Fast drei Millionen mehr Amerikaner wollten 2016 die Demokratin Hillary Clinton (48,2 Prozent) als Präsidentin haben. Trotzdem sitzt Donald Trump (46,1 Prozent) im Weißen Haus – und das als legitimer Wahlsieger. Möglich macht dies das Electoral College. Was hat es mit diesem Wahlsystem, das viele für antiquiert halten, auf sich?

538 Wahlmänner wählen alle vier Jahre den US-Präsidenten

Das Electoral College wählt alle vier Jahre den neuen Präsidenten und Vizepräsidenten der USA. Es setzt sich aus 538 Wahlmännern zusammen. Präsident wird, wer mindestens 270 Wahlmänner, also die absolute Mehrheit, auf sich vereint. Das System ist in der US-Verfassung so vorgeschrieben. Jeder Bundesstaat bekommt eine bestimmte Anzahl an Wahlmännern. Die Zahl entspricht den Abgeordneten im Kongress. Jeder Staat hat zwei Senatoren plus eine bestimmte Anzahl an Abgeordneten im Repräsentantenhaus. Wie viele Abgeordnete das sind, hängt von der Bevölkerungszahl ab, die alle zehn Jahre in einem Zensus gemessen wird.
Die Hauptstadt, Washington D.C., hat dabei eine Sonderrolle, weil sie kein Bundesstaat ist, was viele Bewohner gerne ändern würden, unter anderem, weil sie deswegen kein stimmberechtigtes Mitglied im Kongress haben. D.C. erhält drei Wahlmänner – so viel, wie der kleinste Bundesstaat Wyoming und einige weitere bevölkerungsarme Bundesstaaten, vor allem im Mittleren Westen. Das entspricht zwei Senatoren und zusätzlich ein Mitglied im Abgeordnetenhaus.
Zum Vergleich: Kalifornien entsendet 55 Wahlmänner ans Electoral College, Texas 38, der Bundesstaat New York 29. In 48 Staaten plus D.C. bekommt der Kandidat, der die meisten Stimmen in diesem Staat geholt hat, alle Wahlmänner (Winner-takes-it-all Prinzip). Nur Maine und Nebraska benutzen ein anderes, komplizierteres Wahlsystem.

Kritik am Electoral College: Kleine Staaten überrepräsentiert, Popular Vote übergangen

Kritiker bemängeln am Electoral College vor allem, dass es immer wieder vorkommen kann, dass derjenige Kandidat Präsident wird, der weniger Stimmen im Popular Vote, also aller abgegeben Stimmen in den USA, erhalten hat. Die Frage, wie demokratisch so ein System ist, muss erlaubt sein.
Das ganze hat ganz konkrete Auswirkungen auf die Machtverhältnisse im Land. Die Demokraten haben in diesem Jahrtausend bisher nur einmal den Popular Vote verloren: 2004, gegen George W. Bush als Amtsinhaber mit dem demokratischen Kandidaten John Kerry. Trotzdem haben die Republikaner insgesamt drei Legislaturperioden lang den Präsidenten gestellt, weil Bush (2000 gegen Al Gore) und Trump 2016 mehr Wahlmänner erhalten haben.

Wie hätte sich die Corona-Pandemie unter einer Präsidentin Hillary Clinton entwickelt?

Man kann nur spekulieren, wie sich die USA und die Welt anders entwickelt hätten, wenn statt Bush Gore und statt Trump Clinton Präsident beziehungsweise Präsidentin gewesen wäre, als es zu globalen Krisen wie den Terroranschlägen vom 11. September 2001 oder der Corona-Pandemie kam. Klar ist: Die politische Führung aus dem Weißen Haus wäre anders gewesen. Fakt ist: Die Mehrheit der Bevölkerung wollte Gore und Clinton – nur nicht die Mehrheit im Electoral College.
Generell werden kleinere Bundesstaaten durch das Electoral College überrepräsentiert, weil sie zusätzlich zu den Wahlmännern, die ihnen per Größe zustehen würden (die Anzahl der Abgeordneten im Repräsentantenhaus), noch die zwei Wahlmänner für die Senatssitze bekommen. Manche Bundesstaaten sind so klein, dass ihnen rechnerisch nur ein Wahlmann zustehen würde – und sie bekommen drei.
Davon profitieren größtenteils die Republikaner. Wyoming, North Dakota und South Dakota, alle mit drei Wahlmännern, sind absolute republikanische Hochburgen. Es ist daher sicher kein Zufall, dass seit dem 20. Jahrhundert noch kein Demokrat den Popular Vote verloren, aber das Electoral College gewonnen hat und damit Präsident wurde.