Ein winziger Punkt im tiefblauen Mittelmeer. Aus rund fünfhundert Metern Höhe ist er mit bloßem Auge kaum zu erkennen. „Wir müssen weiter runter“, sagt Neeske Beckmann und lässt das große Fernglas nach unten gleiten. Ihren Blick wendet sie nicht ab. Pilot Manos Radisoglou reagiert sofort. Das Kleinflugzeug kippt nach rechts. Schräglage. Die Cirrus SR22 kreiselt kontrolliert nach unten. Das Wasser kommt näher.
In den seichten Wellen treibt eine orangefarbene Schwimmweste. „Vor einer Woche hat die Crew eine Leiche gefunden“, sagt Beckmann, die den Sucheinsatz leitet. „Sie trieb im Wasser.“ Ihre Stimme ist ruhig. Pilot Radisoglou steuert die „Moonbird“ wieder nach oben, gen Wolkendecke.

Jeder Fünfte stirbt

Neeske Beckmann ist 29 Jahre alt. Blonde Haare, Dreadlocks. Sie kommt aus Hildesheim und ist Seenotretterin. Seit diesem Sommer engagiert sie sich bei „Sea-Watch“, war zuvor bei „Lifeline“. Beides sind deutsche Organisationen, die schiffbrüchige Flüchtlinge aus dem Mittelmeer retten. Unabhängig von der Regierung, finanziert durch Spenden. Die letzte Sea-Watch-Mission auf dem Meer war im Juni, bevor ihr Rettungsschiff mehrere Monate im Hafen von Valletta lag. Die maltesische Regierung erteilte keine Genehmigung zum Auslaufen. Auch anderen Nichtregierungsorganisationen (NGO) erging es so. Zwangspause. Deshalb macht Sea-Watch seine jüngsten Missionen aus der Luft. Ihre Suchflugzeuge, eines ist die „Moonbird“, fliegen regelmäßig. Um Boote ausfindig zu machen, Rettungen zu veranlassen und auch, um zu dokumentieren, was an der Seegrenze zwischen Afrika und Europa passiert.

Auf Gummibooten nach Europa

„Die Gummiboote legen trotzdem ab“, sagt Beckmann. Von der libyschen Küste aus wagen die Flüchtenden die Überfahrt. Sie wollen nach Lampedusa, der italienischen Insel, die rund 300 Kilometer vom libyschen Festland entfernt liegt. Oder nach Malta, etwa 350 Kilometer Seeweg. Es ist ein gefährliches Unterfangen mit den überfüllten und meist hochseeuntauglichen Booten. Doch wenn sie Glück haben werden sie gerettet. Von der italienischen Küstenwache, einem Tanker, oder von Seenotrettern.
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Einer von fünf Flüchtlingen stirbt im Mittelmeer, das ist das Ergebnis einer aktuellen Studie des „Italian Institute for International Political Studies“. Laut Flüchtlingshilfswerk UNHCR sind 2018 bislang 1600 Menschen bei der Überfahrt umgekommen. Die Dunkelziffer dürfte um einiges höher liegen. Nach Angaben der Seenotretter  waren humanitäre Hilfsorganisationen allein im vergangenen Jahr an der Rettung von 46 000 Menschen beteiligt.

1600 Flüchtende ertrunken

Knapp zwei Stunden ist die Crew in der Luft. „Dort hinten sieht man Tripolis“, sagt Beckmann und deutet gen Horizont. Ihre Flugroute läuft parallel zur libyschen Küste. Von Zuwara im Westen nach Misrata im Osten und wieder zurück. „Wir sind jetzt etwa 70 Meilen vom Festland entfernt“, sagt Pilot Radisoglou – und damit mitten in der Suchzone.
Der 30-Jährige arbeitet als Flugloste in Frankfurt. Seit 2017 ist er ehrenamtlicher Seenotretter. „Ich war schon immer politisch, aber das Ganze hat mich erst richtig geprägt“, sagt er. Beckmann nickt, unter ihrem orangefarbenen Overall trägt sie ein schwarzes Top. „Kein Mensch ist illegal“, steht darauf. Sie erzählt von den Vorwürfen, denen die Seenotretter ausgesetzt sind. Aus rechtspopulistischen Kreisen heiße es, ihre Arbeit unterstütze die sogenannten Schlepper. Das sei Quatsch, sagt sie. „Unser Engagement ist eine Reaktion, auf das was sich seit drei Jahren im Mittelmeer abspielt.“
An diesem Vormittag ist die Wahrscheinlichkeit groß, dass die Gummiboote – „rubber boats“ – an der libyschen Küste abgelegt haben. „Heute ist Migrationswetter“, sagt Beckmann. Davon sprechen die Aktivisten, wenn die See ruhig, das Wetter nicht stürmisch ist. „Die Wellen sind dann in der Regel nicht höher als einen halben Meter“, sagt die 29-Jährige. Den Seegang haben Beckmann und Radisoglou vor dem Flug am Handy geprüft. Dann gerechnet: Wie viele Seemeilen können die Boote hinter sich gebracht haben? Meist gegen Mitternacht schicken die Schlepper sie los.

Italien ist überfordert

Die Mittelmeerstaaten sind durch den anhaltenden Zustrom überfordert. Ihre Küstenwachen sollen die Menschen retten, ihre Städte müssen die an Land gekommenen Flüchtlinge aufnehmen und versorgen. Das Dublin-Abkommen will es so. Denn dort, wo ein Geflüchteter das erste Mal europäischen Boden unter den Füßen hat, muss er seinen Asyl-Antrag stellen. „Es fehlt vor allem der politische Wille die Situation zu ändern“, sagt Beckmann. Sie übt zwar Kritik an Malta und Italien, weil die beiden Staaten in den letzten Monaten massiv gegen die zivile Seenotrettung agiert haben. In der Verantwortung sieht sie aber die Europäische Union. Es passiere zu wenig, es mangele an Rückhalt und vor allem an Solidarität. Das sei zermürbend, Sea-Watch und Co. machen trotzdem weiter.

Kein Anzeichen auf Flüchtlingsboote

 „Target auf 11 Uhr“, Radisoglou deutet nach vorne. Beckmann presst das Fernglas vors Gesicht. „Das würde ich mir gerne genauer anschauen“, sagt die 29-Jährige routiniert. Ein Schiff ist erkennbar, mit Kran und Netzen. „Nur ein Fischerboot.“ Entwarnung. Bei dieser Mission fanden die Seenotretter weder Flüchtlingsboote noch Schiffbrüchige. Das sei erst mal ein gutes Zeichen, meint der Pilot. Möglich ist aber auch, dass sie in dem 10 000 Quadratmeter großen Suchgebiet etwas übersehen haben. Seit 2017 war die „Moonbird“ an der Rettung von 20 000 Menschen beteiligt. Mindestens 1000 von ihnen hätte man sonst nicht entdeckt. „Das gibt mir das gute Gefühl, dass wir nicht alles falsch gemacht haben“, sagt Radisoglou.
Nach sieben Stunden Flug kehren die beiden in das kleine Haus einer italienischen NGO zurück. Im Wohnzimmer sitzen drei Männer mit dunkler Hautfarbe. Sie wirken müde, rauchen. Ein Kollege zieht Beckmann beiseite: Die Männer seien auf dem Boot gewesen, das zwei Nächste zuvor an der Küste eingetroffen ist. Mit 60 anderen Geflüchteten. Die drei sind gekommen, um den Ehrenamtlichen die Geschichte ihrer Überfahrt zu erzählen. Weil ihnen dort zugehört wird.
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Das zentrale Mittelmeer ist weiterhin die gefährlichste Fluchtroute


Statistik Das zentrale Mittelmeer ist weiterhin die gefährlichste Fluchtroute nach Europa. Zwar nimmt die Zahl der Menschen die über den Seeweg nach Europa flüchten ab (2017: 172 000; 2018 bis August: 58 000), die Todesrate bleibt aber weiterhin hoch. Nach Angaben von UNHCR starben in diesem Jahr bislang 1 600 Menschen. Seit 2014 haben mehr als 17 000 Menschen ihr Leben im zentralen Mittelmeer verloren – und das sind nur die registrierten Fälle.

Italien und Libyen Im Juni sperrte Italien  seine Häfen für die Schiffe von privaten Seenotrettern. Die neue rechtspopulistische Regierung wolle so verhindern, dass weiterhin Flüchtlinge über den Seeweg im Mittelmeerstaat ankommen. Zugleich übertrug Italien der libyschen Küstenwache die Verantwortung für Rettungseinsätze in einer sogenannten SAR-Zone (search and rescue). Die Lage vor der libyschen Küste ist schwierig. Nach Aussage von Hilfsorganisationen sei das Bürgerkriegsland mit dieser Aufgabe überfordert. Dass die Geflüchteten zurück nach Libyen gebracht werden, werten die zivilen Seenotretter als Rechtsbruch. Wer rettet, muss die Menschen an einen sicheren Ort bringen. Das ist in Libyen nicht der Fall, UNHCR berichtet von Missbrauch und Folter in den dortigen Flüchtlingslagern.

Perspektive Vor zwei Wochen hat die „Sea-Watch 3“ die Genehmigung erhalten den Hafen von Malta zu verlassen, nachdem es monatelang von der maltesischen Regierung festgesetzt wurde. Die Begründung: eine fehlerhafte Registrierung des Schiffes, das unter niederländischer Flagge fährt. Das sei, laut Sea-Watch,  nicht der Fall gewesen. Sie bereiten sich jetzt auf ihre nächste Mission vor. Ähnlich erging es dem Schiff von „Mission Lifeline“, einer deutschen Organisation mit Sitz in Dresden. Für Aufsehen sorgte ein Ermittlungsverfahren gegen den Kapitän, Claus-Peter Reisch, das ebenfalls im Juli auf Malta eingeleitet wurde und noch andauert. Mitte Oktober vermeldete „Mission Lifeline“ auf Facebook, dass sie für weitere Missionen ein neues Schiff einsetzen werden. Das Segelboot ist unter deutscher Flagge registriert. dine