Moskau / Stefan Scholl  Uhr
Große Kahlschläge bedrohen die Wälder Russlands. Das ist für die Umwelt ein Problem: Die Bäume nehmen viele Tonnen CO2 auf.

Unter den Gummistiefeln knirschen Neuschnee und Eispfützen. Die Schneise ist mal 150 Meter, mal einen halben Kilometer breit. Vereinzelt ragen noch kahle Birkenstämme oder zerrupfte Fichten in den grauen Himmel. Die Stümpfe der gefällten Bäume enden oft in Brusthöhe, dazwischen liegen zermalmtes Buschwerk, Stangenholz, ein Wurzelteller. „Bombjoschka“, Bombenangriff, werden solche Kahlschläge inzwischen auf Russisch genannt. Einer der Bombenangriffe auf den Wald findet nordwestlich des Dorfs Bornjaki, im Gagariner Rajon der westrussischen Region Smolensk statt.

Russland ist hölzerne Unendlichkeit. Seine Wälder bedecken 800 Millionen Hektar, 45 Prozent der Landesfläche. Es besitzt ein Fünftel der weltweiten Holzreserven. Und Russland liebt seinen Wald. „Er bedeutet mir mehr als die eigenen vier Wände“, sagt eine Dorfbewohnerin in Sibirien. Mancher Forstpatriot will sogar vom Rest der Welt Steuern für die knapp 1,3 Milliarden Tonnen Sauerstoff, die Russlands grüne Lunge jährlich produziert. Und für die 600 Millionen Tonnen Kohlenstoff, die sie dabei schluckt.

Nach offiziellen Angaben wächst Russlands Wald um eine Million Hektar im Jahr. Seine unberührten Urwälder aber sind laut WWF inzwischen auf 255 Millionen Hektar geschrumpft, werden durch junge Bestände mit schlechterem Holz verdrängt, die auch als Ökosystem primitiver sind. Viele Pflanzen- und Tierarten können darin nicht überleben. Russlands Wald droht zu degenerieren, weil korrupte Beamte und Unternehmer ihn als reine Rohstoffreserve betrachten.

Ein Rückezug nahe des Dorfs Bornjaki: Hier schlagen Arbeiter riesige Schneisen in den Wald (oben). Noch schlimmer ist die Lage in Sibirien, dort stapeln sich Stämme soweit das Auge reicht.
© Foto: ©hlopex/Shutterstock.com

„Bloß nicht fotografieren“

Der Schlamm der Fahrspur ist gefroren, daneben liegt ein Holzstapel, sieben Meter lange Stämme sind übereinander geschichtet. Meist sind es Fichten oder Birken, ihr Mark ist oft faulig. Ein fernes Rumpeln kommt näher, ein graugrüner Holzrückezug mit kantigem Sowjetdesign. Der Fahrer steckt den Kopf aus der Kabine. Er habe ja nichts dagegen, dass wir hier unterwegs sind. „Aber bloß nicht fotografieren.“ Zwei Goldzähne leuchten in seinem Mund. „Ich mache nur meine Arbeit, ernähre die Familie.“ Aber braucht es dafür solche Kahlschläge? „Fahren Sie nach Sibirien“, sagt er, „da holzen die Chinesen viel riesigere Flächen ab.“ Er gibt Gas, rumpelt weiter.

Wie im deutschen leben auch im russischen Märchenwald Hexen. Aber auch in der Realität haben die Russen noch wirklich Grund, sich im Wald zu fürchten. Er bedeutet echte Wildnis, verirrte oder von Bären getötete Pilzsammler gehören zur Unfallstatistik jedes Herbstes. „Was ein Mann wert ist, zeigt der Krieg oder die Taiga“, sagt der Volksmund. Taiga, das sind die Nadelwälder des nördlichen Eurasiens, der Sommer verwandelt sie oft in undurchdringliche Sümpfe. Jagd und Holzfällen sind nur bei Frost möglich.

Am Ende des Kahlschlags leuchtet rot ein Rückezug der Marke Komatsu, Män­nerrufe schallen herüber. Hier sind die Holzstapel drei Meter hoch und riechen noch nach frischem Harz. Als wir ankommen, sind die Männer verschwunden – als hätten sie sich vor uns versteckt. Die Schneise mag vier Kilometer lang sein und im Schnitt 300 Meter breit. Sie hat mehrere Abzweigungen: Das sind mindestens 100 Hektar gefällter Wald – die gleiche Fläche, um die es auch beim Streit um den Hambacher Forst geht.

Es gibt hier noch mehr Kahlschläge. Wie Metastasen wuchern sie im Norden weiter, queren auch den Bach Jausa, der in den Jausa-Stausee fließt, eine der Trinkwasserquellen Moskaus. „Dabei gilt eine Schutzzone für direkte Zuflüsse zum Moskauer Wasserversorgungssystem“, erklärt der Greenpeace-­Aktivist Wilen Lupjatschik. „Näher als 500 Meter zum Wasser ist Kahlschlag verboten.“

Schornsteinfeger bringen angeblich Glück – zumindest einem Waldkauz in Schwäbisch Gmünd. Ein Kaminfeger hat den Vogel aus einem Schornstein befreit.

Lupjatschik entdeckte im September auf Satellitenfotos auch weiter östlich, im Gebiet des Flüsschens Inotsch, einen Riesenholzeinschlag, 450 Hektar, laut Greenpeace der Größte in Europa.

All diese „Bombjoschkas“ gehören zu einem früheren Sowchos, einem sowjetischen Großbetrieb. Der nennt sich jetzt „SPK KCh Wostok“ und hat das Nutzrecht für seine Böden einem gewissen Alexei Katachow überlassen. Mehr als 4000 Hektar Wald, laut Katasteramt eigentlich Staatsforst, nach einem Urteil des Rajonsgerichts von 2013 aber als landwirtschaftliche Nutzfläche eingestuft, die Katachow jetzt von der Firma „AK Transles“ abholzen lässt. Nach Schätzungen Smolensker Forstwirte haben Katachows Männer auf 550 Hektar bisher 165 000 Kubikmeter Holz geerntet – eine Menge, die in Russland 1,1 Millionen Euro wert ist.

Laut Greenpeace gibt es in Russland inzwischen 40 Millionen Hektar Waldflächen, bei denen unklar ist, ob sie Staatsforst oder Agrarland sind. „Weiße Flecken“ heißen sie in der Branche. „Hier fällt Holz, wer und wie er es will, meist mit fragwürdigen Genehmigungen lokaler Amtsträger“, sagt Alexei Jaroschenko, Chef-Waldexperte bei Greenpeace.

Alexei Jaroschenko ist Waldexperte bei Greenpeace Russland.
© Foto: Stefan Scholl

Forstamt beantwortet Presseanfrage nicht

Das Forstamt der Region Smolensk beantwortete die Anfrage unserer Zeitung zu den Kahlschlägen nicht. Die Rajonspolizei teilte Greenpeace aber mit, es bestehe kein Straftatbestand. Zur Zeit würden diese Landstücke von Baumbewuchs und Unrat gesäubert, um sie als Agrarböden zu nutzen. Nur glaubt hier kaum jemand, Katachow wolle im Unterholz, zwischen ungerodeten Baumstümpfen und kranken Restbäumen, Landwirtschaft betreiben. „Einen Hektar Wald zu kultivieren, das kostet 20 000 bis 30 000 Rubel“ (umgerechnet 700 bis 800 Euro). „Fertiges Agrarland zu kaufen, ist billiger“, schreibt das Smolensker Nachrichtenportal readovka.ru.

Mit den Bäumen sind auch die Wurzeln gestorben, die wie ein unterirdischer Schwamm wirkten und Grundwasser speicherten. Die Nachbarbestände der Riesenschneisen sind zudem anfällig gegen Waldbrände und Windbruch, ihre kranken Ränder könnten Borkenkäfer anlocken.

Die Kahlschläge, die an Flächenbombardements erinnern, gibt es in ganz Russland. Alexei Gribkow, Ökologe im westsibirischen Altai-Gebiet, verweist auf die Gesetze, die auch Staatswälder fast unkontrolliert denen überlassen, die sie zum Abholzen gepachtet haben. „Das ist ein Hohn. Kommerzielle Firmen werden den Wald nicht pflegen, die gesunden Bäume mit dem besten Holz nicht stehen lassen, keine kranken, dürren Bäume fällen.“ Auch andere Waldschützer klagen, die Gesetze motivierten die Holz­unternehmer, in unberührte Waldstücke vorzudringen und nicht bereits abgeholzte Gebiete neu zu bepflanzen.

Nach dem Ausbruch der Blauzungenkrankheit im Landkreis Waldshut-Tiengen ist das Virus auch in Calw aufgetreten. Eine Belastung für die Landwirte.

Stattdessen veranstaltet man Kahlschläge – legal, halblegal oder illegal. Jaroschenko schätzt, außer den 215 Millionen Kubikmetern Nutzholz, die die russische Forstwirtschaft jährlich fällt, würden 60 bis 70 Millionen Kubikmeter schlicht gestohlen.

Berüchtigt sind sogenannte Prioritäts-Investprojekte: Der Staat überlässt dabei Privatfirmen zu symbolischen Preisen Wald zum Abholzen, diese verpflichten sich dafür, Möbel- oder Papierfabriken zu bauen. Der staatliche TV-Sender Rossija 24 filmte, wie ein Beamter Bewerber, die nur abholzen aber nichts bauen wollten, um 60 000 Euro Einstiegsschmiergeld bat. Die Region Krasnojarsk beglückte den Investor „Angara Paper“ mit Waldflächen so groß wie die Slowakei, sieben Jahre ließ er dort Millionen Kubikmeter Holz fällen. Statt den versprochenen Zellulose-Cluster zu errichten, ging der Konzern dann in Konkurs. Ein übliches Schema: Laut Rossija 24 enden die „Prioritätsprojekte“ zu 90 Prozent in Korruptionsskandalen.

Petition gegen das Abholzen

2017 verdiente der Staat mit Pacht, Steuern und Zöllen gerade einmal 420 Millionen Euro an Russlands Waldreichtum, verlor aber durch Holzraub, säumige Pächter und Waldbrände fast 800 Millionen. Die Forstwirtschaft sei von Kriminalität und Korruption zerfressen, schimpft die Föderationsratsvorsitzende Valentina Matwijenko. Sie ist nicht allein: 645 000 Russen haben bereits eine Petition auf change.org unterschrieben, die ein Moratorium für das Abholzen russischer Wälder fordert.

Zurück auf der Schneise Richtung Jausa. Dort fuhrwerkt ein Rücketraktor. Der Fahrer sieht aus wie Lukas Podolski in Wattejacke und ist eine Plaudertasche. „Wer hier nicht säuft, arbeitet als Wachmann in Moskau – oder im Wald.“ Ein Holzfäller kann in der Region umgerechnet 800 bis 1300 Euro im Monat verdienen, der Fahrer eines Rückezugs bis zu 2600 Euro. Zum Vergleich: Der Smolensker Durchschnittslohn liegt bei 380 Euro im Monat. Ein Monat Holzfällen, legal oder illegal, ernährt ganze Familien ein halbes Jahr.

Der Lukas Podolski im Traktor aber schimpft über die 450 Hektar Wald, die Katachow am Inotsch plattgemacht habe. „Greenpeace war hier, ist mit der Kamera drüber geflogen. Können Sie sich im Internet ansehen. Aber die Wirkung ist null.“ Der Mann ist nicht froh darüber, was er hier mit dem Wald anstellt.

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