Es gibt unter Journalistenkollegen eine Phrase, die immer dann angewandt wird, wenn ein Kollege während seiner Recherche an eine Grenze stößt: „Du hast die Geschichte tot recherchiert.“ Es ist das Eingeständnis, dass etwas ganz anders funktioniert als die Idee, die zu Beginn der Story in den Köpfen der Redaktion herumspukte.

Im Grunde ist es ein Kompliment: Der Journalist hat so lange nachgefragt, telefoniert, Menschen getroffen, Daten geprüft, bis er der Wahrheit auf die Spur gekommen ist. Und das ist mitunter eine gänzlich unerwartete Wahrheit.

Der Spiegel-Reporter Claas Relotius hat nie eine Geschichte „tot recherchiert“. Er hat eine eigene Welt erschaffen. Eine, die fragmentarisch mit der Wahrheit spielte, sie mit Fantasiegestalten und frei erfundenen Ereignissen anreicherte, um am Ende zu perfekten Story zu gelangen. Genial aufgeschrieben, perfekt inszeniert. Mit gerade 33 Jahren hatte der Reporter Relotius dafür bereits vier Journalistenpreise erhalten.

Für den „Spiegel“ ist der Fall eine Katastrophe. Das zu einer Ikone erhobene Motto des Gründers Rudolf Augstein „Sagen, was ist“ in den Dreck gezogen, umgedeutet in „Sagen, was ich glaube“ – ärger kann die Integrität eines Blattes nicht getroffen werden. Zumal, wenn es für sich in Anspruch nimmt, den investigativen Journalismus in der Bundesrepublik überhaupt erst begründet zu haben. Es wird Jahre brauchen, bis sich die Redaktion von diesem Schlag erholt hat.

Doch das gilt für die gesamte Branche. Dabei geht es nicht allein um die Frage, wie ein Fall Claas Relotius in Zukunft verhindert werden kann. Wenn selbst die 60-köpfige Dokumentationsabteilung eines „Spiegel“ damit überfordert war, muss man eingestehen, dass kriminelle Energie nicht immer auszuschalten ist. Claas Relotius war, so lässt es sich zumindest aus den Veröffentlichungen des „Spiegel“ ablesen, ein gewiefter Betrüger, ein Hochstapler. Nicht besser als Finanzjongleure oder Baulöwen, die das Geld ihrer Anleger veruntreuen.

Aber die Frage bleibt: Warum haben wir, die Journalisten, uns so gerne betrügen lassen? Weil das, was Relotius lieferte, so perfekt in unsere Welt passte. Im März 2017 schrieb der Reporter eine Geschichte über Fergus Falls, einen Ort in Minnesota. Eine Story aus der Sicht derer, die Donald Trump gewählt hatten, so der Auftrag der Spiegel-Chefredaktion.

Relotius lieferte erwartungsgemäß: das verzerrte Bild einer Kleinstadt, die Trump verfallen ist. Zu perfekt, zu schön, um sie in Frage zu stellen. Anderthalb Jahre lang schrieben zwei Bewohner von Fergus Falls an die Redaktion des „Spiegel“, beklagten die erschreckenden Unwahrheiten des Berichts. Sie blieben ungehört – bis Relotius aufflog.

Das ist das eigentlich Erschreckende am diesem Fall: Auch unter Journalisten treten differenzierte Töne immer mehr in den Hintergrund. Sie stören und zerstören eigene Vorurteile und sind schlecht für die Auflage. Diese Haltung hat Claas Relotius das Spiel so einfach gemacht. Er hat einfach geliefert – und alle haben applaudiert.

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