Eine gute Woche vor der Wahl zum mächtigsten Regierungsamt der Welt ist klar: Die Republikaner stehen hinter dem amtierenden US-Präsidenten Donald Trump. 90 Prozent der Parteimitglieder halten zu ihrem Präsidenten. Und doch ist da eine kleine Gruppe von Republikanern, die sich gegen Trump wendet, immer mehr Einfluss gewinnt und vielleicht sogar wahlentscheidend sein könnte. Ihr Ziel wäre unter jedem anderen Präsidenten undenkbar: Diese Republikaner wollen, dass der Demokrat Joe Biden US-Präsident wird.
Die Gruppe der Trump-Gegner unter den konservativen Republikanern hat sich über die Jahre angesammelt: Da ist Trumps ehemaliger Außenminister Rex Tillerson, der nach nur 13 Monaten im Amt gefeuert wurde. Trumps früherer Stabschef John Kelly lästerte über seinen ehemaligen Chef, er sei „mangelbehaftet“. Auch Trumps Nationaler Sicherheitsberater, John Bolton, nannte den Präsidenten „ungeeignet fürs Amt“. Alle verloren ihre Jobs.
Nicht nur das: Viele Republikaner sagen mittlerweile ganz offen, dass sie Biden wählen wollen. Unter ihnen Colin Powell, der Außenminister unter George W. Bush war, der ehemalige Pentagon-Chef Chuck Hagel und selbst Trumps früherer Kommunikationschef Anthony Scaramucci, der den Präsidenten „verrückt“ nennt. Hinzu kommen mehr als 70 ehemalige Geheimdienstler und ranghohe Militärs, die im August einen Verband ehemaliger republikanischer Beamter aus dem Bereich der Sicherheitspolitik gründeten – auch sie wollen Biden als Präsidenten sehen. Keiner der abtrünnigen Beamten hat aber annähernd dieselbe Wirkung entfaltet wie eine Gruppe von Strategen, die jahrzehntelang unter republikanischen Präsidenten gearbeitet haben.

Trumps Gegner wollen andere Republikaner umstimmen

Im Dezember vergangenen Jahres gründeten Steve Schmidt, Rick Wilson und sechs andere Kommunikationsprofis, die mit harten, aber effektiven Methoden Wahlen für die Republikaner gewonnen haben, das „Lincoln Project“. Unter ihnen auch der Ehemann der loyalen Trump-Beraterin Kellyanne Conway. Das einzige Ziel des Projekts: Moderate republikanische Wähler umzustimmen, Bidens Vorsprung sicher über die Ziellinie zu retten und Trump nach vier Jahren aus dem Amt zu jagen.
„Wir glauben, dass Millionen von Republikanern dieses Debakel seit Anfang 2017 verfolgt haben und es verwerfen“, ist Schmidt überzeugt. „Wenn wir nur vier Prozent der Republikaner überzeugen könnten, dass sie Biden wählen – und das halten wir für machbar – dann würde für Trump die Rechnung nicht mehr aufgehen“, glaubt der Stratege, der unter Präsident George W. Bush arbeitete und 2008 Senator John McCains Präsidentschaftskampagne leitete.
Doch damit das gelingt, bedient sich die Organisation rabiater Mittel. Versehen sind die Werbespots, die kostenlos in sozialen Medien geschaltet werden, mit Bildüberschriften wie „Der Chef-Kriegsdienstverweigerer“. Eine tiefe und wehmütige Stimme erinnert dann daran, dass der Präsident jene Soldaten, die ihrer Nation dienen, als „suckers and losers“ bezeichnet hatte und er diese nicht verehre, sondern in Wirklichkeit verachte.

Wähler trauen Biden eine bessere Wirtschaftspolitik zu als Trump

Laut Wilson ist ein Spot besonders effektiv, der einen Slogan aus der Ära Ronald Reagans übernimmt. Der populäre Republikaner hatte sich 1984 mit dem Spruch „Morning in America“ um die Wiederwahl beworben. Die Reklame mit dem neuen „Morgen“ im Mittelpunkt strahlte Bilder einer optimistischen Nation aus, in der Menschen einen Job haben, die Wirtschaft brummt und Frieden herrscht.
Das „Lincoln Project“ ergänzte den Wahlspruch um einen Buchstaben und zeigte Bilder von „Mourning in America“, also „Trauer in Amerika“. Zu sehen ist eine Fotomontage abgerissener Fabrikgebäude, heruntergekommener Nachbarschaften und kranker Menschen, die mit Corona infiziert wurden. Die Botschaft: Durch Trumps Verharmlosung der Pandemie sind Hunderttausende Menschen gestorben, die Wirtschaft liegt in Trümmern und Millionen haben ihre Jobs verloren.
Die Kampagne zeigt Wirkung. Nach einer neuen Umfrage der Publikation „Politico“ trauen erstmals mehr Wähler Biden eine bessere Wirtschaftspolitik zu als Trump. Darauf angesprochen, ob sich das „Lincoln Project“ mit der aggressiven Werbung nicht dem Vorwurf aussetze, auf das Niveau des Präsidenten zu sinken, zuckt Wilson mit der Schulter und meint, „das möchte ich doch stark hoffen, denn letzten Endes sind negative Kampagnen zugleich die effektivsten“.