Erderwärmung Geo-Engineering: Basteln am Klima

Ein Traktor fährt durch ein Rapsfeld in Sachsen-Anhalt. Um der Atmosphäre Kohlendioxid zu entziehen, können Energiepflanzen verbrannt und das entstehende CO2 abgesaugt werden.
Ein Traktor fährt durch ein Rapsfeld in Sachsen-Anhalt. Um der Atmosphäre Kohlendioxid zu entziehen, können Energiepflanzen verbrannt und das entstehende CO2 abgesaugt werden. © Foto: Jens Wolf/dpa-Zentralbild/dpa
Berlin / Von Igor Steinle 22.10.2018

Der Bericht sorgte weltweit für Wirbel: Um die Folgen des Klimawandels beherrschbar zu halten, muss die Erderwärmung auf höchstens 1,5 Grad im Vergleich zur vorindustriellen Zeit begrenzt werden, empfiehlt der Weltklimarat IPCC in seiner neuesten Studie. Ansonsten drohen Hitze, Dürre und Starkregen die Erde auf den Kopf zu stellen. Die Wissenschaftler haben ausgearbeitet, wie das Ziel zu erreichen ist. Eines der Kernergebnisse: Kohlendioxid einzusparen alleine reicht bei weitem nicht mehr aus – ohne die Entnahme von CO2 aus der Atmosphäre mit Hilfe des sogenanntem Geo-Engineering ist selbst das im Pariser Klimaabkommen angepeilte Zwei-Grad-Ziel nicht zu halten.

„Je länger die Welt mit ambitionierten Maßnahmen zum Klimaschutz wartet, desto entscheidender wird die Bedeutung von CO2-Entnahme-Technologien“, sagt Klimawissenschaftlerin und IPCC-Autorin Sabine Fuss. Das Ausmaß des Einsatzes könne zwar durch vermehrte Klimaschutzanstrengungen verringert werden, sagt die Forscherin des Mercator Research Institute. Doch gibt es inzwischen erhebliche Zweifel am Willen der Bundesregierung, massiv CO2 einzusparen.

Unter Geo-Engineering versteht man Technologien, die das Klima abkühlen sollen. So wurde in Experimenten die Möglichkeit nachgewiesen, CO2 direkt aus der Luft zu saugen, um es dann entweder in Brennstoff-Pellets umzuwandeln oder klimaneutral unter Tage zu speichern. Ein von Microsoft-Gründer Bill Gates unterstütztes Unternehmen hat für dieses Verfahren 2015 eine Pilotanlage in Kanada errichtet.

Ähnlich funktioniert das BECCS-Verfahren („Bioenergy with carbon capture and storage“). Praktisch alle Klimamodelle weisen ihm eine entscheidende Rolle zu. Dabei werden Bäume oder Energiepflanzen wie Raps, Zuckerrohr oder Mais angebaut, die während ihres Wachstums der Atmosphäre CO2 entziehen. Wenn die Pflanzen dann zur Energiegewinnung verbrannt werden, wird das frei werdende Kohlendioxid aufgefangen und gespeichert.

Doch sind die Eingriffe allesamt hoch umstritten. So wurde eine weitere Methode, die Eisendüngung der Meere, erst diese Woche vom Bundestag verboten. Mit ihr wird das Wachstum von Phytoplankton mit Eisensulfat angeregt. Dabei handelt es sich um mikroskopisch kleine Meerespflanzen, die CO2 binden und so helfen, das Klima abzukühlen. Wissenschaftler befürchten allerdings, dass die Methode unerwünschte Nebenwirkungen mit sich bringt. „Todeszonen“ in den Weltmeeren etwa, in denen aufgrund des Sauerstoff-Verbrauchs des Planktons kein Leben mehr gedeiht.

Doch ist das noch nicht mal die kontroverseste Geo-Engineering-Methode. Noch umstrittener ist das Umleiten von Sonnenstrahlung. Ballons oder Flugzeuge bringen dafür kleine Partikel in der Stratosphäre hoch über der Erde aus. Ziel: Die Partikel sollen wirken wie Asche nach einem Vulkanausbruch, die Sonnenstrahlen reflektieren und so für eine Abkühlung der Atmosphäre sorgen. Kritiker halten diese Strategie jedoch Bastelei mit unkontrollierbaren Folgen. „Wir sollten auf keinen Fall irgendwelche Frankenstein-Technologien ins Spiel bringen, die wir nicht beherrschen können“, warnt der ehemalige Leiter des Potsdamer Instituts für Klimafolgenforschung, Hans Joachim Schellnhuber.

So ist neben den unberechenbaren Nebenwirkungen auch völlig unklar, ob die Techniken langfristig überhaupt etwas bringen. Es gibt „bisher keine Erfahrungen bezüglich Machbarkeit und Nachhaltigkeit“, gibt der Geo-Engineering-Experte Andreas Oschlies vom Kieler Helmholtz-Zentrum für Ozeanforschung „Geomar“ zu bedenken. Es sei deswegen ein Problem, dass diese Technologien schon jetzt als Lösungen diskutiert werden.

Denn ebenfalls in den Sternen steht, ob die Entnahme von CO2 überhaupt finanzierbar ist. Optimistische Geo-Ingenieure gehen davon aus, dass sich Kohlendioxid für 100 bis 200 Dollar je Tonne aus der Luft fischen lässt. Berücksichtigt man jedoch, dass für einen spürbaren Effekt Gigatonnen an CO2 aus der Atmosphäre entfernen werden müssten und pessimistischere Ingenieure einen Preis von 1000 Dollar je Tonne für möglich halten, landet man schnell bei sehr hohen Summen.

Angesichts dieser Fallstricke scheut sich die Bundesregierung, Geo-Engineering in ihre Klimapolitik aufzunehmen. „Die Bundesregierung setzt ausschließlich auf die Minderung von Treibhausgasemissionen sowie auf Anpassungsmaßnahmen“, heißt es beim Umweltministerium. Kritiker würden sagen, dass auch davon nicht viel zu sehen ist.

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