Das Aufnahmelager des Landesamtes für Gesundheit und Soziales in Moabit hoffnungslos überfüllt, tausende Flüchtlinge auf dem nackten Boden, übermüdete Familien mit kleinen Kindern in den Grünanlagen, zu wenig Nahrung, Getränke, Medikamente. Noch heute hat Annika Reich (45) dieses chaotische Bild aus dem Sommer 2015 vor Augen. „Es war ein Moment in meinem Leben, in dem ich so erschüttert war, dass meine Sicht auf die Welt und mein eigener Standpunkt verrutscht sind“, erinnert sich die Schriftstellerin. Spontan beschließen sie und ihre Mitstreiterinnen: „Wir tun was!“ „Die 100 Frauen“ von Berlin im Alter zwischen 25 und 85 Jahren gründen ein Aktionsbündnis („Wir machen das“), das den Gestrandeten einen Anker bietet. Sie nehmen Flüchtlinge bei sich auf, kümmern sich um Formalitäten, organisieren Kleiderspenden und sammeln Geld.

Gut drei Jahre später ist Annika Reich fast etwas euphorisch: Gerade ist ein Buch mit Texten von Autoren aus Krisengebieten herausgekommen – Lyrik, Prosa und Essays von Geflüchteten aus dem Nahen Osten in deutscher Übersetzung. Der Titel: „Das Herz verlässt keinen Ort, an dem es hängt.“ Die Präsentation im Berliner Literaturhaus war berührend, Reichs Initiative „Weiter schreiben“ ist ein großer Erfolg. Der Verein fördert 20 Frauen und Männer, die ihre Heimat verlassen haben, weil sie verfolgt, bedroht oder vertrieben wurden. Es gibt eine lange Warteliste.

Deutsche „Tandempartner“ sorgen dafür, dass die Emigranten auch hier weiter schreiben können. Sie knüpfen Kontakte zu Übersetzern und Verlagen, zu Stiftungen und Lesebühnen. Inzwischen gibt es unter den „Writers in Exil“ schon ein paar Arrivierte wie Ramy Al-Asheq (39), „unseren Tausendsassa“, wie Annika Reich den syrisch-palästinensischen Lyriker nennt. „Ich bin genauso wie mein Vater als Flüchtling geboren“, sagt der seit 2014 in Deutschland lebende Autor, Blogger und Journalist. „Ich bin kein Syrer, kein Palästinenser, kein Deutscher.“ Mit dem Wort „Flüchtling“ hat Al-Asheq, Initiator der Deutsch-Arabischen Literaturtage, kein Problem, aber: „Das ist nicht meine Identität, sondern beschreibt nur die Situation, in der ich mich befinde.“

In einem Gedicht hat er die Zeit nach seiner Haft in Damaskus festgehalten: „Du warst ein Vogel/bist ausgewandert in ein anderes Land/das die Sprache nicht begreift/Die du zwitscherst.“

Auch Widad Nabi (33) wird immer wieder von ihren Erinnerungen heimgesucht, in Träumen von ihrer früheren Heimatstadt Aleppo: „Ich wäre jederzeit bereit, eines Tages unser Haus dort zu besuchen, selbst wenn alles, an das ich mich erinnere, in Trümmern läge.“ Die syrisch-kurdische Dichterin flüchtete 2015 aus der Kriegsregion und landete in Berlin, wo sie sich inzwischen heimisch fühlt. In ihrem Beitrag für die Textsammlung der „Weiter schreiben“-Autoren zitiert sie Jean Paul: „Die Erinnerung ist das einzige Paradies, aus dem wir nicht vertrieben werden können.“

Jetzt wisse sie: „Ich habe in Berlin eine Heimat und ein Exil aus Erinnerungen.“ Und doch holt die Vergangenheit sie immer wieder ein. Als ein Schauspieler in einem Theaterstück über Aleppo im Berliner „Haus der Kulturen der Welt“ von Al-Ashrafia berichtet, einem ihr vertrauten Stadtviertel, kommen Widad Nabi die Tränen: „Natürlich sehne ich mich nach meinem Land und dem Leben dort.“

Selbst Ungarn legt ihnen Fesseln an

Berlin als Zufluchtsort. Immer öfter zieht es kritische Geister hierher, Künstler und Journalisten, Menschenrechtler und Politiker, denen Berufsverbot oder Gefängnis drohen, im Extremfall Folter oder Tod. Eine offizielle Statistik gibt es nicht, aber Experten schätzen die Zahl der Exilanten aus Kriegsregionen und Autokratien auf einige hundert. Der Senat stellt jährlich eine halbe Million Euro für Oppositionelle und Verfolgte zur Verfügung, für Stipendien oder Wohnungen. An der Spree winke den Freiheitskämpfern aus aller Welt ein sicherer Hafen, sagt ein Sprecher des Bundesverbandes Deutscher Stiftungen. Die Anziehungskraft Berlins – für die früher geteilte Stadt ein „enormer Glücksfall“.

Der Verband hat ein „Willkommensprogramm“ für Nichtregierungsorganisationen aufgelegt, die Exilanten aus Osteuropa und der Türkei, aus Aserbeid­schan und dem Iran, aus Vietnam und Russland betreuen. Die Hilfe reicht von der Rechtsberatung bis zur Suche nach Kitaplätzen. Vor wenigen Monaten kamen die fast 90 Mitarbeiter der „Open Society Foundations“ samt Familien aus Budapest nach Berlin. Von Ungarns Hauptstadt aus hatte die von US-Milliardär George Soros gegründete Organisation internationale Projekte für Menschenrechte und Pressefreiheit finanziert, bis auf Betreiben von Ministerpräsident Viktor Orban ein Gesetz erlassen wurde, das gemeinnützigen Stiftungen aus dem Ausland Fesseln anlegt.

Frei atmen und ungehindert arbeiten zu können, nicht weiter ausgegrenzt und schikaniert zu werden – dieses Motiv vereint die Exilanten von Berlin. Der chinesische Künstler und Regimekritiker Ai Weiwei kam 2015 und eröffnete in Prenzlauer Berg sein Atelier, das er behalten wird, auch wenn er in diesem Jahr nach New York zieht. Can Dündar, der von der Türkei zum Staatsfeind erklärte Ex-Chefredakteur der Tageszeitung „Cumhuriyet“, flüchtete vor zwei Jahren nach Berlin, wo er seither für seine Internetplattform „Özgürüz“ schreibt und unter Polizeischutz lebt.

Dutzende andere, weniger prominente Dissidenten sind in Berlin sesshaft geworden – in der Hoffnung, dass sich die politischen Verhältnisse in ihren Heimatländern ändern, bisweilen ohne realistische Aussicht auf Rückkehr. So würde Sinan Önal, Funktionär der türkisch-kurdischen Partei HDP, sofort festgenommen, käme er auf die Idee, nach Ankara zu fliegen. Also bleibt der 2017 mit einem Studentenvisum nach Deutschland ausgereiste Politikwissenschaftler vorerst in Berlin. Ebenso die russische Journalistin Olga Romanowa, die mit ihrer Bürgerrechtsorganisation „Rus sidjaschaja“ ins Visier der regimetreuen Moskauer Justiz geraten war und in der deutschen Multikulti-Metropole nun einen Videokanal für Menschenrechtsfragen aufbaut.

Die Weltoffenheit Berlins, die vielfältige Gründer-, Kultur- und Wissenschaftsszene, die Chance, sich hier angstfrei mit zahlreichen Gleichgesinnten aus allen Himmelsrichtungen zu vernetzen, das staatliche und zivilgesellschaftliche Förderangebot – das alles erhöht den Reiz der deutschen Hauptstadt für Exilanten rund um den Globus.

Das hat Tradition. Schon im 17. Jahrhundert flohen protestantische Hugenotten aus dem katholischen Frankreich nach Berlin, vor über 100 Jahren machten russische Juden durch ihre Flucht vor Pogromen aus dem bürgerlichen Westen der Stadt das legendäre „Charlottengrad“. Aus ganz Osteuropa siedelten Verfolgte ins „Scheunenviertel“ unweit des Alexanderplatzes um, in der zweiten Hälfte des letzten Jahrhunderts viele Oppositionelle aus dem Mittleren Osten.

Auch zwei zeitgenössische Schriftstellerinnen, die es nach Berlin verschlug, haben die Vorteile eines freien Lebens fern ihrer Heimat zu schätzen gelernt. Deborah Feldman (32) entfloh zusammen mit ihrem Sohn der Enge ihrer ultraorthodoxen jüdischen Gemeinde in den USA und notiert in ihrem Bestseller „Unorthodox“, was sie in Berlin gefunden hat: „Diese Stadt ist ein Zuhause für diejenigen, die keines haben, ein Ort, an dem sogar diejenigen Wurzeln schlagen, die scheinbar gar keine entwickeln können.“

Nobelpreisträgerin Herta Müller, die vor 31 Jahren aus Rumänien nach Berlin kam, sieht in der Stadt einen Brückenkopf nach Osteuropa – und zugleich „zurück in die deutsche Geschichte, in die Zeit der Angst, als Hunderttausende vor den Nazis fliehen mussten“.

So ist es denn auch kein Zufall, dass parallel zur aktuellen Zuwanderung von Bedrängten und Andersdenkenden nach Berlin die Idee eines Exilmuseums in der Hauptstadt Gestalt annimmt, das den aus dem Dritten Reich getriebenen Künstlern und Intellektuellen ein Denkmal setzen soll, deutschen Emigranten von Max Beckmann bis Paul Klee, von Max Ernst bis George Grosz. Ein geeignetes Grundstück an der Portalruine des Anhalter Bahnhofs ist gefunden, zur Finanzierung des 30 Millionen teuren Neubaus ist der Grundstock gelegt: 6,3 Millionen Euro erbrachte eine Auktion, für die der
Berliner Kunsthändler Bernd Schultz
400 Zeichnungen aus seinem Privat­besitz gestiftet hatte. 2023 soll das neue Exilmuseum eröffnen. Den Anstoß gab ­übrigens Herta Müller, die heute wohl berühmteste Exilantin der Stadt und eine europäische Brückenbauerin ersten ­Ranges.