Am Dienstag werden Amerikas Wähler entscheiden, ob im Januar kommenden Jahres Donald J. Trump ein zweites Mal den Amtseid ablegt oder ob Joe Biden der 46. Präsident der Vereinigten Staaten wird. Obwohl Umfragen für den Demokraten sprechen, bleibt der Ausgang der Wahl völlig offen. So sieht die Lage nach den Umfragen aus:
Weiße Männer: Sie trugen vor vier Jahren maßgeblich dazu bei, dass Trump – an den Wahlmännerstimmen gemessen – einen hauchdünnen Sieg gegen Clinton feiern konnte. In ihrer Gunst ist der Präsident aber gesunken. Ausschlaggebend dafür sind sein Umgang mit der Coronavirus-Pandemie und sein Unvermögen, sich trotz monatelanger Verhandlungen mit den Demokraten auf ein weiteres Konjunkturpaket zu einigen.
 So plädiert eine klare Mehrheit, selbst unter Republikanern, für zusätzliche Direktzahlungen an Haushalte und Zuschüsse für US-Staaten, die von den wirtschaftlichen Folgen der Gesundheitskrise überfordert sind.
Fazit: Unentschieden
Afroamerikaner: Dort ist der traditionelle Vorsprung, den Demokraten genießen, unverändert geblieben. Nach Angaben des Washingtoner Meinungsforschungsinstituts Pew Research unterstützen etwa 90 Prozent der Afroamerikaner Joe Biden. Zwar behauptet Trump, dass „mit der möglichen Ausnahme Abraham Lincolns kein anderer Präsident in der Geschichte so viel für Schwarze getan hat wie ich“. Der Präsident verweist auf seine Justizreform sowie die Tatsache, dass die Arbeitslosigkeit unter Schwarzen ebenso wie unter anderen Minderheiten gesunken ist.
Viele halten Trump aber für einen Rassisten und kritisieren seine hartnäckige Weigerung, unnötige Polizeigewalt gegen unbewaffnete Schwarze zu verurteilen. Afroamerikaner machen etwa 13 Prozent aller Wähler aus, beteiligen sich in Rekordzahlen an der Wahl und könnten in Südstaaten wie North Carolina, Georgia und Florida Biden sowie anderen Demokraten zum Sieg verhelfen.
Fazit: Vorteil Biden
Latinos: Zum ersten Mal in der Geschichte machen Wähler his­panischer Abstammung einen größeren Teil des Wahlvolkes aus als Afroamerikaner. In den USA sind insgesamt 32 Millionen Latinos wahlberechtigt, und auch bei dieser Gruppe hat Biden klare Vorteile. Nach Angaben des Pew Instituts unterstützen etwa zwei Drittel von ihnen den Demokraten, während weniger als 30 Prozent dem Präsidenten ihre Stimme geben wollen.
Zwar ist die Tendenz, eher demokratisch zu wählen, keineswegs neu. Unter Trump kommt aber hinzu, dass seine offen zur Schau getragenen Vorurteile Latinos weiter entfremdet haben. Dazu zählen sein Beharren auf dem Bau einer Grenzmauer und Behauptungen wie „Mexiko schickt uns nicht seine besten Leute, sondern Mörder und Vergewaltiger“. Die kritische Haltung gegenüber dem Präsidenten könnte Biden in Staaten wie Texas und North Carolina helfen.
Fazit: Vorteil Biden
Wie wird der US-Präsident gewählt?
Wie wird der US-Präsident gewählt?
© Foto: SWP-Grafik Scherer, Quelle: DPA (*AUSNAHMEN MAINE UND NEBRASKA: PROPORTIONALE AUFTEILUNG)
Frauen: Sie stellen mehr als die Hälfte aller registrierten Wähler in den USA. Dort liegt der ehemalige Vizepräsident in Umfragen mit bis zu 25 Prozentpunkten vor Trump, ein größerer  Vorsprung, als ihn vor vier Jahren selbst die demokratische Präsidentschaftsbewerberin Hillary Clinton hatte.  Deutlich an Boden verloren hat der Präsident bei den sogenannten „Suburban Moms“, also Müttern in den Vororten, die typischerweise politisch engagierter sind als ihre Partner und sich durch eine höhere Wahlbeteiligung auszeichnen.
Viele von ihnen sind entsetzt über seine Verharmlosung des Coronavirus und seine unerschöpflichen Bemühungen, die als Obamacare bekannte gesetzliche Krankenversicherung abzuschaffen. Bei einer Wahlkampfveranstaltung in Pennsylvania  flehte Tump kürzlich die Mütter an: „Liebt mich doch bitte!“ Wie der republikanische Stratege Whit Ayres feststellt, „mögen diese Wähler ihn auch einfach nicht, sie halten Trump für einen Rüpel und Lügner“.
Fazit: Vorteil Biden
Arbeiter: Diese Gruppe stellt zusammen mit Landwirten den Kern von Trumps politischer Basis dar, die zwischen 35 und 40 Prozent der Wählerschaft repräsentieren. Landwirte freuen sich vor allem über die massiven Subventionen, die Trump durchsetzen konnte, als sie unter den Folgen des Handelskriegs mit China litten. Auch unterstützen ihn Stahl- und Kohlearbeiter, was dem Präsidenten in Staaten wie West Virginia, Ohio und Pennsylvania hilft. Hauptgrund dafür ist, dass der Präsident ein energischer Vorkämpfer für die fossile Energieindustrie bleibt.
Fazit: Vorteil Trump
Hochschulabsolventen: Während Trump bei Amerikanern ohne Uni-Abschluss in Führung liegt – allerdings mit geschrumpftem Vorsprung von nur noch 23 statt 37 Prozent, hat Biden bei Akademikern klare Vorteile. Von ihnen unterstützen etwa 70 Prozent den demokratischen Herausforderer. Selbst bei Studienabbrechern hat Biden die Nase vorn.
Fazit: Vorteil Biden
Evangelikale: Bei dieser Glaubensgruppe hat Trump eine mächtige Basis. 2016 votierten 81 Prozent für ihn. Evangelikale Christen nehmen die Bibel wörtlich und lehnen eine Anpassung ihrer Lehren an die Moderne ab. Dem Pew Research Center zufolge bekennt sich rund ein Viertel der US-Bevölkerung zu dieser konservativen Glaubensrichtung. Trump hat viele Entscheidungen in ihrem Interesse gefällt: Er besetzte zahlreiche Richterposten mit Konservativen und unterstützte Israel vorbehaltlos. Viele Evangelikale erhoffen sich von ihm ein Verbot der Abtreibung. Pew zufolge wollen 82 Prozent ihn wiederwählen.
Fazit: Vorteil Trump