Bluttat in Niedersachsen
: Soldat der Bundeswehr soll vier Menschen getötet haben

Ein Soldat der Bundeswehr wird verdächtigt, in Niedersachsen vier Menschen getötet zu haben, darunter ein Kind. Was ist bislang bekannt?
Von
Daniel Steiger
Scheeßel
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Niedersachsen, Scheeßel: Beamte der Spurensicherung gehen zu einem Einfamilienhaus in der Gemeinde Scheeßel. Ein Bundeswehrsoldat steht im Verdacht, vier Menschen im niedersächsischen Landkreis Rotenburg (Wümme) erschossen haben.

Sina Schuldt/dpa

Großeinsatz der Polizei in Niedersachsen: Dort soll ein 32–jähriger Mann in der Nacht zum Freitag im Landkreis Rotenburg (Wümme) vier Menschen erschossen haben.

Vier Menschen erschossen — was ist passiert?

Mitten in der Nacht, etwa um halb vier am Freitagmorgen, seien seine Eltern aus dem Schlaf hochgeschreckt, erzählt ein Nachbar in Scheeßel. Mehrere Schüsse fielen. „Man denkt, wenn man so was hört, dass das total weit weg ist“, sagt der 22–Jährige. „Aber dann aus dem Fenster zu gucken, wenn das so zwei Meter von einem entfernt ist — das ist natürlich ein ganz anderes Gefühl.“ Stunden später die traurige Gewissheit: Eine 55–jährige Frau und ein 30 Jahre alter Mann im Nachbarhaus sind tot.

Auch in Bothel — ebenfalls im Landkreis Rotenburg (Wümme) gelegen — fielen Schüsse. Eine 33–jährige Mutter und ihr dreijähriges Kind verloren dort ihr Leben. Ein Bundeswehrsoldat soll an den beiden Tatorten zur Waffe gegriffen haben. Weitere Angaben, beispielsweise zu den Beziehungen des Verdächtigen zu den Opfern, machte die Staatsanwaltschaft vorerst nicht. „Eine Motivlage im familiären Umfeld kann nicht ausgeschlossen werden“, teilten die Ermittler lediglich mit.

Polizisten sichern den Tatort in Bothel ab.

Kai Moorschlatt/dpa

Bundeswehr–Kaserne: Verdächtiger stellt sich

Ein ganz anderes Bild zeigt sich am Freitag in der Von–Düring–Kaserne in Rotenburg, wo unter anderem das Jägerbataillon 91 stationiert ist. Auf einem Besucherparkplatz vor der Kaserne untersuchen Ermittler ein schwarzes Auto auf Spuren, wie eine dpa–Reporterin beobachtete. Der Verdächtige soll am frühen Morgen mit dem Wagen dorthin gefahren sein, berichtet ein Sprecher der Polizei. Er sei ausgestiegen, auf die Wache zugegangen und habe sich gestellt. Die Polizei nahm den 32–Jährigen wenig später fest. Ein Richter erließ gegen ihn einen Haftbefehl wegen Mordes in vier Fällen, wie die Ermittler mitteilen. Der Deutsche sitze nun in Untersuchungshaft.

Polizei findet Molotowcocktail in Auto

Eine Flasche mit Textilfasern im Flaschenhals steht in der Tür eines Autos in der Nähe einer Kaserne. Ein Bundeswehrsoldat steht im Verdacht, vier Menschen im niedersächsischen Landkreis Rotenburg erschossen haben.

Sina Schuldt/dpa

In der Fahrertür seines Autos steckt ein Molotowcocktail, im Kofferraum neben einem Bundeswehr–Rucksack liegt Patronenmunition. Was der Soldat wohl damit vorhatte? Das müsse erst noch herausgefunden werden, sagt ein Sprecher der Polizei. Die Ermittler prüfen auch, ob die Tatwaffe von der Bundeswehr stammt. Bei der Bundeswehr fehlt nach dpa–Informationen in dem Zusammenhang jedoch keine Waffe.

Große Bestürzung über Tat

Verteidigungsministers Boris Pistorius zeigte sich bestürzt über die Tat. „Die mehrfache Tötung von unschuldigen Menschen in Scheeßel ist einfach grauenvoll“, sagte der SPD–Politiker am Freitag, wie eine Sprecherin des Bundesministeriums der Verteidigung mitteilte. Vieles spreche für eine Tat im Kontext einer privaten Beziehung. „Aber das ist alles Spekulation, daran will und kann ich mich jetzt nicht beteiligen“, sagte der Minister. „Mein Mitgefühl ist bei den Angehörigen der Opfer, so ein Verbrechen ist einfach furchtbar.“

Auch für die Anwohner in Scheeßel ist die Ungewissheit nur schwer zu ertragen. Warum mussten die Nachbarn im Haus nebenan sterben? In den ersten Stunden hätten ihn Hunderte Nachrichten erreicht, berichtet der 22–jährige Landwirt. Er selbst könne kaum noch an was anderes denken. Was waren die Hintergründe der Tat? Was wäre passiert, wenn er oder andere Nachbarn zu dem Zeitpunkt draußen gewesen wäre? „Das sind alles Sachen, die will man sich irgendwie gar nicht ausmalen.“

(mit Material von dpa und AFP)