Die niedrigste Inzidenz Süddeutschlands: Diesen Titel kann sich Passau derzeit auf die Fahnen schreiben. 26,5 Neuinfektionen pro 100 000 Einwohner binnen einer Woche verbuchte das RKI am Sonntag für die Dreiflüssestadt in Niederbayern. Auch bei der Impfquote steht Passau gut da: Gut jeder zweite der rund 53 000 Einwohner hat bereits eine Erstimpfung erhalten, die Priorisierung ist aufgehoben. Das liegt unter anderem daran, dass die ostbayerischen Grenzregionen Sonderzuteilungen mit Impfstoff bekamen.
Im vergangenen Herbst sah das noch komplett anders aus: Am Höhepunkt der zweiten Welle mischte Passau mit in der deutschlandweiten „Spitzengruppe“ der Hotspots. Am 30. November erreichte die Inzidenz in der kreisfreien Stadt ihren Höhepunkt: Mit 575,7 bezifferte das RKI den Wert an diesem Tag, Passau wurde auf dem Dashboard des Instituts in leuchtendem Pink angezeigt. Die Passauer durften nicht mehr raus aus ihrer Stadt.

Das Studentenleben fehlt

„Ich habe auf jeden Fall vor, dass ich die nächsten Tage mal in den Biergarten gehe“, sagt der Passauer Severin Höplinger nun, knapp ein halbes Jahr später. Die Außengastronomie darf in Bayern ab Montag bei einer Inzidenz von unter 100 wieder öffnen, wenn das Gesundheitsministerium in München einverstanden ist. Außerdem gibt es Lockerungen bei Kultur und Sport. Bei Passau ging der Antrag ohne Probleme durch.

Ulm/Neu-Ulm

Dennoch sind die Gefühle des 24-Jährigen gemischt: „Es schwingt halt auch immer ein bisschen die Skepsis mit“, meint er mit Blick auf die nächsten Wochen. Man müsse sehen, wie sich die Inzidenz nach den Lockerungen entwickle.
Grund für Höplingers Zurückhaltung sind auch die Impfungen: „In meinem studentischen Freundeskreis sind die Allerwenigsten geimpft“, erzählt er: „Es ist momentan immer ein bisschen Glück dabei, ob man ein Impfangebot bekommt oder nicht.“
Das Studentenleben sei ihm im zurückliegenden letzten Jahr seines Bachelorstudienganges schon abgegangen: „Ich hätte nichts mehr machen müssen außer der Bachelorarbeit, das hab ich mir extra so gelegt.“ Doch dann kam die Pandemie. „Gerade so den Winter über war’s dann echt deprimierend, immer nur zwischen Zimmer und Arbeit zu pendeln.“

Hotspot der ersten Stunde

Partys oder ähnliches habe sie im vnicht vermisst, meint dagegen Tina Wystrichowski. Dazu sei sie auch in der falschen Altersgruppe. Die 54-Jährige lebt in Wiesau im oberpfälzischen Landkreis Tirschenreuth. Dort liegt die Inzidenz Stand Sonntag bei 47,2.
Während der ersten Welle lernte jeder in Deutschland den Landkreis kennen. Damals gab es in Mitterteich, gleich in der Nähe zu Wiesau, einen großen Corona-Ausbruch. „Da war ja der ganze Ort abgesperrt“, erzählt sie. „Man munkelt ja, dass die Ursache das Starkbierfest war, auf dem Leute waren, die zuvor in Ischgl Skifahren waren.“
Auch wenn das nicht bewiesen ist: Fest steht, dass am 3. April 2020 die Sieben-Tage-Inzidenz im Landkreis Tirschenreuth bei 576 lag – obwohl damals noch lange nicht so viel getestet wurde wie heutzutage. Inzwischen haben Wissenschaftler der Uni Regensburg eine Antikörper-Studie durchgeführt. „Da kam raus, dass es wohl viel mehr Infizierte gab“, erzählt Wystrichowski. Trotzdem wurde der Landkreis Tirschenreuth auch von der zweiten Welle stark getroffen. Mit 402,5 erreichte die Sieben-Tage-Inzidenz ihren bisher zweithöchsten Punkt.
Beruhigt habe sich die Lage jeweils, als man den Grenzverkehr mit dem benachbarten Tschechien reguliert habe. In der ersten Welle habe man die Pendler aus dem Nachbarland in Pensionen untergebracht, erzählt sie. Während der zweiten Welle wurde eine Testpflicht eingeführt. „Da war dann erstmal riesig Spaß an der Grenze“, erinnert sich Wystrichowski. Nach und nach seien aber immer mehr Teststellen errichtet worden.

Grillen mit den Nachbarn, Treffen mit Verwandten

Auch sie selbst hat gut ein dreiviertel Jahr am Testzentrum in Marktleuthen im benachbarten oberfränkischen Landkreis Wunsiedel im Fichtelgebirge gearbeitet – im Rahmen der Amtshilfe. Normalerweise ist sie beim Landesamt für Umwelt in Hof beschäftigt. Seit Mitte März ist Wystrichowski nun am Impfzentrum in Wunsiedel – noch bis Mitte Juni voraussichtlich. „Dann ist aber auch mal gut“, meint sie.
Neben den allgemeinen Lockerungen gelten für sie und ihren Mann auch die Ausnahmen für Genesene. „Mein Mann und ich waren an Weihnachten positiv“, erzählt sie. Ihr Mann habe sich vermutlich auf der Arbeit angesteckt: „Dort ist auch einer gestorben.“ Sie selbst hätten allerdings milde Verläufe gehabt.
Nun freue sie sich darauf, mit den Nachbarn zu grillen oder sich mit ein paar Verwandten zu treffen. Ansonsten will sie die neu gewonnenen Freiheiten aber wenig nutzen. „Das Einzige, das ich jetzt mal machen möchte, ist wieder Training anzubieten“, sagt Wystrichowski, die Inlines-Speedskating-Jugend des Turnerbunds Jahn Wiesau trainiert.