Nachruf Stephen Hawking ist tot

Cambridge / Hendrik Bebber 14.03.2018

Seine Lebensdaten symbolisieren geradezu die Genialität von Stephen Hawking. Geboren wurde die Kultfigur der Wissenschaft am 300. Todestag von Galileo. Er starb mit 76 Jahren am 139. Geburtstag von Albert Einstein und am internationalen „Pi-Tag“, der die Mathematik feiert. So unendlich wie diese Kreiszahl sind auch seine Erkenntnisse und die Fazetten seines Lebens.

Der Atomphysiker Stephen Haw­king hat auf viele Fragen zur Entstehung des Kosmos eine Antwort gefunden. Doch eine große Wissenslücke hatte er, gestand er vor seinem 70. Geburtstag dem Wissenschaftsmagazin „New Scientist“: „Frauen. Sie sind für mich ein komplettes Rätsel.“

Bei einem Mann, der für seine geniale wissenschaftliche Arbeit so berühmt ist wie für seinen sarkastischen Humor und Selbstironie, sollte man diesen Ausspruch nicht auf die feministische Goldwaage legen. Die Kern­aussage zu den philosophischen Konsequenzen seiner Forschung wiegt schwer und beschäftigt nach wie vor unsere Gesellschaft.

Diese Kernaussage hatte Haw­king 1981 auf einer Kosmologie-Tagung im Vatikan aufgestellt: „Wenn das Universum einen Anfang hatte, können wir von der Annahme ausgehen, dass es durch einen Schöpfer geschaffen worden sei. Doch wenn das Universum wirklich völlig in sich selbst abgeschlossen ist, wenn es wirklich keine Grenze und keinen Rand hat, dann hätte es auch weder einen Anfang noch ein Ende; es würde einfach sein. Wo wäre dann noch Raum für einen Schöpfer?“

1988 hat er seine Theorien zur Entstehung des Universums und zur Quantenmechanik in dem Buch „Eine kurze Geschichte der Zeit“ erläutert. Es wurde ein internationaler Bestseller.

Zu dem Erfolg haben gewiss auch seine Lebensumstände beigetragen, wie Hawking in einem Interview mit dem „Guardian“ selbst mutmaßt: „Ich bin der Archetypus eines behinderten ­Genies. Die Menschen sind fasziniert von dem Gegensatz zwischen meinen extrem eingeschränkten körperlichen Fähigkeiten und dem gewaltigen Ausmaß des Universums, mit dem ich mich beschäftige.“

Er war 20 Jahre alt und hatte gerade sein Studium an der Universität Oxford begonnen, als die ersten Symptome der unheilbaren Krankheit Amyotrophe Lateral­sklerose (ALS) auftraten. Die Ärzte gaben ihm eine Lebens­chance von drei Jahren. Die Muskel- und Nervenlähmung zwang  Hawking in den Rollstuhl und er konnte sich später nur noch mit der Hilfe eines pupillengesteuerten Sprachcomputers verständigen.

Sein vitaler Geist hat aber über den hinfälligen Körper gesiegt. Hawking setzte seine wissenschaftliche Karriere und seine Forschungen umso energischer fort, bekam den renommierten Lehrstuhl für Astrophysik an der Universität Cambridge, heiratete, wurde Vater von drei Kindern und Verfasser einer ganzen Reihe von wissenschaftlichen Werken, die gleichermaßen revolutionär wie populär wurden.

Ebenso berühmt wie seine komplizierte Theorie über die Natur des „Schwarzen Lochs“ wurde sein selbstironischer Auftritt in der amerikanischen Comicserie der „Simpsons“. Dabei sagte er: „Ihre Theorie über die Schmalzgebäck ähnliche Form des Universums ist sehr interessant, Homer. Ich glaube, ich werde sie stehlen.“

Obwohl ihn Papst Benedikt bei seinem England-Besuch im September 2010 kritisierte, blieb Haw­king Mitglied der päpstlichen Akademie der Wissenschaften. „Man kann nicht beweisen, dass Gott nicht existiert“, hatte Hawking im gleichen Jahr gegenüber dem amerikanischen Fernsehsender ABC erklärt. „Aber die Wissenschaft macht Gott überflüssig.“

Hawking rechnete nicht damit, dass er nach seinem Tod herausfinde, ob sein Gegensatz von Wissenschaft und Theologie richtig oder falsch war. „Ich sehe das Gehirn wie einen Computer, der aufhört zu arbeiten, wenn seine Einzelteile nicht mehr funktionieren“, erklärte er gegenüber dem „Guardian“. „Es gibt kein Leben nach dem Tod für kaputte Computer.“

2012 hatte Hawking den wohl größten Auftritt seines Lebens. Auf der Eröffnungsfeier für die paralympischen Spiele in London moderierte er vor 70 000 Zuschauern im Stadium und Milliarden weltweit die Visualisierung des Urknalls. Als Symbol des hart erkämpften Triumphes über eine persönliche Tragödie sprach er mit Hilfe eines Sprachcomputers seine Botschaft an das „normale“ Publikum und die „behinderten“ Athleten: „Wir alle sind unterschiedlich. Es gibt keine standardisierte Schablone für einen Menschen. Aber wir alle teilen den gleichen menschlichen Geist. Es ist allein wichtig, dass wir eine schöpferische Fähigkeit besitzen. Diese kann viele Formen annehmen, vom sportlichen Erfolg bis zur theoretischen Physik. Wie schwer auch das Leben aussehen mag, so gibt es immer etwas, was man tun und damit Erfolg haben kann.“

„Schaut zu den Sternen!“

Eine letzte Botschaft Stephen Haw­kings geht um die Welt. „Es war eine großartige Zeit, um am Leben zu sein“, sagt er in dem Video, das die Universität Cam­bridge gestern ins Internet gestellt hat. „Unser Bild des Universums hat sich in den vergangenen 50 Jahren umfassend verändert und ich bin glücklich, wenn ich einen kleinen Beitrag leisten konnte.“

Er wolle seine Begeisterung für Physik teilen, sagt Hawking. „Deshalb schaut zu den Sternen und nicht hinab auf Eure Füße! (…) Seid neugierig, und wie schwer auch immer das Leben scheinen mag, so gibt es doch immer etwas, das ihr tun und worin ihr erfolgreich sein könnt. Es kommt darauf an, nicht aufzugeben.“

Das hat Hawking letztes Jahr auf einer Konferenz zu seinem 75. Geburtstag gesagt. Allein in den ersten drei Stunden nach seiner Veröffentlichung wurde das Video auf Facebook mehr als eine halbe Million Mal angesehen.

Hawking weiter: „Dass es uns Menschen, die wir selbst hauptsächlich Ansammlungen von Partikeln der Natur sind, möglich war, so nah an ein Verständnis der Gesetze zu kommen, die uns und das Universum regieren, ist ein großer Triumph.“

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