Berater für Lotto-Gewinner: „Was mache ich mit 20 Millionen Euro, Herr Trabalski?“

Lutz Trabalski leitet die Kundenbetreuung von Lotto Berlin.
Florian Gaertner/photothek.deBloß nicht ausflippen! Das rät Lutz Trabalski frischgebackenen Millionengewinnern. Die meisten Glückspilze sitzen spätestens zwei Tage nach der Ziehung der Lottozahlen im Berliner Büro des Gewinnerberaters. Im Telefoninterview erzählt der Berater, dass es nur selten vorkomme, dass sich jemand nicht meldet. Aktuell lockt ein 120-Millionen-Euro-Jackpot in der Lotterie Euro-Jackpot. Die nächste Ausspielung ist am Freitagabend (15.11.).
Herr Trabalski, macht Geld glücklich?
Glücklich sein ist ein Zustand, und dafür ist jeder selbst verantwortlich. Ich sag’ immer: Man hat einfach Glück gehabt, wenn man einen hohen Gewinn im Lotto erzielt hat. Es ist Aufgabe der Gewinner, damit glücklich zu werden. Wir versuchen, ein bisschen dabei zu helfen. Geld allein macht nicht glücklich. Dafür habe ich hier schon zu viele Schicksale mitbekommen. Wenn sich Gewinnerinnen und Gewinner mir gegenüber öffnen, merke ich, dass ein hoher Gewinn zwar toll ist, dass andere Werte aber wichtiger sind. Gesundheit und die Familie etwa.
Was macht das mit mir, wenn ich über Nacht zur Millionärin werde?
Es versetzt Sie in einen Zustand der starken Euphorisierung. Fast alle Gewinner empfinden große Freude und sind sehr aufgeregt. Oft sagen sie: „Ich hab die ganze Nacht nicht geschlafen.“ Aber da spielt auch Unsicherheit mit.
Laut Psychologen gehört ein hoher Lottogewinn zu den kritischen Lebensereignissen, weil er belasten, verunsichern und überfordern kann.
Das sehen wir auch so. Staatliche Lotterien haben den Auftrag, ein legales Spielangebot zur Verfügung zu stellen. Wir sehen aber auch, dass wir eine Verantwortung haben. Wir wollen Menschen, die einen hohen Gewinn erzielt haben, nicht damit im Regen stehen lassen. Wenn sie Fragen zur weiteren Lebensplanung haben, stehen wir ihnen zur Seite. Ich hatte mal eine Gewinnerin, die hatte über zehn Millionen Euro gewonnen. Ich fragte sie, was sie denn für Pläne habe. Als sie alles aufgezählt hatte, fragte ich sie: „Und was machen Sie mit den restlichen neun Millionen?“ Da wurde ihr erst bewusst, wie hoch der Betrag ist. Das sind Dimensionen, in die man reinwachsen muss, vor allem mental.
2018 haben Sie zwei Arbeitskollegen aus Berlin-Neukölln beraten, die den Eurojackpot geknackt und zusammen mehr als 42 Millionen Euro gewonnen haben. Kann man eine solche Summe überhaupt verkraften?
Ja, das sind unvorstellbare Summen! Ich merke, dass ein, zwei oder auch drei Millionen heute kein großes Thema mehr sind. Aber mehr als 40 Millionen Euro, das macht was mit einem. Man muss schon sehr aufgeräumt sein und sich genau überlegen, was man damit macht. Die beiden Herren waren überraschenderweise sehr gut vorbereitet, da brauchte ich nicht viel beizutragen, damit sie nicht die Bodenhaftung verlieren. Sie wussten, wie sie in der ersten Phase damit umgehen sollten.
Den Gewinn geheim halten. Richtig?
Wir sagen immer, dass es wichtig ist, Ruhe und Stillschweigen zu bewahren. Man sollte sich gut überlegen, wem man davon erzählt. Man sollte es nicht sofort in die Welt hinausposaunen. Sonst kann es passieren, dass der Druck von außen wächst. Wir haben die Erfahrung gemacht, dass dann Ansprüche abgeleitet werden, dass Menschen auf einen zukommen, die in eine finanzielle Schieflage geraten sind und fordern: „Du kannst mir ja von deinem Gewinn was abgeben.“ Außerdem ist in Deutschland der Neidfaktor relativ groß.
Aber wenn ich plötzlich in ein größeres Haus umziehe und ein teureres Auto fahre, dann wissen die Leute doch Bescheid.
Den Reichtum, den man hat, zu verbergen, das ist sicherlich die größte Kunst, die mit dem Gewinn zusammenhängt. Dann muss man sehen, dass man diesen Reichtum in eine Geschichte verpackt, die für Außenstehende plausibel ist und einem gleichzeitig Ruhe verschafft. Man kennt ja den Spruch: „Hast wohl im Lotto gewonnen?!“ Darauf könnte man erwidern: „Ja, Mensch, ich hab ein bisschen Glück gehabt. Ich hab 100.000 Euro geerbt.“
100 000 Euro gönnen einem die Leute?
Bei einer Million fängt es an kritisch zu werden. Man ist ja dann Millionär. Ich komme aus einer Generation, da musste man nicht mehr arbeiten, wenn man Millionär war.
Sie raten auch, das Geld nicht unter Verwandten aufzuteilen. Warum?
Wenn man Geld verteilt, dann kommen immer diese Ungerechtigkeiten. „Warum kriegt der so viel und ich ein bisschen weniger?“ Vielleicht gibt der eine seine Summe viel schneller aus als der andere und kommt dann wieder an: „Du hast doch noch genug.“ Viel wichtiger ist aber der Aspekt der Schenkungssteuer. Da sollte man sich vorher informieren. Die Höhe der Steuer hängt vom Verwandtschaftsgrad ab und auch vom eigenen Einkommen. Wenn man Menschen Geld schenken möchte, muss man aufpassen, dass man das gut portioniert.
Nach einem hohen Gewinn sofort den Job kündigen. Eine gute Idee?
Bloß nicht! Besser: Dem Chef sagen: „Ich möchte Urlaub nehmen. Oder mich aus persönlichen Gründen freistellen lassen.“ Spätestens in der Pandemie haben alle erkannt, wie wichtig soziale Kontakte sind. In dem Moment, in dem Sie Ihren Job kündigen, verlieren Sie, je nachdem was Sie machen, 80 Prozent der sozialen Kontakte. Wer sich hier entwurzelt, dem fehlt was. Ich habe im Bekanntenkreis jemanden, der kann sein Leben relativ frei gestalten, aber er findet keine Menschen, die ihn begleiten und den Tag mit ihm verbringen. Man sollte nicht vergessen: So ungern man manchmal zur Arbeit geht, es gibt dort auch Menschen, mit denen man gerne zusammen ist. Ein schleichender Ausstieg kann besser sein, und währenddessen sollte man sich um neue soziale Kontakte bemühen.
Geld kann auch einsam machen.
Definitiv. Sie wollen es ja teilen, aber Sie wollen auch nicht so offen damit umgehen. Weil Sie ein bisschen die Befürchtung haben: Meint der das ernst, ist das eine Freundschaft oder will der nur mein Geld? Deshalb ist es so wichtig, ruhig und bedacht vorzugehen.
Sie sind oft der erste Ansprechpartner für die Gewinnerinnen und Gewinner. Was sind die ersten Worte, die ein Neumillionär von Ihnen hört?
„Wie geht es Ihnen?“ Wenn er sagt, dass alles gut ist, dann frage ich, wie er es erfahren hat. Da bin ich immer sehr neugierig.
Sie rufen die Leute aber nicht an, oder?
Um Gottes Willen! Das machen wir nicht, das ist unseriös. Wie soll ich mich am Telefon legitimieren? Leider gibt es viele Betrüger, die mit der Lottomasche arbeiten. In der Regel warten wir, bis der Gewinner sich bei uns meldet. Wenn er uns bekannt ist, nehmen wir Kontakt per Brief auf, schreiben aber nicht mit rein, dass es ein hoher Gewinn ist. Die meisten kommen von sich aus.
Ist die Beratung Pflicht?
Nein, die ist freiwillig. Wer mich nicht kennenlernen möchte, ist selber schuld (lacht). Aber viele möchten das. Es ist ja ein positives Ereignis. Da ist der Besuch der Lottozentrale Teil des Gewinns, ohne dass wir hier mit Konfetti und Luftschlangen anfangen oder gar Sekt ausschenken. Aber die Leute fühlen sich hier sicher und frei in ihren Äußerungen.
Wie lange dauert so ein Gespräch?
Das längste ging mehr als acht Stunden. Da bat mich der Gewinner, für ihn bei seiner Bank anzurufen. Plötzlich war er in einer anderen Position, hatte Hemmungen. Ich vergleiche das gerne mit einem Fußballspiel. Man kommt aus der ersten, zweiten Liga und spielt auf einmal Champions League. Acht Stunden sind aber nicht die Regel. Der formale Teil geht relativ schnell. Wir kontrollieren die Spielquittung und regeln Dinge wie die Bankverbindung. Natürlich mit einem schönen Intro. Die Gewinnerinnen und Gewinner sollen sich erst mal Luft machen, die Möglichkeit haben, bei einer Tasse Kaffee oder einem Mineralwasser den Druck loszuwerden. Ich rate immer, sich 90 Minuten Zeit zu nehmen.
Da fließen sicher auch mal Tränen.
Freudentränen fließen des Öfteren. Wenn den Leuten bewusst wird, dass sie sich von einer gewissen finanziellen Last befreien können, fällt schon Druck ab. Menschen reagieren aber sehr unterschiedlich. Bei Männern ist es häufig so, dass sie sehr individuell und konkret denken. Wann gehen wir zur Bank? Was kaufen wir uns? Da fällt häufig das Wort Auto. Während Frauen eher an die Familie denken, an die Kinder oder Enkelkinder.
Reagiert der Sozialhilfeempfänger anders als der erfolgreiche Unternehmer?
Ich habe selten gut situierte Menschen hier sitzen. Wer Leistungen vom Staat erhält, ist meist froh, sich aus dieser Situation befreien zu können. Es gab aber auch Fälle, da wollten die Menschen trotz des hohen Gewinns nicht auf die soziale Hängematte verzichten. Da werde ich dann relativ deutlich. So ein Gewinn verpflichtet auch, erst recht, wenn man staatliche Hilfen annimmt.
Wem gönnen Sie die Millionen am meisten?
Ich gönne es allen. Ich bin nicht der Entscheider. Ich bin auch nicht die Glücksgöttin Fortuna, ich bin nur der Hermes, der Götterbote, der die Botschaft überbringt. Manche Leute leiten eine gewisse Dankbarkeit mir gegenüber ab. Das ist völlig fehl am Platz. Aber natürlich gibt es Schicksale, die mich hier begleitet haben. Ich hatte Menschen vor mir, die an den Rollstuhl gefesselt waren und die mir gesagt haben, sie gewinnen mit dem Geld Mobilität. Es gibt Menschen, für die ich mich über das normale Maß freue.
Was stellen die meisten Gewinner mit dem Geld an?
„Ich kauf‘ mir jetzt einen Zirkus“ hat noch keiner gesagt. Oft geht es um Immobilien, Autos und Weltreisen. Meistens sitzen Menschen vor mir, die nur ein bisschen ihr Leben aufpimpen wollen. Ein Gewinner hatte fast 20 Millionen beim Eurojackpot gewonnen. Er fragte mich: „Herr Trabalski, was würden Sie denn mit dem Geld machen?“
Und?
Ich habe zu ihm gesagt: „Ich glaube, ich würde eine Stiftung gründen. Da kann ich ein paar Millionen reingeben, ohne dass mir das wehtut.“ Ich würde etwas Gutes tun damit. Da gibt es den berühmten Spruch: Glück ist das Einzige, das sich verdoppelt, wenn man es teilt. Gerade wenn man ein gewisses Alter erreicht hat. Mir würde es gut gehen, wenn ich wüsste, dass ich was für Kinder tun kann.
Spielen Sie auch selbst Lotto?
Selbstverständlich.
Jede Woche?
Jede Woche! Ich habe meine Stammtipps im Internet. Immer die gleichen Zahlen. Und manchmal gebe ich einen kleinen Tipp an einer Annahmestelle ab. Aber nur einen kleinen. Denn wenn nicht ich, wer dann hat die Erfahrung gemacht, dass Glück auch nur 1,20 Euro kosten kann.
Einer von 139 Millionen schafft es, sechs Richtige zu tippen mit Superzahl. Warum spielen trotzdem so viele Menschen Lotto?
Es ist und bleibt ein Glückspiel. Ein Lottotipp ist wie der Eintritt ins Traumkino. Zu wissen: Da sind 20 Millionen im Jackpot. Und sich zu fragen: Was würde ich damit machen? Das löst ein gutes Gefühl aus.
Hand aufs Herz: Sind Sie nie neidisch gewesen?
Vielleicht hab ich mal gedacht: „Das hätte ich jetzt auch gern.“ Aber ich war nie neidisch. Mir nimmt niemand was weg. Wenn 20 Millionen am Start sind, sind mir vier Gewinner aber lieber als einer.
Mehr als 100 Gewinner betreut
Lutz Trabalski ist in Berlin geboren und aufgewachsen. Seit 40 Jahren arbeitet er in der Toto-Lotto-Zentrale in der Hauptstadt. Als Leiter der Kundenbetreuung ist er auch zuständig für die Gewinnerberatung. In den vergangenen 20 Jahren saßen Lutz Trabalski in seinem Büro in Berlin-Wilmersdorf mehr als 100 Millionengewinner gegenüber. Trabalski hat Umwelttechnik studiert. Er ist verheiratet und hat zwei erwachsene Kinder.
Hinweis: Dieser Text ist erstmals im April 2022 erschienen.


