Humanitäre Katastrophe in Uganda: Hungrig, krank, verlassen: Für viele der 1,7 Millionen Flüchtlinge ist Europa die allerletzte Rettung
Die Siedlung „Omugo 7“ ist eine Ansammlung feuchter Lehmhütten und Teil des Rhino Camps, eines der größten Flüchtlingslager der Welt. Es liegt in einer sanft geschwungenen Buschlandschaft im Norden Ugandas. Die hellen Strohdächer der Behausungen reichen bis zum Horizont. An manchen Stellen sieht man in der Ferne den Nil silbrig glänzen.
In dieser ostafrikanischen Version vom Ende der Welt leben Flüchtlinge aus dem benachbarten Bürgerkriegsland Süd–Sudan in Hunger und Krankheit, wie Ortsvorsteher Tang Nyuon dem Besucher aus Deutschland erklärt. Unversehens spricht der 43–Jährige davon, nach Europa gehen zu wollen. Er skizziert die Route, erwähnt Kontakte in Libyen und hat Kosten von umgerechnet 4000 Euro errechnet. Ein Vermögen. Aber hier, in der westlichen Nilregion, droht eine humanitäre Katastrophe, und Tang Nyuon spürt das. Der Süd–Sudanese will fort aus dem Land, das ihm einst nach wenigen Tagesmärschen Zuflucht geboten hatte — auch wenn der Weg nach Europa lang, teuer und gefährlich ist und im Nirgendwo enden könnte.
Europa dürfte jedenfalls weder ihn noch die 1,7 Millionen Flüchtlinge in Uganda abweisen. Der Süd–Sudan, die benachbarte Demokratische Republik Kongo und das südlich gelegene Burundi sind keine sicheren Herkunftsstaaten. Immer wieder flackern bürgerkriegsähnliche Konflikte auf, werden Dörfer überfallen, Frauen und Kinder verschleppt, Männer getötet.
Die 16,3 Millionen Menschen, die in Afrika auf der Flucht sind, werden in Europa eher als statistische Größe wahrgenommen. Doch „auch die Ärmsten der Armen können aus politischen oder religiösen Gründen verfolgt werden. Diese haben kaum Chancen auf Asyl, weil sie es erst gar nicht bis nach Europa schaffen“, umreißt Prälat Karl Jüsten, Vertreter der katholischen Bischöfe in Berlin, die Lage. In Europa kommen fast nur die starken und finanziell besser gestellten Flüchtlinge an. Wer kümmert sich um die anderen?

Aus Fetzen haben sich die Flüchtlingskinder einen Ball gebastelt. In ihrer Fantasie ist der Ball echt und sie sind internationale Fußballhelden.
Peter PaulsVerlässlichen Schutz bot bisher Uganda. Der Zustrom an Flüchtlingen hält dort unvermindert an. Wenn sie sich in der dünn besiedelten westlichen Nil–Region niederließen, bekamen sie ein kleines Stück Land und Nahrungsmittelhilfe. Doch diese Willkommenspolitik, über Jahre als Modell gerühmt, steht vor dem Scheitern, warnt Laura Marshall, Landesdirektorin des norwegischen Flüchtlingsrats in Uganda. Sie funktioniert nicht mehr, weil die Kriege in der Ukraine und in Nahost die Kräfte der Vereinten Nationen strapazieren. In der Folge muss das UN–Flüchtlingshilfswerk (UNHCR) in Afrika etwa mit immer weniger Geld immer mehr Menschen versorgen und kürzt in allen Bereichen drastisch. Besonders betroffen ist die Nahrungsmittelhilfe. Hinzu kommen Wetter–Extreme wie Überschwemmungen und Trockenperioden. Sie vernichten Ernten — auch in den Flüchtlingssiedlungen.
Flüchtlinge leben im Camp ein trostloses Leben
Es ist nur eine Frage der Zeit, „dass aus dieser schweren Krise ein Desaster wird“, sagt Roland Hansen, Afrika–Chef von Malteser International in Köln, der die Region regelmäßig bereist. Seine Organisation versorgt derzeit 120 000 Geflüchtete mit sauberem Trinkwasser. „Wenn wir nicht rasch handeln, stehen wir vor einer humanitären Katastrophe“, sagt auch Laura Marshall. Ihre Organisation hat die Folgen der Unterversorgung in einem Report dokumentiert. Mehr als 90 Prozent der Flüchtlinge, meist Frauen und Kinder, leben demnach in völlig unterentwickelten Regionen und gelten als schutzlos.
Wie Elizabeth Nyachieng. Vor sechs Monaten floh die Witwe mit ihrer zwölfköpfigen Familie aus dem Süd–Sudan vor der dort herrschenden Alltagsgewalt und Rechtlosigkeit. „Wer Gewehre hat, hat die Macht“, sagt sie bitter. Sie trägt Schmucknarben, wie sie im Volk der „Nuer“ üblich sind. Immer wieder brechen Kämpfe mit den „Dinka“ aus, die im Süd–Sudan den Ton angeben und mit Salva Kiir den Präsidenten stellen.
In Uganda ist das beste Land mittlerweile verteilt. Neuankömmlinge müssen nehmen, was übriggeblieben ist. Für Elizabeth Nyachieng bedeutet das ein felsiges Grundstück am Hang. Wenn es regnet, läuft Wasser durch die Hütte, in der die Familie auf der Erde schläft. An Wänden und Dachstreben hängen Kleidung und Taschen. Zwar berichtet sie auch, wie freundlich ihr seinerzeit im Nachbarort gestattet worden sei, Holz zu schlagen, um damit das Gerüst ihrer Zuflucht zu bauen. Doch ihr Leben ist trostlos.
Die 42–Jährige ist eine stolze Frau. Für den Besuch hat sie sich ein gutes Kleid beschafft, um dem Gast Respekt zu erweisen. Eher nüchtern zählt sie auf, was der norwegische Bericht als weithin verbreitete Mängel darstellt. Dass sie wegen des felsigen Untergrunds keine Latrine für die Familie graben kann, entspricht der allgemeinen Einschätzung, dass nur noch 60 Prozent der Menschen Latrinen nutzen. Die gesundheitliche Versorgung ist am Boden, das Krankheits– und Sterberisiko gestiegen.
Allgegenwärtig: rasselnder Husten und verschleimte Nasen
Die Familie von Elizabeth Nyachieng gehört zu den wenigen, die zumindest noch drei Fünftel der früheren Essensrationen bekommen. Das reicht aber nicht. „Wir hungern“, sagt die Frau. Das Gros der Flüchtlinge bekommt nur noch ein Drittel der früheren Versorgung. Vier Prozent erhalten überhaupt nichts mehr. Es ist zu wenig zum Leben und zu viel zum Sterben.

Zuflucht in Omugo.
Grafik: SWPEinige Hütten weiter kann man an der dort lebenden Familie die Folgen mangelhafter Ernährung sowie behelfsmäßiger Unterbringung durchdeklinieren: Ein Säugling hat einen aufgetriebenen Bauch, der auf Durchfall und Parasiten schließen lässt, ein kleines Mädchen die rötlich schimmernden Haare, die auf Mangelernährung hinweisen. Allgegenwärtig sind rasselnder Husten und verschleimte Nasen.
Von Hütte zu Hütte begleiten den Besucher die Geräusche von Krankheit und Entzündung. In allen Unterkünften stößt man auf praktisch dieselbe Situation. Bis auf wenige Habseligkeiten sind die Hütten leer. „Wir haben den Krieg im Süd–Sudan überlebt“, sagt eine Mutter. „Werden wir hier nun verhungern?“
Einmal mehr sitzen die Menschen in der Falle, da die Flüchtlingssiedlungen abgelegen an Lehmstraßen liegen, die sich bei Regen in tiefen Matsch verwandeln und selbst mit geländegängigen Fahrzeugen nicht mehr befahrbar sind. Weite Teile der Krisenregion seien nicht mehr zugänglich, hat das UN–Flüchtlingshilfswerk festgestellt und Fotos von kleinen Seen, tiefen Kanälen und Schlammwüsten veröffentlicht, die einmal Straßen waren.
Ugandas Regierung fordert mehr Hilfen
Verzweifelt suchen die Flüchtlinge Auswege. Sie verkaufen das Wenige, das sie noch besitzen, Kinder werden zur Arbeit geschickt oder verheiratet, Schulden angehäuft oder Diebstähle begangen. Die Selbstmordrate ist drastisch gestiegen. Meist geschieht es mittels „Tod durch Erhängen“.
Die ausbleibende Hilfe destabilisiert auch Uganda selbst. In der Zeitung „Monitor“ macht Hilary Onek, Minister für Nothilfe und Flucht, die Kürzungen durch das Welternährungsprogramm nicht nur für Hunger und Mangelernährung verantwortlich. Er schreibt ihnen auch Diebstähle und andere Gesetzesbrüche unter den Flüchtlingen zu. Von der EU fordert der Minister mehr Hilfen. Wer in Uganda versorgt ist, klopfe schließlich nicht an Europas Pforten. Bereits 2014 hatte dort eine große Flüchtlingswanderung begonnen, nach dem Essensrationen stark gekürzt wurden.
Trotz aller Not geht das Leben der Kinder in „Omugo 7“ weiter. Ihr Fußball ist aus Stoff–Fetzen zusammengebunden, und sie führen kleine Kunststücke mit dem Provisorium auf. Immer wieder umspielen die Jungen mit dem Bündel einen gegnerischen Spieler. In ihrer Fantasie ist der Ball echt, und sie sind einer der internationalen Fußballhelden wie Roger Milla oder Didier Drogba, die dank ihrer Spielkunst Weltruhm erlangt haben. Die verblichenen Trikots der Jungen, Schätze aus Kleidersammlungen, tragen Namen wie „Chelsea“ und „Ajax Amsterdam“. Auch die Kinder träumen — wie der Ortsvorsteher — von einem Europa, das ihr Leben verändert.


