Soki, die Ansammlung aus kleinen Lehmhäusern und Hütten aus Hirsestangen, ist reich an Geschichten. Aus keinem anderen Ort haben sich in den vergangenen Jahren mehr Menschen auf den Weg gemacht Richtung Norden. Soki stellt den traurigen Rekord. Das Dorf in der Gemeinde Daouché hat nichts. Es ist nur reich an Sand und unvorstellbarer Ödnis. Kein Strom, kaum Abwechslung. Wenn die Arbeit auf den Feldern nach der Hirseernte abgeschlossen ist, fällt der Ort für zehn Monate in eine Monotonie, die nur vom Rhythmus der fünf muslimischen Gebetszeiten durchbrochen wird. Wo ist da Zukunft? In Soki gibt dafür ein Zauberwort: „Algerien“.

Algerien – ein Synonym für Chance

Wie eine Fata Morgana haben sich die Buchstaben in den Träumen nicht nur der Jungen eingenistet. „Algerien“ ist zu einem Synonym für Chance geworden, für Leben und Reichtum. Mit dem realen Land hat das wenig zu tun. Kaum einer im Dorf hat realistische Vorstellungen. Allenfalls diejenigen, die zurückgekehrt sind. Und die erzählen von einem Albtraum.

Zum Beispiel Nasiru Idi, ein junger Mann. Wie ein Halbstarker kreuzt er die Arme vor der Brust. Der 28-Jährige hat vor zwei Jahren alles auf eine Karte gesetzt – und verloren. Um einen Platz auf einem Pickup zu bekommen, hat er eine Hypothek auf sein Feld aufgenommen. Zurückgelassen hat er seine beiden Frauen und sechs Kinder. Er kam nach Algerien, nur wartete dort kein Paradies auf ihn. Nasiru Idi schlägt sich durch, hat Hunger und Durst. Oft schläft er auf dem Müll.

„Das Leben war furchtbar“. Der junge Mann sieht, wie eine junge Frau auf dem Weg ein Kind entbindet. „Die Nabelschnur haben wir mit einem Stein durchgeschlagen“. Doch das Baby stirbt. Es ist nicht der einzige Tote, den Nasiru Idi sieht. Irgendwann wird er in Algier von der Polizei aufgegriffen. Er kommt ins Gefängnis, wird gefesselt, geschlagen, des Wenigen beraubt, was er hatte. Migranten aus Ländern südlich der Sahara gelten in Algerien als „Plage“, die die Sicherheit des Landes gefährden. Seit 2017 werden sie gnadenlos abgeschoben oder in der Wüste ausgesetzt. Nasiru Idi hat Glück. Er schafft es zurück in sein Dorf – und kommt mit leeren Händen.

Mit leeren Händen

„Für unsere Dörfer ist das eine große Last“, sagt der Bürgermeister von Daouché, Abdoul Azis Hayo. Denn wie sollen die Gescheiterten sich und ihre Familien jetzt ernähren? „Wir brauchen eine Perspektive für die Jungen. Sie müssen zur Schule gehen und einen Beruf lernen können,“ fügt Abdoul Azis Hayo an. Wer nicht will, dass sich Menschen in ein aussichtsloses Abenteuer stürzen, müsse Möglichkeiten in Afrika schaffen, betont auch die stellvertretende Unicef-Repräsentantin im Niger, Ilaria Carnevali.

Die EU hat für den Niger bis 2020 eine Milliarde Euro Entwicklungshilfe zugesagt. Viel Geld fließt in Projekte zur Grenzsicherung. Niger ist Haupttransitland für Menschen aus dem Süden Afrikas Richtung libysche Grenze. Von der Stadt Agadez aus starteten viele durch die Wüste. Jetzt prägen Autofriedhöfe mit hunderten beschlagnahmter Pickups die Stadt. Sie zeugen von der seit 2015 geltenden rigiden Abschreckungspolitik. Die Regierung in Niamey hat sich verpflichtet, Flüchtlinge zu stoppen. Dafür erhält sie Geld aus Europa. Agadez ist zur Sackgasse geworden. Tausende Migranten kommen nicht mehr vorwärts – und viele trauen sich nicht mehr zurück.

Die Nachricht davon dringt nur langsam vor zu den Dörfern. Nach Soki haben die beiden 17-Jährigen Sefila und Minsai die Botschaft mitgebracht. Mit 15 hatten sie sich ohne Erlaubnis der Eltern aus dem Dorf gestohlen. Wie so viele Gleichaltrige wollten sie ihr Glück in Algerien suchen. Nicht wenige bezahlen das mit ihrem Leben. Sefila träumte von Startkapital für eine Bonbonproduktion. Für seine Reise borgte er sich Geld. Sein Altersgenosse Minsai verkaufte eine Ziege des Vaters. Doch Arbeit fanden die Jungen nicht. In Algerien wurden sie ausgenutzt, beraubt und drangsaliert. „Wenn ich geahnt hätte, wie viel Leiden das bedeutet, wäre ich nie gegangen“, sagt Minsai. Er schaffte es ins Dorf zurück mit Hilfe der Internationalen Organisation für Migration (IOM). Heute versucht er mit Unterstützung von Unicef, sich ein neues Leben aufzubauen. Mit seinem Vater kocht er einfache Gerichte zum Verkauf.

Starthilfen und Projekte

Starthilfen für Gescheiterte sind wichtig, doch sie lösen kein Problem. Das weiß auch Armand Gnahore, einer der Verantwortlichen von Unicef für den Niger. Wenn nur die belohnt werden, die sich auf das gefährliche Abenteuer eingelassen haben, sende das ein falsches Signal an jene, die in den Dörfern nach einer Perspektive suchen. Deshalb brauche es Bildung und eine Grundversorgung für die Menschen.

 „Es schmerzt zu sehen, dass so viele Junge ihre Heimat verlassen“, sagt Alkali Laouali Ismaël, die höchste islamische Autorität in der Region Maradi. „Hier haben sie wenigstens ihre Würde, egal wie arm sie sind“. Wenn die Jungen in der Fremde vom Betteln lebten oder sich selbst verkauften, bliebe ihnen nicht einmal das. Die Stimme des 65-jährigen Friedensrichters, der oft bei Dorf- und Familienstreitigkeiten aufgesucht wird, hat Gewicht. Doch gegen Illusionen kommt auch er kaum an.

Da helfen schon eher konkrete Projekte, wie es sie in einem ausgetrockneten Flussbett gut 50 Kilometer entfernt von der Stadt Zinder gibt. Ein Landbesitzer hat zehn Frauen eine kleine Landfläche zur Bewirtschaftung überlassen. „Für uns war das eine Riesenchance“, sagt eine ältere Frau. Mit ihren Mitstreiterinnen hat sie kleine Parzellen angelegt und Rinnen für Wasser, das mit einer kleinen Pumpe aus der Tiefe befördert wird. Zwiebeln, Kohl, Kräuter, Tomaten, Paprika, Maniok, Salat und Kartoffeln gedeihen in den Beeten. Die Gemeinde stellt den Dünger. Saatgut und Benzin für die Pumpe erwirtschaften die Frauen selbst. „Das reicht für unsere Familien – und für den Verkauf“, betont eine der Gärtnerinnen. Der Gemüseanbau gibt ihnen eine Perspektive. „Keine muss mehr weg“, sagt eine junge Frau. Sie selbst ist von Agadez zurückgeschickt worden. Weg will sie heute nicht mehr.