„Geschenk für die Fleischindustrie“: Experten äußern sich zum veganen Wurst-Verbot

Stehen Veggie-Produkte wie dieses hier vor dem Aus? Das EU-Parlaments hat über einen Änderungsvorschlag für ein Gesetz abgestimmt, nach dem pflanzliche Ersatzprodukte nicht mehr Burger, Schnitzel oder Wurst heißen dürfen.
Marijan Murat/dpaKünftig könnten pflanzliche Produkte in der EU ihre bekannten Namen wie „Schnitzel“ oder „Wurst“ verlieren. Zumindest, wenn es nach einem Beschluss des EU-Parlaments geht, über den am heutigen Tag abgestimmt wurde.
Große Unternehmen, darunter Lidl, Burger King, Beyond Meat und Rügenwalder, warnten bereits vorab in einem offenen Brief an EU-Abgeordnete davor. Wie stark ein Verbot der Begriffe deutsche Unternehmen auch finanziell treffen könnte und was Experten zu dem Beschluss zu sagen haben.
EU stimmt für ein Verbot der veganen Wurst
Das EU-Parlament hat am Mittwoch (8.10.) mit einer Mehrheit von 355 zu 247 Stimmen bei 30 Enthaltungen beschlossen, vertraute Begriffe wie „Burger“, „Schnitzel“ und „Wurst“ für vegetarische und vegane Lebensmittel zu verbieten.
Ivo Rzegotta vom Good Food Institute Europe (GFI Europe), dem nach eigenen Angaben international führenden gemeinnützigen Think-Tank im Bereich Fleischalternativen, sieht die Entscheidung der EU kritisch: „Mit dem heutigen Votum hat sich das EU-Parlament klar gegen die Interessen der Verbraucher gestellt und gleichzeitig Unternehmen und Landwirten geschadet, die sich mit pflanzlichen Optionen breiter aufstellen wollen.“ Der Experte sieht den Beschluss als Bevormundung an und hält diesen für ein „albernes Sprachverbot“.
Die Organisation Foodwatch sieht ebenfalls „(...) keinerlei Belege, dass Verbraucherinnen und Verbraucher hier systematisch irgendwie in die Irre geführt werden.“ Andreas Winkler von Foodwatch sagt gegenüber dem WDR kurz nach der Abstimmung: „Kein Mensch greift aus Versehen zum Tofuwürstchen, weil er glaubt, es sind eigentlich Rinderwürstchen. Aus unserer Sicht oder unser Gefühl ist, hier geht es eigentlich eher nicht um Verbraucherschutz, sondern um ein Geschenk für die Fleischindustrie.“
Wie geht es nach dem Beschluss weiter?
Nach Angaben von Experten ist mit dem Beschluss das Vorhaben noch nicht rechtskräftig, sondern muss noch mit den Mitgliedstaaten im Rat und mit der Kommission geeint werden. Im nächsten Schritt kommt es also auch maßgeblich darauf an, wie sich die deutsche Bundesregierung positioniert.
Welche Argumente haben die Befürworter des Verbots?
Den Antrag brachte die Europäischen Volkspartei (EVP) ins Parlament ein. Der mit Abstand größten Fraktion des EU-Parlaments gehören auch CDU und CSU an. Die Befürworter des Verbots sehen eine Irreführung der Verbrauchenden, wenn diese in einem - mit „Schnitzel“ bezeichneten Produkt - kein Fleisch eines Tieres, sondern ein Produkt auf Pflanzenbasis vorfänden. Auch das Argument, man wolle Landwirte und den Ruf tierischer Lebensmittel schützen, wird angeführt.
Offener Brief von 60 Unternehmen: Das sind die Argumente der Verbotsgegner
Die Unterzeichnenden des offenen Briefes sehen den Sachverhalt ganz anders. Verbraucherinnen und Verbraucher wüssten demnach längst, dass in Veggie-Produkten kein Fleisch steckt. Vertraute Begriffe helfen aber, sich beim Einkauf zu orientieren, etwa was die Zubereitungsweise der Produkte angeht oder deren Geschmack.
Neue Fantasienamen würden eher für Verwirrung sorgen. Für die Unternehmen selbst hätte ein Verbot zudem teure Folgen: Verpackungen und Werbung müssten geändert, Marken neu aufgebaut werden. Besonders kleine Betriebe und die Gastronomie wären betroffen. Auch die Landwirtschaft würde leiden, weil die Nachfrage nach pflanzlichen Eiweißquellen sinken könnte. Deutschland als größter Markt für pflanzliche Alternativen in Europa hätte wirtschaftliche Einbußen in Millionenhöhe.
Der Lebensmittelhersteller Rügenwalder Mühle warnt beispielsweise vor gravierenden Folgen: „Die kurzfristigen Umstellungskosten schätzen wir auf einen einstelligen mittleren Millionenbetrag“, erklärte eine Unternehmenssprecherin. Rund 60 Produkte wären betroffen, deren Bezeichnungen und Verpackungen neu gestaltet werden müssten. Rügenwalder Mühle gilt als Marktführer im Bereich vegetarischer und veganer Ersatzprodukte. Nach eigenen Berechnungen könnte ein solches Verbot zu jährlichen Verlusten in zweistelliger Millionenhöhe führen, weil bis zu 20 Prozent der Neukunden abspringen könnten.
