Dass Journalisten bei der Ausübung ihres Berufes ums Leben kommen, ist seit langem traurige Realität. Die Organisation „Reporter ohne Grenzen“ berichtete 2017 von weltweit mindestens 65 Todesopfern unter Mitarbeitern von Medien, nicht nur in Kriegsregionen. In diesem Jahr liegt diese Zahl schon wieder bei fast 60 Toten, darunter investigative Reporter auf Malta, in der Slowakei und aus Saudi-Arabien.

Kamerateams erleben blanken Hass

 Deutschland war bisher ein für Pressevertreter eher sicheres Pflaster – gemessen an den Krisengebieten in Lateinamerika, Asien, Afrika und dem Nahen Osten oder europäischen Staaten, in denen die Meinungsfreiheit von Polizeiknüppeln, Justizwillkür oder gar Auftragsmördern bedroht wird. Doch scheint sich hier gerade etwas zu verändern. So sahen sich die öffentlich-rechtlichen TV-Sender veranlasst, verstärkte Sicherheitsmaßnahmen für ihre Kamerateams anzuordnen, denen in jüngster Zeit blanker Hass begegnet, begleitet von Gewaltandrohung und Übergriffen bei Demonstrationen oder Parteiveranstaltungen. In einer Studie der Universität Mainz stimmten 20 Prozent der Befragten dem Urteil zu, Politik und Medien arbeiteten „Hand in Hand, um die Meinung der Bevölkerung zu manipulieren“.

„Feinde des Volkes“

 Die USA lassen grüßen: Dort stehen einzelne Redaktionen wie die „New York Times“ oder der „Boston Globe“ inzwischen unter Polizeischutz, nachdem sie Bombendrohungen erhielten. „Die Presse“, so beklagt Regisseur Steven Spielberg („Die Verlegerin“), „wird heute massiver angegriffen als je zuvor.“ Und das nicht nur verbal, sondern auch physisch.

 Ein Wunder ist das zumindest in den Vereinigten Staaten kaum. Hier amtiert ein Präsident, der den Medien („Fake News“) ganz unverblümt den Krieg erklärt hat, weil er Journalisten als „Feinde des Volkes“ betrachtet. In einer konzertierten Aktion haben deshalb über 300 Tageszeitungen in den USA in Leitartikeln vor einer Gefährdung der Pressefreiheit und der Demokratie durch Donald Trumps notorische Attacken gewarnt: „#FreePress: Wir sind nicht der Feind des Volkes. Wir sind das Volk.“

Grund zur Sorge – auch in Deutschland

So weit sind wir in Deutschland noch nicht. Aber es gibt auch hier Gründe, sich Sorgen zu machen um die friedliche Koexistenz von politischen Entscheidungsträgern und medialen Vermittlern auf der einen, Wahlbürgern und Publikum auf der anderen Seite. Das Gift, das populistische Aktivisten mit Kampfvokabeln wie „Lügenpresse“, „Staatsfunk“, „Mainstream- oder Systemmedien“ verbreiten, verfehlt seine Wirkung nicht. Via Internet toben sich – meist im Schutz der Anonymität – selbsternannte Hassprediger aus, die Verschwörung wittern und Journalisten verleumden.

 Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier hat schon mehrfach vor den „Medienverächtern“ gewarnt, die jene verunglimpfen, „die sich darum bemühen, im Strom der Nachrichten für Halt und Orientierung zu sorgen, die sich für Aufklärung und Vernunft einsetzen – im Bewusstsein der eigenen Fehlbarkeit und der Möglichkeit der Täuschung“. Trotz der Ermahnung aus dem Schloss ­Belle­vue wird in den Redaktionen sehr wohl wahrgenommen, wie ungehemmt neuerdings „die Grenzen des Sagbaren“ (Steinmeier) überwunden, wie unverfroren eingeschüchtert und denunziert wird.

Wutbürger und Radikale

 Dies umso mehr, als sich auch einige Kolumnisten und Experten an der pauschalen Presseschelte beteiligen, zuweilen in einer ähnlich überzogenen Weise wie die populistische Medienkritik. Wenn ein Berliner Monatsmagazin Reporter als „Missionare“ an den Pranger stellt, Journalismus als „inquisitorischen Furor“ brandmarkt, wenn Leitartikler der „moralischen Selbstermächtigung“ und des „aburteilenden Bekennerstolzes“ bezichtigt werden, dann bedient dieser Sprachgebrauch exakt die Ressentiments, von denen sich Wutbürger und Radikale mit dem Ziel auf die Straße treiben lassen, vermeintlich „links-grün versiffte“ Kommentatoren mundtot zu machen.

Den in der gegenwärtigen Debatte wiederholt geäußerten Vorwurf, in den deutschen Medien spiegelten sich weit überwiegend progressive Ansichten wider, weil es unter den Journalisten eine deutliche Majorität mindestens liberaler, wenn nicht dezidiert linker „Gesinnungstäter“ gebe, hat in diesen Tagen der unverdächtige Historiker Paul Nolte entkräftet: „Warum manche auf die Idee kommen, in dieser zivilgesellschaftlichen Arena würden Lektionen aus der Geschichte mit dem Holzhammer verabreicht oder ein politisch einseitiges Projekt mit linker Schlagseite betrieben, ist bei näherer Betrachtung rätselhaft.“

Längst nicht nur Chronist

Allerdings bestehen viele Journalisten darauf, sich in einer pluralistischen Gesellschaft nicht auf die Rolle von Chronisten oder Stenografen reduzieren zu lassen, die das Geschehen bloß beobachten und abbilden. Vielmehr sehen sie sich in der Verantwortung, auf Zusammenhänge hinzuweisen, auf Motive, Kausalitäten und Hintergründe. Ohne sich gleich zur „Vierten Gewalt“ im Staate aufzuschwingen, ist es doch legitim, wenn Medien in einer komplexer werdenden Welt Positionen erklären, Prozesse erläutern und Personen charakterisieren.

Die reine Beschreibung von Sachverhalten reicht als Grundlage für Verständnis und Sinnsuche nicht aus – es braucht zudem „Deutungen, die Daten in verständliche Kontexte einordnen“, wie der Politikwissenschaftler Werner Weidenfeld sagt. „Die Presse“, so urteilte einst das Bundesverfassungsgericht nach der „Spiegel“-Affäre 1966, „beschafft Informationen, nimmt selbst dazu Stellung und wirkt damit als orientierende Kraft in der öffentlichen Auseinandersetzung.“

Kritik ernst nehmen

Nun wird gegen diese Methode journalistischer Vermittlung eingewandt, oft sei für Leser oder Zuschauer nicht sichtbar, wo Information und Aufklärung enden, wo Wertung und Parteinahme beginnen. Die Trennung von Nachricht und Meinung werde in Deutschland nicht so strikt eingehalten wie etwa in angelsächsischen Medien. Diesen Vorhalt hat eben erst der US-Professor Jay Rosen bekräftigt, als er den deutschen Journalisten ins Stammbuch schrieb: „Sie haben nicht die Aufgabe, den Leuten zu sagen, was sie denken sollen. Ihre Aufgabe ist es, sie auf Dinge aufmerksam zu machen, über die sie nachdenken sollten.“ Auch für den Medienforscher Michael Haller wird Meinung zu häufig „als Berichterstattung verpackt“, um „Andersdenkende moralisch zurechtzuweisen“. Diese Kritik ist ernstzunehmen und wird selbst von dem Hinweis nicht widerlegt, den Hallers Kollege Norbert Bolz zu Recht liefert: „Jede Berichterstattung ist Selektion, eine Auswahl.“ Weil dieses Filtern von Nachrichten naturgemäß nicht ausschließlich objektiven Maßstäben folgt, sondern subjektiven Einschätzungen oder situativen Einflüssen unterworfen ist, sollten Journalisten immer auch den Anspruch der Mediennutzer im Auge behalten, über Rahmenbedingungen und Voraussetzungen ihrer Arbeit im Bilde zu sein.

Ein Mangel an Transparenz

Journalismus ist keine Geheimwissenschaft, die Medien sind keine Loge, die sich von der Außenwelt abschottet. Doch es stimmt, dass es mitunter an Transparenz mangelt, wenn Zeitungen angebliche Fakten ohne glaubwürdige Quellen präsentieren, wenn im TV Bilder verbreitet werden, ohne deren Ursprung zu belegen, wenn Mutmaßungen im Gewand der Wahrheit daher kommen. So wird Vertrauen aufs Spiel gesetzt, die Grenze zur Agitation verschwimmt. Hier gilt, dass Journalisten und Medien eine Bringschuld gegenüber ihren Kunden haben, Recherchemethoden und Auswahlkriterien offenlegen müssen, gegebenenfalls auch ökonomische Abhängigkeit.

Haltung ist wichtig

Journalisten können sich nicht freimachen von Erfahrungen und Überzeugungen. Ihre Beiträge sind umso glaubwürdiger, je weniger darin (partei-)politische Präferenzen aufscheinen, sondern Maßstäbe und Koordinaten, die unzweifelhaft zum kulturellen Spektrum einer vielfältigen Medienlandschaft gehören, zur ganzen Breite aller Werte und Weltanschauungen in Deutschland.

So sehr unsere Demokratie das Bekenntnis ihrer Bürger zu Grundrechten und Verfassungspflichten braucht, so unverzichtbar sind Journalisten mit einem klaren Standpunkt zu Freiheit, Toleranz und Rechtsstaatlichkeit. Verräterisch klingt es, wenn Medienkritiker tönen: „Haltung ist kein Journalismus, Haltungsjournalismus gefährlich.“ Das Gegenteil ist richtig: Ohne entschiedene Haltung kann man nicht aufrecht gehen. Und ohne aufrechten Gang fehlt es Demokraten an Statur wie Stabilität.

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