Frankreich Die Lust der Franzosen am Königsmord

Paris / Peter Heusch 01.11.2018
Brave Bürger waren die Franzosen noch nie. Ihren Staatsoberhäuptern machen sie allzu gern das Leben schwer.

Er war alles andere als ein Unterdrücker. In seine Regierungszeit fällt kein einziges Todesurteil, stattdessen setzte er zahlreiche Reformen durch. Trotzdem musste Ludwig XVI. sterben. Am 21. Januar 1793 wurde der liberalste aller Bourbonenkönige auf der Pariser Place de la Révolution wegen Hochverrats mit dem Fallbeil hingerichtet. „Volk, ich bin unschuldig“ sollen seine letzten Worte gewesen sein, die jedoch vom Trommelwirbel der Revolutionsgarden übertönt wurden.

Was an jenem grauen Januartag vor 225 Jahren auf der heutigen Place de la Concorde geschah, stellte einen bis dato undenkbaren Frevel dar. Ganz Europa erzitterte angesichts der unerhörten Bluttat, welche die als heilig geltende Ordnung über den Haufen warf. Schließlich war mit Ludwig XVI. die Unantastbarkeit in Person, ein absoluter Herrscher von Gottes Gnaden, um sein Leben gebracht worden. Sein grausames Ende unter der Guillotine brannte sich jenseits der Grenzen Frankreichs nicht als Hinrichtung, sondern als Mord ins Gedächtnis ein. Fortan galten die Franzosen als ein Volk von Königsmördern.

Selbst lange nachdem das mit der Großen Revolution geborene Ideal der Menschenrechte zum Allgemeingut wurde, ist dieser Makel an unseren Nachbarn hängen geblieben, ja er findet seine Verlängerung in dem bemühten Klischee von den aufmüpfigen Galliern. Dass dieses Klischee nicht aus der Luft gegriffen ist, mussten alle Präsidenten der Fünften Französischen Republik erleben.

Fallbeil durch Liebesentzug ersetzt

Die Zeiten, in denen die Franzosen ihr Staatsoberhaupt bei Missfallen einfach einen Kopf kürzer machten, mögen zwar vorüber sein. Aber schon ein kleiner Rückblick auf die fast durchweg einen mehr oder weniger rasanten Abwärtstrend aufweisenden Popularitätskurven der französischen Präsidenten belegt, dass die Bürger der Grande Nation weiter gerne die Autorität ihrer Herrlichkeit berauben. Bloß haben sie das Fallbeil durch den Liebesentzug ersetzt.

In Beliebtheitswerten von 70 Prozent oder mehr durfte sich von 1959 an nur Charles de Gaulle sonnen, der Gründer und erste Präsident der Fünften Republik. Das Idyll währte ein Jahrzehnt, doch dann hatten die Franzosen die Nase voll von dem als allzu autokratisch empfundenen „Alten“. 1969 setzte de Gaulle ein Referendum über eine Reform der Regionalverwaltung an und verkündete, dass er im Falle einer Ablehnung zurücktreten werde. Das Referendum erhielt den Charakter einer Abstimmung für oder gegen den General, und obwohl die Regionalreform als populär galt, ließen ihn die Wähler abblitzen. Verbittert ging de Gaulle, um sich die letzten 18 Monate seines Lebens in dem Dörfchen Colombey-les-Deux-Églises zu vergraben.

Nachfolger Georges Pompidou, der auf Ausgleich bedachte ­Modernisierer, vermochte es zwar nie, an die Popularität de Gaulles anzuknüpfen, dennoch entzogen ihm seine Mitbürger nie ihre Gunst – vielleicht auch, weil ihnen dafür die Zeit fehlte. Im April 1974, zwei Jahre vor Ablauf seines Mandats, erlag Pompidou einem Krebsleiden. Bis dahin war seine Popularität von einem kurzfristigen Ausreißer abgesehen nie unter die 50-Prozent-Marke gerutscht.

Spätestens mit der Wahl von Valery Giscard d´Estaing jedoch verdüsterte sich das Bild. Der junge und dynamische Präsident mochte sich noch so sehr um Volksnähe bemühen, die Franzosen legten dem Adeligen seine Zuwendungsversuche als Anbiederung aus. Als er 1981 vergeblich für eine zweite Amtszeit kandidierte, waren seine Beliebtheitswerte auf den damaligen Negativrekord von 35 Prozent gefallen.

Von oben links: Charles de Gaulle, Georges Pompidou, Valery Giscard d‘Estaing, François Mitterrand, Jacques Chirac, Nicolas Sarkozy
Von oben links: Charles de Gaulle, Georges Pompidou, Valery Giscard d‘Estaing, François Mitterrand, Jacques Chirac, Nicolas Sarkozy © Foto: DPA/SWP

Popularitätskurve schnell sinkend

François Mitterrand, dem ersten Sozialisten im Élysée-Palast, erging es keineswegs besser. Zwar gelang dem großen Taktiker 1988 die Wiederwahl, doch steigende Arbeitslosenzahlen und die Undurchsichtigkeit des häufig als Wiedergänger Machiavellis oder als Sphinx bezeichneten Präsidenten sorgten dafür, dass seine Popularitätskurve in den 90er Jahren bis auf 22 Prozent absackte.

Regelrecht Schlitten fuhren die Franzosen anschließend mit Jacques Chirac. Der Neogaullist, der sich als jovialer und mitfühlender Landesvater gab, erreichte kurzfristig Zustimmungswerte von 61 Prozent, um dann immer wieder auf der Beliebtheits-Skala mit weniger als 30 Prozent abgestraft zu werden. Dass er 2002 im Amt bestätigt wurde, verdankte Chirac allein dem Umstand, dass dem Rechtsextremisten Jean-Maire Le Pen überraschend der Sprung in die Stichwahl geglückt war. Doch glich seine von zahlreichen Affären überschattete zweite Amtszeit einem Spießrutenlauf.

Einen linearen und sehr raschen Niedergang ihrer Popularität erlitten nach Chirac sowohl der Konservative Nicolas Sarkozy als auch der Sozialist François Hollande. Beide waren noch kein Jahr im Amt, als sie bereits die Gunst der Hälfte der Franzosen verloren hatten. Kein Wunder, dass Sarkozy, der am Ende nur noch auf Zustimmungswerte von 28 Prozent kam, den Kampf um seine Wiederwahl verlor. Hollande seinerseits, den eine auf 13 Prozent zusammengeschmolzene Zustimmungsquote 2016 zum unbeliebtesten Präsidenten aller Zeiten stempelte, war klug genug, auf die Kandidatur für eine zweite Amtszeit zu verzichten. Eine Premiere.

François Hollande (2012 bis 2017) galt  als ewiger Zauderer. Die Franzosen nahmen ihm auch übel, dass er vom Élysée-Palast mit dem Motorroller zu seiner Zweit-Geliebten kurvte.
François Hollande (2012 bis 2017) galt als ewiger Zauderer. Die Franzosen nahmen ihm auch übel, dass er vom Élysée-Palast mit dem Motorroller zu seiner Zweit-Geliebten kurvte. © Foto: THIBAULT CAMUS / dpa

Keiner genügt den hohen Ansprüchen

Da sich nach 18 Monaten im Élysée-Palast selbst der ursprünglich als großer Hoffnungsträger gefeierte Emmanuel Macron auf eine (Un)Beliebtheit von knapp 30 Prozent zurechtgestutzt sieht, drängt sich die Frage auf, ob die Franzosen ihre Präsidenten nur aufs Schild heben, um sie danach umso besser der Verachtung anheim geben zu können. Doch so naheliegend dieser Verdacht sein mag, er ist falsch. In Wirklichkeit ist es außer der Gaulle keinem Präsidenten mehr gelungen, den hohen Ansprüchen zu genügen, die unsere Nachbarn an ihr Staatsoberhaupt stellen. Glanz und Glorie der französischen Präsidenten beruht auf ihrer Direktwahl durch das Volk. Und da sie die Verfassung mit einer für eine Demokratie unerhörten Machtfülle ausstattet, kommt diese Direktwahl einem Blankoscheck gleich.

Für die Dauer seiner Amtszeit kann ein Präsident praktisch alles tun und lassen, was er will. Er ist unabhängig von den Mehrheitsverhältnissen im Parlament, welches er jederzeit auflösen kann, darf aufgrund seiner Amtsimmunität von der Justiz nicht belangt werden und verfügt neben dem Atomkoffer sogar über die Vollmacht, im Alleingang eine militärische Intervention loszutreten. Kurz, der französische Präsident ist beinahe so unantastbar, wie es die Bourbonen waren – jedenfalls bis zur nächsten Wahl. Im Falle von allzu lauter Kritik an seiner Politik hat noch keiner der Versuchung widerstanden, sich auf sein Direktmandat zu berufen. Eine Hybris, die besagt: „Was wollt ihr eigentlich? Ihr habt mich doch gewählt, jetzt schweigt gefälligst!“

Emmanuel Macron (seit 2017) ist vielen ­Franzosen zu herablassend und maßregelnd gegenüber Arbeitslosen und Rentnern.  Das legt man ihm als schnöselige Taktlosigkeit aus.
Emmanuel Macron (seit 2017) ist vielen ­Franzosen zu herablassend und maßregelnd gegenüber Arbeitslosen und Rentnern. Das legt man ihm als schnöselige Taktlosigkeit aus. © Foto: Bernd von Jutrczenka/dpa

Im Grunde geht es um den Stil

Der französische Bürger wiederum, der bei einer Präsidentenwahl durchaus weiß, was er tut, erwartet dafür absolute Untadeligkeit. Charles de Gaulle, der Übervater der Nation, vermochte diese Untadeligkeit tatsächlich zu verkörpern. Seinen Nachfolgern hingegen glückte das entweder nicht ganz oder gar nicht.

Eine Frage der Regierungskunst ist das nur in zweiter Hinsicht. Mit Ausnahme des ewigen Zauderers Hollande, dem alles zu Blei gerann, was er anfasste, haben die Franzosen stets Persönlichkeiten zum Präsidenten gekürt, die sich ihrem Amt gewachsen zeigten. Im Grunde geht es um den Stil; darum, was ein Präsident eben doch nicht tun kann, ohne die Achtung seiner Landsleute zu verlieren. So hat sich Sarkozy, der „Bling-Bling“-Präsident mit Rolex und vollverspiegelter Sonnenbrille, die Sympathien mit seiner neureichen Selbstverliebtheit und seinem hemdsärmeligen Draufgängertum verscherzt. Hollande war spätestens dann unten durch, als er von Paparazzi dabei abgelichtet wurde, wie er sich auf einem Motorroller von seiner als First Lady im Élysée-Palast installierten Geliebten zu einer Zweitmätresse stahl.

Und Macron? Ihm wird eine gewisse Arroganz vorgeworfen. Sein Hang, auf Klagen von Arbeitslosen, Rentnern, Jugendlichen und Journalisten herablassend oder maßregelnd zu reagieren, legt man ihm als schnöselige Taktlosigkeit aus. Und der Versuchung, solche in ihren Augen allzu abgehobenen oder sich daneben benehmenden Präsidenten vom hohen Ross zu holen, können die Franzosen einfach nicht widerstehen.

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