Auch 34 Jahre später wirkt der Ort befremdlich. Das verrostete Riesenrad, die verlassenen Hochhäuser, die silberne Kuppel über dem Reaktor. Das Kernkraftwerk Tschernobyl, die Geisterstadt Prypjat – bis heute Mahnmale der größten Katastrophe in der Geschichte der Atomkraft.

Am vergangenen Sonntag, 26. April, jährte sich das Unglück erneut. Und nun ist sie wieder da: die Angst. Denn nur wenige Kilometer vom Katastrophenort entfernt brennt es lichterloh.

Tschernobyl: Wald in der Sperrzone steht in Flammen

In der Sperrzone wüten seit knapp 3 Wochen Waldbrände. Bäume, Büsche und Grasflächen stehen in Flammen. Es sind die verheerendsten Brände seit Jahren. Mehr als 11.000 Hektar Wald – eine Fläche von rund 11.000 Fußballfeldern seien schon abgebrannt, melden ukrainische Behörden. Umweltschützer gehen von einer weitaus größeren Fläche aus.

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Die Brände beschäftigen das Land. Mehr als 1000 Feuerwehrleute und Soldaten sind im Einsatz. In der Luft dröhnen Löschhelikopter. Am Boden donnern Planierraupen der Armee durch den Wald. Sie graben hunderte Kilometer Brandschneisen.

„Das Feuer kam direkt zum Zaun des Atomkraftwerks“

Die Helfer kämpfen. Doch mit jedem weiteren Tag steigt das Unbehagen. Die Brände sollen dem Katastrophenort sehr nah gekommen sein. „Das Feuer kam direkt zum Zaun des Atomkraftwerks, Gras und Büsche brannten, das ganze AKW war von Rauch umhüllt", sagte Jarowslaw Jemeljanenko, der Touristenführungen im Sperrgebiet organisiert, dem Spiegel. Alle radioaktiven Abfälle seien jedoch geschützt. Der Unglücksreaktor liegt unter einer massiven Kuppel, einem sogenannten Sarkophag, aus Stahl und Beton.

Dichte Rauchwolken über der Millionenmetropole Kiew

Trotzdem machen sich Umweltschützer Sorgen. Sie befürchten, dass die Flammen radioaktive Stoffe aus dem verseuchten Waldboden aufwirbeln. Menschen könnten die gefährlichen Partikel einatmen, sagt der Greenpeace-Atomphysiker Heinz Smital.

Das Zentrum der Angst ist Kiew. Die Millionenmetropole liegt nur knapp 70 Kilometer von der Sperrzone entfernt. Mitte April trieb starker Wind eine dichte Rauchwolke in die Stadt. Kiews Bürgermeister und ehemaliger Profi-Boxer Vitali Klitschko beschwichtigte. „In Kiew gibt es nur Rauch, keine Radioaktivität“, schrieb er auf Facebook. Ukrainische Behörden pflichteten bei: Bislang sei keine erhöhte Radioaktivität in der Region um Tschernobyl gemessen worden. Doch den offiziellen Informationen traut in der Stadt kaum jemand.

Präsident Selenskyj: „Niemand wird ihnen die Wahrheit verschweigen“

Tschernobyl ist wieder in den Köpfen der Ukrainer. Die Krise hat auch den Präsidenten Wolodymyr Selenskyj erreicht. Am vergangenen Sonntag, dem Jahrestag der Reaktorkatastrophe, besuchte er die Feuerwehrleute. „Ihr seid für uns Helden“, sagte der Staatschef zu den mehr als 1000 Feuerwehrleuten.

Selenskyj ist auf deren Hilfe angewiesen. Die Brände haben die Kritik am Präsidenten befeuert. Der Vorwurf: Er habe zu spät reagiert, informiere die Bevölkerung zu wenig. Selenskyj verteidigte sich. „Wir erinnern uns an die Lehren des 26. April 1986. Niemand wird ihnen die Wahrheit verschweigen“, sagte er in einer Videobotschaft. Er forderte die Bevölkerung zudem auf, nicht in Panik zu verfallen.

Droht eine radioaktive Wolke über Deutschland?

Deutschland unterstützt den Präsidenten. In der vergangenen Woche schickte die Bundesregierung Hilfsgüter ins Krisengebiet. Messgeräte für Radioaktivität, Feuerwehrschläuche, Löschfahrzeuge. Insgesamt habe die Hilfe einen Wert von 230 000 Euro, teilte die deutsche Botschaft in Kiew mit.

Die Unterstützung ist nicht nur ein Akt der Solidarität. Die internationale Ärzteorganisation zur Verhinderung eines Atomkriegs (IPPNW) warnt. In der Ukraine hätten sich bereits radioaktive Wolken gebildet. „Bei ungünstiger Wetterlage könnte auch der Rest Europas, auch Deutschland von den radioaktiven Wolken betroffen sein“, sagte Alex Rosen, Co-Vorsitzender der IPPNW. Allerdings: Eine konkrete Bedrohung für Deutschland sieht die Organisation bislang nicht.