Er  zählt zu den bekanntesten Stauforschern Deutschlands. Michael Schreckenberg beschäftigt sich bereits seit dem Jahr 1994 an der Universität Duisburg-Essen mit Verkehrsströmen und dem Einfluss menschlichen Verhaltens darauf. Mit Dorothee Torebko sprach der Professor darüber, wie sich ein Tempolimit auf den Verkehrsfluss auf deutschen Autobahnen auswirkt.

Herr Professor Schreckenberg, was halten Sie von der Debatte um die Tempolimits?

Michael Schreckenberg: Ich halte gar nichts davon.

Warum? Gäbe es bei einem Tempolimit nicht weniger Staus?

Nein. Zumindest wenn es um ein generelles Tempolimit geht. Es ist sinnlos, jemanden auf vollkommen freier Strecke zu Tempo 130 zu zwingen. Studien haben ergeben, dass die eintönige Fahrweise dazu führt, dass Fahrer ihr Großhirn abschalten. Außerdem nehmen sie dann eher das Smartphone in die Hand, spielen damit herum – so kann es leicht zu Unfällen kommen. Ein Limit kann deshalb auch gefährlich sein. Innenstadt-Versuche mit Tempo 30 in Schweden haben ergeben, dass ein generelles Limit schnell Aggressionen beim Autofahrer schüren kann.

Aber bedeutet eine festgelegte Geschwindigkeit nicht eher Stressabbau?

Pendeln überhaupt ist Stress. Wer im Stau steht und dadurch zu spät zu einem Termin kommt, ist angespannt. Aber nicht derjenige, der aufs Gas drückt. Es gilt also daher, Staus zu vermeiden.

Wie kommt es denn zu Staus?

Bis zu 70 Prozent der Staus entstehen durch Überlastung. Das heißt, es sind zu viele Fahrzeuge auf derselben Strecke, zur selben Zeit, in dieselbe Richtung unterwegs. Auch Unfälle und Baustellen tragen mit bis zu 20 Prozent zur Stauentstehung bei. Wenn der Hintermann wegen meines Bremsens so stark abbremst, dass er anhält, löst er eine Stauwelle aus. Es geht also darum, kooperativ zu fahren und genügend Abstand zu halten, um Staus zu vermeiden.

Sie plädieren dafür, Tempolimits gezielt einzusetzen. Warum?

Wenn es die Verkehrssituation erfordert, ist beispielsweise Tempo 80 notwendig, um den Verkehr im Fluss zu halten. Das funktioniert besser als bei einem Limit von 130. Eine Möglichkeit sind Systeme an Bord des Autos. Dank derer weiß der Fahrer, dass er in den nächsten Kilometern einen zähfließenden Verkehr zu erwarten hat. Er kann seine Geschwindigkeit anpassen und rast nicht mit 180 Stundenkilometern in einen Stau hinein.