Alte Pracht und neue Zurückhaltung stoßen aneinander. Auf der Rückseite des prächtigen Trierer Doms, im Generalvikariat, hat Bischof Stephan Ackermann sein Büro; überschaubar, ohne repräsentativen Glanz. Abgehobenheit ist so ziemlich das Letzte, was einem zum 55-Jährigen im Dienst-Schwarz einfallen würde. Als Missbrauchsbeauftragter der katholischen Kirche watet Ackermann seit Jahren im Kirchensumpf. Das hat ihn geprägt.

Herr Bischof Ackermann, seit acht Jahren beschäftigen Sie sich intensiv mit dem
Thema Missbrauch. Wie geht es Ihnen?

Das Thema begleitet mich jeden Tag. Kardinal Reinhard Marx hat mir vor kurzem gesagt: Das wird dein Lebensthema. Das klang irgendwie erschreckend – und ich hätte mir das vor Jahren auch nicht vorstellen können. Doch das Thema bleibt mir, wobei es sich natürlich weiterentwickelt. Es ist für mich zum Lebensthema geworden. Ich bin hinein gewachsen, auch in die Verpflichtung gegenüber Betroffenen.

Hat Sie diese Aufgabe verändert?

Ja, auf jeden Fall. Sie hat mich sensibilisiert für Fragen der Macht und des Machtmissbrauchs und zwar nicht nur in Bezug auf physische oder sexuelle Gewalt. Missbrauch wird auch ausgeübt durch psychischen Druck oder ein problematisches Amtsverständnis. Kleriker haben Macht. Nur haben wir uns bisher gescheut, offen darüber zu sprechen und auch die dunkle Seite bewusst anzuschauen. Gerade geschlossene Systeme sind für Machtmissbrauch anfällig.

Wie schützen Sie sich vor Abstumpfung?

Mir hilft eine Art Professionalisierung. Natürlich habe ich mit der Zeit auch gelernt, mich abzugrenzen gegenüber aggressivem Verhalten, wenn Menschen mich beschimpfen, weil ich für das System stehe, in dem das Unrecht verübt wurde, oder wenn von mir Dinge erwartet werden, die ich nicht erfüllen kann.

Zum Beispiel?

Ich denke an Situationen, in denen Betroffene von mir schneller Hilfe für sich erwarten, ich aber gar kein Durchgriffsrecht gegenüber bestimmten kirchlichen Personen und Einrichtungen habe. Da muss ich Grenzen ziehen. Doch Abstumpfung bedeutet das nicht. Denn es geht bei diesem Thema ja immer um ganz individuelle Biografien und Lebensverläufe. Ich bin ja Priester geworden, um Seelsorger zu sein, also jemand, der Menschen begleiten will. Zu einem Seelsorger gehört es, sich immer wieder neu auf Menschen einzustellen. Das ist beim Thema Missbrauch in besonderer Weise gefordert. Wenn ich von neuem Leid erfahre, führt das immer wieder auch zu neuem Erschrecken. Auch das verhindert Abstumpfung.

Panama-Stadt

Was haben Sie in den vergangenen Jahren über Ihre Amtskollegen gelernt?

Dass Bischöfe mindestens auf zwei Schultern tragen. Bischöfe sind einerseits Seelsorger und damit auf den einzelnen Menschen ausgerichtet. Im Bischofsamt sind sie aber auch sehr stark identifiziert mit der Kirche. Von ihnen wird eine hohe Loyalität erwartet – und die bringen wir auch. Jeder Bischof steht damit vor der Frage: Wie finde ich zu einer identifizierten, loyalen aber auch selbstkritischen Haltung gegenüber Kirche und Amt? Dass Loyalität zur Kirche auch heißen kann, kritisch zu sein, war uns Bischöfen zwar im Kopf klar, aber wir mussten es existenziell doch neu lernen. Das haben wir alle durchgemacht – in unterschiedlichen Geschwindigkeiten.

Sie haben von Ihren Amtskollegen gefordert, das Thema Missbrauch zur Chefsache zu machen. Ist das angekommen?

Die Missbrauchsstudie, die im Auftrag der Deutschen Bischofskonferenz von Wissenschaftlern aus Mannheim, Heidelberg und Gießen erarbeitet wurde, hat noch einmal einen Schub gegeben. Seit das Thema 2010 in die Öffentlichkeit kam, haben wir Ansprechpartner bestimmt, Leitlinien für Verdachtsfälle und die Prävention verabschiedet, Prozeduren zur Intervention eingerichtet und Verantwortlichkeiten unterhalb der Ebene der Bischöfe benannt. Dadurch rückte das Thema wieder ein Stück weg von den alltäglichen Aufgaben, die jeder Bischof hat. Und: In der Maschinerie des Alltags besteht die Gefahr, dass das Thema mit der Zeit routinemäßig abgehandelt wird, nicht zuletzt auch deshalb, weil es so schmerzhaft ist. Deshalb braucht es immer wieder neu die besondere Aufmerksamkeit des Bischofs.

Bischof Stephan Ackermann im Gespräch mit Redakteurin Elisabeth Zoll.
© Foto: Judith Rupp

Welche konkreten Schritte kann die Öffentlichkeit jetzt erwarten?

Wir haben beschlossen, die Empfehlungen der Forscher als „Marschroute“ zu nehmen. Sie besteht aus zwei Spuren. Wir hinterfragen schon bestehende Maßnahmen, etwa: Wie ermöglichen wir für Betroffene noch unabhängigere Ansprechpartner als bisher? Wie entwickeln wir unser System der materiellen Anerkennung weiter, um eine höhere Zufriedenheit zu erreichen? Auch den Umgang mit Personalakten vereinheitlichen wir. Prävention und Intervention versuchen wir laufend zu verbessern. Doch die Forscher haben uns auch gesagt: Es reicht nicht nur Bereiche zu verbessern, die direkt mit Missbrauch zu tun haben.

Sondern?

Wir müssen auch auf übergeordnete Risikokonstellationen schauen, die mit Strukturen und Kultur der Kirche zu tun haben: das Amtsverständnis, die Sexualmoral, das Kirchenbild, unser Ausbildungssystem der künftigen Priester. Auch wollen wir unabhängig prüfen lassen, wie Bischöfe und andere Kirchenobere in der Vergangenheit ihre Verantwortung wahrgenommen haben oder auch nicht. Das wird uns über Jahre beschäftigen.

Spielt dabei auch der Zölibat eine Rolle – und sind da Veränderungen zu erwarten?

Ich fand bemerkenswert, dass die Forscher betont haben, dass der Zölibat nicht per se der Auslöser von Missbrauch ist. Das würde ja auch dem Befund widersprechen, dass Missbrauch am häufigsten im familiären Umfeld geschieht. Doch die Forscher haben auch gesagt: In Kombination mit bestimmten Faktoren wird der Zölibat zum Risiko. Deshalb ist die Auswahl, die Ausbildung und die Begleitung von Priestern so wichtig. Zum Zölibat gehört eigentlich eine gemeinschaftliche Form des Lebens, wenn auch nicht in Form einer eigenen Familie. Wenn die Kirche am Zölibat festhält, muss sie Möglichkeiten aufzeigen, wie der Zölibat gelebt werden kann, auch um den Einzelnen vor Ausbrennen, dem Abgleiten in Sucht oder Einsamkeit zu schützen.

Wie stehen Sie persönlich zum Zölibat?

Ich halte ihn für den Dienst des Priesters für eine wertvolle Lebensform. Es wäre naiv zu denken, dass wir vor Missbrauch sicher wären, wenn wir nur den Zölibat über Bord werfen. Es ist nicht damit getan, Rom zu überzeugen, den Zölibat freizugeben. Im Übrigen bin ich der Überzeugung: Wenn der Zölibat einfach freigegeben wird, wird diese Lebensform verschwinden. Denn wer dann zölibatär lebt, kommt schnell in den Verdacht, dass bei ihm etwas „nicht stimmt“. Bisher übernimmt die Kirche mit ihrer Tradition die Beweislast für die Sinnhaftigkeit des Zölibats. Wird der Zölibat zu einer rein individuellen Entscheidung, dann trägt der Einzelne die Last zu begründen, warum er sich dafür entschieden hat.

Im Februar hat Papst Franziskus die Vorsitzenden der Bischofskonferenzen nach Rom gebeten. Wird das den Druck verstärken?

In Deutschland stehen wir seit Jahren unter Druck. Und man muss ehrlich zugeben: Hätten Öffentlichkeit und Medien nicht diesen Druck ausgeübt, wären wir nicht soweit. Der Weltkirche schlägt momentan jedoch weniger von Deutschland als von der US-amerikanischen Kirche her der Wind ins Gesicht. Dort scheinen mir die Auseinandersetzungen mit dem Thema noch härter und die Bischöfe untereinander polarisierter. Insgesamt sehen wir, dass die kulturellen und nationalen Kontexte innerhalb der Weltkirche sehr unterschiedlich sind.

Was wäre ein gutes Ergebnis des Treffens?

Wenn Papst Franziskus es mit seiner Autorität schafft, die Bischöfe zu verpflichten, sich dem Thema Missbrauch opferorientiert zu stellen und nicht das Ansehen der Kirche an die erste Stelle zu setzen, wäre das ein wichtiger Schritt. Auch eine verbindliche Verpflichtung zu Prävention wäre gut. Daneben brauchen wir Änderungen im kirchlichen Strafrecht: So bin ich für die Einrichtung von spezialisierten Gerichtshöfen, in denen aber nicht nur wie bisher Kleriker über Kleriker richten.

Nachrichten über sexuelle Vergehen von Klerikern werden noch jahrelang auftauchen – und Menschen erschüttern. Gibt es die
katholische Kirche in 20 Jahren noch?

Ja sicher. Doch die Kirche wird verändert sein. Die Frage ist: Wie stellen wir uns darauf ein, dass das Thema präsent bleibt? Und was sagt das über unser Selbstverständnis von Kirche als „heilige Gemeinschaft“? Wir müssen davon ausgehen, dass wir uns als Kirche über Jahre gegenüber der Öffentlichkeit in einer Art „Schuldkapitel“ befinden und das Dunkle immer wieder nach vorne drängt.

Kräfte um US-Präsident Donald Trump wollen diesen Papst schwächen. Wird dazu auch das Thema Missbrauch instrumentalisiert?

Damit ist zu rechnen. Doch das darf uns nicht davon abhalten, uns dem Thema zu stellen. Wir bleiben in der Pflicht.

Was haben Sie im Umgang mit Betroffenen gelernt?

Ich habe gelernt, Angst abzulegen vor dem Thema und vor Gesprächen, bei denen man vorher nicht weiß, wie das Gegenüber reagiert. Deutlich geworden ist mir auch, wie wichtig es ist, ehrlich zu bleiben – im Umgang mit Betroffenen, aber auch mir gegenüber.

Treten die Betroffenen allesamt aus Wut und Enttäuschung aus der Kirche aus?

Es gibt Menschen, die den Glauben verloren haben und aus der Kirche ausgetreten sind. Für manche reicht es, Kirchenglocken zu hören, damit Erlebtes angetriggert wird. Aber es gibt auch Betroffene, die sich mit dem Geschehenen ausgesöhnt haben. Auch das durfte ich erfahren. Ich habe Menschen getroffen, die trotz der schlimmen Erfahrungen nie von der Kirche gelassen haben. Sie haben mir gesagt, wenn sie den Glauben nicht gehabt hätten, wäre für sie alles noch schlimmer gewesen.

Hat die Aufgabe des Missbrauchsbeauftragten Ihren eigenen Glauben verändert?

Nicht den Glauben an sich, aber ich höre heute stärker Jesus Stimme in den Opfern. Bei Menschen, die so ohnmächtig waren, nehme ich eine besondere Nähe zu Jesus wahr. Die Botschaft Gottes ist auch dort lebendig, wo Menschen zur Stummheit verurteilt sind, selbst keine Worte haben, um sich zu artikulieren. Und doch spricht Gott durch sie. Das gehört für mich zu den wichtigen Lernerfahrungen der letzten Jahre.

Das könnte dich auch interessieren

Ein Bischof, der als fortschrittlich gilt


46 Jahre war Stephan Ackermann, als er 2009 zum Bischof in Trier berufen wurde. Zeit, sich in sein Amt einzuarbeiten, blieb ihm kaum. Als 2010 der Jesuitenpater Klaus Mertes sexuelle Gewalt von Klerikern gegenüber Jugendlichen am katholischen Canisius Kolleg in Berlin öffentlich machte, wurde Ackermann bald zum Missbrauchsbeauftragten der katholischen Kirche. Ackermann gilt als fortschrittlich: Er fordert von der Kirche auch, sich neu mit wiederverheiratet Geschiedenen auseinanderzusetzen und erklärt gegenüber Homosexuellen, wenn sie sich in Treue und Verantwortung zueinander bekennen, könne die Kirche dieses Verantwortungsbewusstsein nicht ignorieren.