Haiti: Wenn die militärische Macht der Banden größer als die des Staates ist

Barbecue, Anführer der Gang «G9 and Family», steht mit seinen Bandenmitgliedern nach einem Gespräch mit Journalisten im Stadtteil Delmas 6 in Port-au-Prince. Sie fordern gewaltsam den Rücktritt des aktuellen Premiers Ariel Henry.
Odelyn Joseph/dpaBrutal agierende Banden kontrollieren nach UN–Schätzung rund 80 Prozent von Haitis Hauptstadt Port–au–Prince. Nach Angaben der haitianischen Menschenrechtsorganisation RNDDH vereinten sich am 29. Februar die zwei wichtigsten bewaffneten Gruppen. Bandenchef Chérizier und seine Verbündeten fordern mit Gewalt den Rücktritt von Regierungschef Ariel Henry. Nach Angaben der Tagesschau ist ihre militärische Macht größer als die des Staates. Das bettelarme Karibikland Haiti versinkt im Chaos.
Warnungen vor Bürgerkrieg und Völkermord
Der Premier sollte eigentlich Anfang Februar aus dem Amt scheiden. Stattdessen einigte Henry sich mit der Opposition darauf, bis zu Neuwahlen innerhalb eines Jahres gemeinsam zu regieren. Geht Henry nicht freiwillig, gebe es Bürgerkrieg, droht Chérizier. Dieser führe auch zu einem Völkermord, warnte der Bandenchef. Henry hatte die Regierungsgeschäfte kurz nach der Ermordung des Präsidenten Jovenel Moïse im Juli 2021 übernommen. Seitdem gab es in dem Karibikstaat keine Wahlen.
Haiti im Umbruch: Gewalteskalation hält an
„Entweder wird Haiti ein Paradies oder eine Hölle für uns alle“, prophezeit Jimmy Chérizier. Dabei trägt der Bandenchef bereits seit Jahren dazu bei, den Karibikstaat in ein Inferno zu verwandeln. In den vergangenen Tagen ließen der 46–Jährige und seine Gangs die Gewalt weiter eskalieren.
Chérizier, genannt „Barbecue“ ("Grill"), ist der Anführer der „G9–Familie“, eines Zusammenschlusses von Banden. Eigentlich kämpfen die Gangs, die weite Teile des Landes kontrollieren, gegeneinander um Einfluss und Territorium.
Doch vergangene Woche kündigten sie an, sich gegen die Regierung zu verbünden. Seitdem greifen sie gemeinsam strategisch wichtige Infrastruktur an wie den Flughäfen, die Polizeiakademie und Gefängnisse. Dutzende Menschen wurden getötet, tausende Häftlinge entkamen.
Bandenchef lässt Haiti in Chaos versinken
Das Maschinengewehr immer über der Schulter, stellt sich Chérizier selbst als Revolutionär dar. „Es kann nicht sein, dass eine kleine Gruppe von Reichen, die in großen Hotels leben, über das Schicksal der Menschen in den Armenvierteln entscheidet“, verkündete er, umringt von Vermummten, am Dienstag vor Journalisten.
Es ist nicht das erste Mal, dass der Ex–Polizist für Aufsehen sorgt. 2022 blockierte er mit seinen Männern monatelang das wichtigste Ölterminal, legte damit die Treibstoffversorgung lahm und stürzte das seit Jahrzehnten von Krisen, Konflikten und Katastrophen gebeutelte Land noch weiter ins Chaos.
Polizei ohne ausländischen Soldaten überfordert
Danach wurden Forderungen nach einer multinationalen Truppe laut, die der überforderten haitianischen Polizei helfen sollte. Der UN–Sicherheitsrat stimmte zu, doch im Einsatz sind die ausländischen Soldaten bis heute nicht.
Welche Macht Chérizier in Haiti hat, zeigt sich auch daran, dass er der erste war, gegen den die UNO im Oktober 2022 die neuen Sanktionen gegen Bandenmitglieder verhängte. Seither darf er nicht mehr reisen und sein Vermögen wurde eingefroren.
Dennoch „begeht Barbecue weiterhin Taten, die den Frieden, die Sicherheit und die Stabilität Haitis bedrohen“, stellte der UN–Expertenausschuss zur Überwachung der Sanktionen in seinem Bericht im September fest.
Demnach hat die G9 mehr als tausend Mitglieder, hauptsächlich ehemalige Polizisten, Sicherheitsleute und Straßenkinder. Die Liste ihrer Verbrechen ist lang: Mord, Raub, Erpressung, Vergewaltigung, Drogenhandel, Entführungen, Brandstiftung und weiteres mehr.
Chériziers Beteiligung an Massaker 2018
Die Experten sehen auch eine Beteiligung Chériziers an dem Massaker von La Saline 2018 in einem Armenviertel in der Hauptstadt Port–au–Prince. „Während seiner Zeit als Offizier der haitianischen Nationalpolizei hat Jimmy Chérizier die Angriffe in La Saline geplant und sich daran beteiligt“, erklärte auch das US–Finanzministerium und belegte ihn Ende 2020 mit Sanktionen.
Bei dem Massaker töteten die Banden, die manchmal auch von den Behörden beauftragt wurden, die Armen zum Schweigen zu bringen, binnen weniger Tage 71 Menschen. „Sie holten die Opfer, darunter auch Kinder, aus ihren Häusern, um sie hinzurichten und auf die Straße zu zerren, wo ihre Körper verbrannt, zerstückelt und an Tiere verfüttert wurden“, erklärte das US–Ministerium damals und verwies auf die Unterstützung Chériziers durch zwei hohe Beamte von Präsident Jovenel Moïse, der 2021 ermordet wurde.
„Barbecue“ bestreitet, an den Gräueltaten beteiligt gewesen zu sein. „Ich bin kein Gangster, ich werde nie ein Gangster sein“, sagte er 2021 in einem Interview mit dem Sender Al–Dschasira und beteuerte, „für eine andere Gesellschaft“ zu kämpfen.
(Mit Material der dpa und AFP)
