endkunden zahlen sie“, sagt Norbert Allnoch, Direktor des Wirtschaftsforums für regenerative Energien (IWR). „Der Staat  subventioniert dabei nichts.“

 

Ist die Umlage zu rechtfertigen?

Nein, sagen Gegner der Energiewende. Nur wer eine EE-Anlage besitzt, profitiert. Zu Lasten aller anderen Endkunden. Befürworter entgegnen, ohne Vergütung hätte niemand in Wind- oder  Solaranlagen investiert. Massenproduktion hat deren Kosten massiv gesenkt. Statt für 51 Cent vor 20 Jahren lässt sich Solarstrom heute für 3,7 bis 11,5 Cent erzeugen. Ähnliches gilt für Windkraft. Die Bundesregierung ergänzt: Deutschland muss pro Jahr weniger fossile Brennstoffe im Wert von für 5,8 Milliarden Euro einführen. Der Jahresausstoß an Treibhausgasen sinke um 135 Millionen Tonnen. Sich von Rohstoffen unabhängiger zu machen und den Klimaschutz voranzubringen, seien Aufgaben der Gesellschaft.

 

Was erhöht die EEG-Umlage? 

Der Staat gewährt Rabatte. Heute zahlen 2840 Betriebe, die mehr als eine Million Kilowattstunden im Jahr verbrauchen, nur 20 bis 0,05 Prozent des Umlagebetrags von 6,4 Cent.  Die Bundesregierung betont: Stromintensive Betriebe müssten konkurrenzfähig bleiben, sonst wanderten sie ab. Mittelständische Unternehmen kontern: Längst nicht alle Großverbraucher stünden im Wettbewerb. Laut einer Studie des Forums ökologisch-soziale Marktwirtschaft entlasten  die Vergünstigungen Großverbraucher um 6,5 Milliarden Euro pro Jahr. Bürger, Gewerbe und alle übrigen Firmen (96 Prozent) finanzieren diesen Fehlbetrag.

 

Wie hoch sind Steuern und Abgaben?

Ihr Anteil am Strompreis beträgt 28,6 Prozent. Die Stromsteuer liegt bei 7, die Konzessionsabgabe bei 5,6 Prozent. Diese erhalten Kommunen, die öffentliche Flächen für Stromleitungen bereitstellen. Die Mehrwertsteuer (19 Prozent) fällt auf den Nettopreis an: macht brutto 16 Prozent. Fast 37.000 Industrie-, Land- und Forstwirtschaftsbetriebe zahlen nur zwei Drittel der Stromsteuer. 90 Prozent Nachlass erhalten 21.000 Großverbraucher. Komplett befreit sind 1620 Grundstoff-Hersteller. In der Regel zahlt die Industrie nur einen Bruchteil der Konzessionsabgabe. Diese Vergünstigungen betrugen im Jahr 2016 rund 7,5 Milliarden Euro.

 

Was kostet der Transport?

Netzentgelte sind  mit fast einem Viertel zweitgrößter Kostenblock der Stromrechnung – Tendenz steigend. Häufige Begründung für den Anstieg: Ausbau der Netze, vor allem um Windstrom aus dem Norden in den Süden zu liefern. IWR-Direktor Allnoch stellt dazu fest: „Das ist nur ein Grund.“ Von 1993 bis 2003 haben die Netzbetreiber ihre Investitionen fast halbiert. Erst 2013 erreichten sie ihr altes Niveau. Versäumnisse müssen nachgeholt werden. Seit 2011 sind Großverbraucher vom Entgelt befreit. Stromkunden müssen 700 Millionen ausgleichen.

Strombezieher etwa in Brandenburg, zahlen fast doppelt so viel Netzentgelt wie Kunden im Rest der Republik. Dabei nutzt der teure Ausbau allen Regionen.

 

Zwischenbilanz:

Die Energiewende senkt zwar die Strompreise an der Börse. Großverbraucher profitieren davon. Sie können dort einkaufen. Viele genießen Privilegien im zweistelligen Milliardenbetrag pro Jahr. Alle übrigen Stromkunden zahlen diese mit.

30,2


Cent bezahlt ein Privathaushalt im Durchschnitt für die Kilowattstunde in diesem Jahr in Deutschland, wenn er innerhalb eines Jahres rund 3500 Kilo­wattstunden verbraucht.