Abschiebebeobachterin am Flughafen
: „Ihr Sohn war barfuß, trug nur einen Schlafanzug“

HintergrundMelisa Ergül-Puopolo ist Abschiebebeobachterin am Frankfurter Flughafen. Sie erlebt Menschen, die verzweifelt sind, panisch, ohne Perspektive. Manchmal aber gibt es auch ein kleines Wunder.
Von
Elisabeth Zoll
Frankfurt
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Melisa Ergül-Puopolo ist Abschiebebeobachterin.

Melisa Ergül-Puopolo arbeitet seit zehn Jahren als Abschiebebeobachterin am Frankfurter Flughafen.

Elisabeth Zoll
  • Abschiebebeobachterin Melisa Ergül-Puopolo begleitet Rückführungen am Flughafen Frankfurt.
  • Sie ist nachts im Einsatz, spricht Betroffene an und sorgt für einen möglichst humanen Ablauf.
  • Häufig kommen Menschen ohne Vorbereitung an: Schreie, Tränen, Fesselungen, fehlende Kleidung.
  • Auch Erwerbstätige und Familien werden vermehrt abgeschoben – teils mit Kindern und ohne Info.
  • Sie kooperiert mit Bundespolizei und Sozialdiensten, selten wird eine Abschiebung noch gestoppt.

Die Zusammenfassung wurde durch künstliche Intelligenz erstellt.

Nachtstunden. Die Zeit, in der das Herz der Rhein-Main-Region ein wenig zur Ruhe kommt, ist kurz. Wenn Kneipen schließen, die S- und U-Bahnen kaum noch fahren, startet Melisa Ergül-Puopolo nicht selten in ihren Tag. Zwischen ein und vier Uhr morgens sitzt sie dann in der Linie S8, die sie zum Frankfurter Flughafen bringt. Die Juristin ist Abschiebebeobachterin, eine der ganz wenigen in Deutschland. Sie achtet darauf, dass die Sicherheitskräfte angemessen mit Menschen umgehen, die abgeschoben werden,  und ist ansprechbar in einer Situation größter Not.

Der Ruf nach Abschiebungen fehlt mittlerweile auch aus Angst vor dem politisch rechten Rand in kaum einer politischen Debatte. Die neue Härte kommt auch bei Ergül-Puopolo an. Seit fast zehn Jahren ist sie Stimme derjenigen, die Deutschland mit den ersten Maschinen des Tages oder spät in der Nacht zwangsweise verlassen müssen. Die 47-Jährige weiß, was Verzweiflung ist. Sie hat die Angst von Kindern und Erwachsenen mehrfach die Woche vor Augen. Diese auszuhalten gehört mit zu ihrer Aufgabe. „Den Abschiebevollzug hinterfrage ich als Abschiebebeobachterin nicht“, sagt sie. Das haben der Gesetzgeber und Gerichte so entschieden. „Doch ich kann dafür sorgen, dass zumindest die letzten Stunden auf deutschem Boden noch einigermaßen menschlich sind.“

Drama gleich neben frohgestimmten Reisenden

Melisa Ergül-Puopolo arbeitet am Flughafen in den Räumen der Bundespolizei. Nur Sicherheitskräfte und einige wenige wie sie haben Zutritt zu diesem unauffälligen, aber abgetrennten Areal des Flughafens gleich neben den Terminals, von denen aus frohgestimmte Reisende in ihren Urlaub starten. Auch für Journalisten ist kein Durchkommen, weshalb das Gespräch in einem Raum des Kirchlichen Sozialdienstes am Flughafen stattfindet. Dort arbeiten Frauen und Männer von Diakonie und Caritas. Sie kümmern sich um Menschen, die auf dem Flughafen stranden, um Wohnsitzlose, die hier zu hunderten fast unsichtbar leben, und um deutsche Rückkehrer, die nach Jahrzehnten in der Fremde im Alter oder wegen Krankheit wieder in Deutschland aufschlagen, oft ohne eine Adresse oder Verbindungen.

Melisa Ergül-Puopolo arbeitet eng mit dem Team zusammen, wenn beispielsweise eine Abschiebung abgebrochen wird und die Person ohne Ortskenntnisse und Geld im Gewimmel des Abflugterminals aufschlägt und Hilfe braucht, sie aber nicht eingreifen kann. „Wenn ich im Einsatz bin, verlasse ich den Sicherheitsbereich nicht mehr“. Die Frau mit der gelben Sicherheitsweste, auf der die Logos von Diakonie und Caritas prangen, wird dort gebraucht.

Schreie, Tränen, Handgreiflichkeiten

Oft die ganze Nacht hindurch werden Menschen, die keinen gesicherten Aufenthaltsstatus haben, von Polizisten der Bundesländer unangekündigt aufgesucht und nach Frankfurt oder zu den Abschiebeflughäfen Leipzig/Halle, Berlin-Brandenburg, Düsseldorf und Hamburg gebracht. Zum Packen oder Abschiednehmen bleibt da keine Zeit. Meist gelingt es den Betroffenen nicht einmal Angehörigen Bescheid zu geben, dass die Polizei in der Wohnung oder Unterkunft steht und man nun das Land verlassen muss. Die Situation ist fast immer dramatisch. Kinder werden durch die Situation in Panik versetzt, Erwachsene gezwungen, schnell das Nötigste in Tüten und Taschen zu stopfen. Über allem schwebt die Angst, wo und wie es weitergehen wird. Wohin sie geschickt werden, wissen die meisten nicht. Es gibt Schreie, Tränen, nicht selten auch Handgreiflichkeiten, wenn sich Menschen weigern, sich anzuziehen, um so die Abschiebung zu verhindern, oder Beamte bespucken und schlagen. Vor und während der Zubringerfahrten herrsche mitunter ein rauer Umgang. Immer wieder werden Menschen gefesselt. Ihr sei in Frankfurt auch schon eine Frau übergeben worden, die nur mit einer Jacke und einem BH bekleidet war, ihr Sohn war barfuß, trug nur einen Schlafanzug, sagt Melisa Ergül-Puopolo.

Für die Abschiebungen werden Menschen aus dem Bett gerissen oder direkt vom Arbeits- und Ausbildungsplatz abgeholt. Die Juristin hat noch den fassungslosen Nigerianer vor Augen, der in Amazon-Dienstkleidung vor ihr stand, weil die Polizei ihn am Arbeitsplatz abgegriffen hatte. Warum er, wo er doch arbeiten geht und sein eigenes Geld verdient? Oder die junge Erzieherin, die kurz vor dem Ende ihrer Ausbildung, im Anerkennungsjahr, in einen Abschiebeflieger gesetzt wurde. „Es werden inzwischen vermehrt Familien abgeschoben und Menschen, die in Lohn und Brot sind“, beobachtet die Juristin. Man greife ab, was schnell abgreifbar sei. Das können mitunter auch Menschen am Arbeitsplatz, in Schutzeinrichtungen wie Frauenhäusern, oder in Psychiatrien oder Krankenhäusern sein. Die ärztliche Einschätzung „fit to fly“ (fit zum Fliegen) reiche, um ausgeflogen zu werden. Mit den Zahlen werde das politisch rechte Lager gefüttert. „Gruselig“ nennt sie das.

Abschiebungen

Nicht nur vom Frankfurter Flughafen werden Menschen abgeschoben. Aber dort gibt es zumindest Abschiebebeobachter.

Sebastian Gollnow/dpa

Ja, die Zahl der Abschiebungen ist in den vergangenen Jahren in die Höhe geschnellt. Waren es 2022 noch knapp 13.000 Menschen, stieg die Zahl im Jahr 2023 auf 16.430, zwei Jahre später waren es bereits 22.787, darunter rund 3600 Minderjährige. Abgeschoben werden Menschen inzwischen vor allem in die Türkei, nach Georgien, Spanien, Frankreich und in die südlichen Balkanstaaten sowie den Irak. Doch es sind eben nicht die Straftäter, die die Statistiken füllen.

Melisa Ergül-Puopolo weiß das alles. Seit vielen Jahren engagiert sie sich in der Flüchtlingshilfe. Zuerst als Freiwillige, später als Rechtsanwältin und seit knapp zehn Jahren mit einem Kollegen zu je 50 Prozent auch als Abschiebebeobachterin. Die Stelle haben die evangelische und katholische Kirche eingerichtet. „Ich weiß, dass ich eine Abschiebung nicht verhindern kann. Aber ich bin da, eine schwer erträgliche Situation erträglicher zu machen“, sagt sie.

Die letzten Stunden auf deutschem Boden

Und so steht die Frau aus dem Frankfurter Stadtteil Sachsenhausen („hessischer geht es gar nicht“) an diesem Morgen um halb fünf im Sicherheitsbereich des Frankfurter Flughafens. Die Bundespolizei hatte sie am Vortag darüber informiert, dass mit einer der ersten Maschinen um 6.40 Uhr eine Frau mit ihren drei Kindern – eines davon geistig behindert, eines gehörlos – nach Kroatien abgeschoben wird. Das Land gilt als sicherer Drittstaat. Informationen zu geplanten Abschiebungen bekommt die Juristin regelmäßig von der Bundespolizei. „Ich entscheide dann selbst, ob ich zum Flughafen fahre oder nicht.“ Wenn Kinder von der Rückführung betroffen sind, ist die Wahrscheinlichkeit groß.

Melisa Ergül-Puopolo ist da, wenn die Landespolizeien Abzuschiebende der Bundespolizei übergeben. „In diesem Moment beginnt meine Arbeit.“ Bis zum Abflug dauert es dann noch Stunden. Es braucht den Puffer, auch weil bei Linienflügen die Betroffenen eine Stunde vor dem Boarding der regulären Passagiere im Flugzeug sitzen müssen. Nach dem Sicherheits-Check spricht Ergül-Puopolo die meist völlig verstörten Menschen an, stellt sich vor – „Guten Tag, ich bin von der Kirche“ – und fragt, ob sie nach stundenlanger Autofahrt zu essen oder zu trinken haben. Nicht selten blickt die Juristin dabei in apathische Gesichter, aus denen jede Hoffnung gewichen ist. Andere Aufgegriffene fluten sie mit Worten, in die sie die Jahre in Deutschland pressen. Dann hört sie zu, fühlt sich ein, nimmt das Gegenüber in den Arm. Dass sie Türkisch, Italienisch und Englisch spricht, kommt ihr dabei zugute.

Im Abschiebeland auf sich gestellt

Es sind Kleinigkeiten, mit denen sie die angespannte Situation in dem abgeschirmten Wartebereich zu entkrampfen versucht: mit Spielzeug für die Kinder, um sie abzulenken oder mit Ladekabeln, damit die Älteren ihre Handys aufladen können, um am Zielort telefonieren zu können. Manche Ausreisepflichten bitten sie auch um einen Anruf bei Angehörigen, damit diese wissen, was in der Nacht geschehen ist. Andere machen sich Gedanken um die Wohnung und das Wenige, das sie hatten, als sie Hals über Kopf aufbrechen mussten. Wieder anderen fehlt notwendige Medizin oder sie haben sich vor Panik oder aus Trotz eingenässt und brauchen nun trockene Kleidung. Manchmal gelingt es ihr sogar, Kontakt zu Helfern im Aufnahmeland herzustellen, damit diese sich um Opfer von Menschenhandel kümmern, die im Herkunftsland oder im vermeintlich sicheren Drittstaat sexuelle Gewalt erlebt haben und die nun außer sich sind vor Angst. Doch weiß sie auch, dass vielerorts die Strukturen überlastet sind und die Abgeschoben sich selbst überlassen werden und auf der Straße landen.

Dass in letzter Minute eine Abschiebung noch ausgesetzt wird, ist äußerst selten. Ergül-Puopolo erzählt von einer Frau aus Freiburg, die ihr ihre Tasche mit medizinischen Dokumenten in die Hand gedrückt hat. Beim Durchblättern stellte die Juristin fest, dass die Frau just am Tag der Abschiebung einen Termin für eine Chemotherapie in der Uniklinik hatte. Ein kleines Wunder nahm seinen Lauf. Nach Rücksprache mit Polizei und Behörden sowie mithilfe des Sozialdienstes wurde die Frau nach Freiburg gefahren und konnte dort ihre Therapie beginnen. „An diesem Tag bin ich nachhause gefahren mit dem Wissen, etwas Gutes erreicht zu haben“, sagt Ergül-Puopolo.

Mit der Bundespolizei kooperiert sie gut. Es gibt einen regelmäßigen Austausch, viermal sogar ein mit weiteren Experten besetztes Forum, bei dem Beobachtungen besprochen werden. Zu Beginn ihrer Tätigkeit seien die Fronten zur Polizei oft noch „sehr verhärtet“ gewesen. „Wer will schon, dass man ihm ständig über die Schultern schaut?“, sagt Ergül-Puopolo. Man müsse halt einen „flotten Ton“ aushalten können. Bei dem Satz muss die dreifache Mutter schmunzeln und räumt ein: „Ich bin auch keine Leise-Frau.“ Für ihre Aufgabe im Abschiebebereich ist das kein Nachteil.

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