Nachdem die erste Fernsehdebatte zwischen den Präsidentschaftskandidaten Donald Trump und seinem Herausforderer Joe Biden im Chaos versunken war, lieferten sich deren designierten Stellvertreter Mike Pence und Kamala Harris ein vergleichsweise höfliches Rededuell. Überschattet wurde die Begegnung dann von Trumps Ankündigung, an der nächsten Debatte mit Biden nicht teilnehmen zu wollen, weil diese im virtuellen Format abgehalten werden soll.
Die Kombination aus Trumps Rückzug und dem kaum überzeugenden Auftritt seines Vizepräsidenten dürfte den beiden Republikanern kaum bei ihrem Bemühen geholfen haben, in Wählerumfragen den dringend notwendigen Boden wettzumachen.
Im Mittelpunkt des 90-Minuten-Duells stand erwartungsgemäß die Pandemie. Die demokratische Senatorin Kamala Harris ließ keine Gelegenheit aus, um das Weiße Haus wegen dessen konsequenter Verharmlosungsstrategie an den Pranger zu stellen. Pence versuchte zwar, den Umgang der Regierung mit dem Virus zu verteidigen, wusste aber nur selten Antworten auf die sachlich vorgetragenen Argumente der Ex-Staatsanwältin.

„Das größte Versagen eines Präsidenten in der Geschichte unserer Nation“

Schonungslos geißelte Harris Trumps Versuche, die schlimmste Gesundheitskrise seit über einem Jahrhundert schönzureden. Wie aus Interviews hervorgehe, die der Präsident dem Journalisten Bob Woodward gab, hätten Trump und Pence schon Ende Januar gewusst, wie gefährlich das Virus ist und der Öffentlichkeit diese Information vorenthalten, stellte sie nüchtern fest. Es handle sich „um das größte Versagen eines Präsidenten in der Geschichte unserer Nation“ wetterte die Demokratin gegen Trumps Reaktion auf die Pandemie. Wiederholt erinnerte sie daran, dass das Virus in den USA mittlerweile mehr als 210 000 Todesopfer gefordert hat und die Infektionszahlen weiter steigen.
Pence versuchte vergeblich, vom Thema abzulenken. Der Präsident habe postwendend reagiert und ein Einreiseverbot aus China angeordnet. Das Reich der Mitte sei verantwortlich für die Pandemie, schimpfte Pence und behauptete, dass wegen des unermüdlichen Einsatzes seines Chefs der breiten Bevölkerung noch vor Jahresende ein Impfstoff zur Verfügung stehen werde. Mit Geld für Krankenhäuser, der Bereitstellung persönlicher Schutzausrüstung und der Entwicklung eines Impfstoffs habe Trump „die größte Mobilisierung seit dem Zweiten Weltkrieg“ angeordnet, verteidigte Pence die Strategie des Weißen Hauses.

Pence: Wirtschaft erholt sich wieder

Ganz nach dem Vorbild des Präsidenten versuchte er wiederholt, Harris ins Wort zu fallen. Die selbstbewusste Juristin ließ sich die Unterbrechungen aber nicht bieten. „Jetzt rede ich“, sagte sie mehrmals schmunzelnd. Und Pence schwieg prompt.
Harris ließ auch keine Gelegenheit aus, sämtliche anderen Versäumnisse der Trump-Administration anzugreifen. So habe die Pandemie die US-Wirtschaft über elf Millionen Jobs gekostet, stellte die Senatorin fest. Pence konterte mit dem Argument, dass im Frühjahr doppelt so viele Arbeitsplätze vernichtet worden waren, viele wiederhergestellt seien und nach Trumps Wiederwahl, an die er fest glaube, die amerikanische Wirtschaft „das beste Jahr in ihrer Geschichte erleben wird“.

Schmusekurs mit Diktatoren – Kopfgeld aus US-Soldaten?

Auch versuchte er dem Fernsehpublikum immer wieder weiszumachen, dass Biden als Präsident für alle Amerikaner die Steuern anheben würde. Harris entkräftete das allerdings mit dem Hinweis, dass höhere Steuersätze ausschließlich für Wohlhabendere gelten würden.
Keine gute Figur gab Pence in der Diskussion um Außen- und Sicherheitspolitik ab. Harris verurteilte, dass der Präsident langjährige Verbündete in der Nato entfremde, dafür aber einen Schmusekurs gegenüber Diktatoren steuere. Sprachlos war der Vizepräsident, als sie daran erinnerte, dass Russland ein Kopfgeld auf US-Soldaten ausgesetzt und Trump dies bewusst verschwiegen habe.

Präsident nennt Harris ein lügendes „Monster“


Donald Trump hat die Vize-Kandidatin der Demokraten, Kamala Harris, nach ihrem TV-Duell mit Vizepräsident Mike Pence als „Monster“ verunglimpft. „Alles, was sie gesagt hat, war eine Lüge“, behauptete Trump am Donnerstag in einem Telefon-Interview mit dem Fernsehsender Fox Business. Trump bezeichnete die Senatorin aus Kalifornien zwei Mal als „dieses Monster“. Pence habe das Duell überzeugend gewonnen.

Erneut beschimpfte Trump auch seinen Herausforderer Joe Biden (77): Der Demokrat könnte höchstens zwei Monate lang im Weißen Haus regieren, weil „er mental nicht im Stande dazu ist, Präsident zu sein“, wetterte er. dpa